Wege zu einer funktionierenden Kapitalmarktunion

Wachstum hat in Europa oberste politische Priorität. Wichtig ist eine adäquat konzipierte Kapitalmarktunion, die auch Partnerländer wie die Schweiz einschliesst, damit sich die zu kleinen Kapitalmärkte entwickeln können.

Seit der Einführung des Binnenmarktes im Jahr 1992 hat die Europäische Union (EU) in puncto Finanzmarktintegration erhebliche Fortschritte gemacht. Die gesamte Marktkapitalisierung der EU beispielsweise stieg von 1,3 Billionen Euro im Jahr 1992 auf 8,4 Billionen Euro im Jahr 2013. Die vor Kurzem gegründete Bankenunion war ein wichtiger Schritt, doch es bleibt viel zu tun, damit der Finanzsektor seine entscheidende Rolle hinsichtlich der Förderung von Wirtschaftswachstum ausfüllen kann. (Siehe Box für zusätzliche Informationen). Einige europäische Kapitalmarktsegmente sind weiterhin stark reguliert und unterentwickelt. Infolgedessen sind die Kapitalmärkte der EU erheblich kleiner als die ihres grössten Handelspartners, der USA. Mit einer funktionierenden Kapitalmarktunion nach den Vorstellungen der neuen Europäischen Kommission eröffnen sich Möglichkeiten, neue Finanzierungsquellen zu erschliessen und die Widerstandsfähigkeit Europas gegenüber externen Schocks zu erhöhen. Darüber hinaus enden Finanzmärkte nicht an den Grenzen der EU.

Der 2013 von der Credit Suisse Group AG und der UBS AG gegründete Swiss Finance Council (SFC), der die Interessen von international tätigen Schweizer Finanzinstituten vertritt, weist in einem kürzlich veröffentlichten Diskussionspapier darauf hin, dass die «Konzeption, Entwicklung und Umsetzung sowohl der Bankenunion als auch der Kapitalmarktunion in Zusammenarbeit mit wichtigen Partnerländern − als Gesprächspartner, Mitwirkende und Partner − für alle Seiten erhebliche Vorteile mit sich bringen würde». (Siehe Box unten für weitere Informationen über den SFC)

Europäische Firmen erhalten Kredite von Banken, US-Firmen von den Kapitalmärkten

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Europa und den USA besteht darin, dass die Mehrheit der Unternehmensfinanzierungen in Europa aus dem Bankensystem, in den USA hingegen aus den Kapitalmärkten stammt. Tendenziell stehen Unternehmen in den USA vor weniger Hindernissen und haben leichter Zugang zu den Kapitalmärkten als in Europa. Am Beispiel der USA ist erkennbar, dass nicht nur Grossunternehmen sondern auch Klein- und Mittelbetriebe (KMU) Wertschriften wie Anleihen oder Aktien für ihre Finanzierung einsetzen können. «Die starke Abhängigkeit von der Bankenfinanzierung führt zu einem erheblichen wirtschaftlichen Schaden in Europa, insbesondere für KMU, auf die fast 60 Prozent des Mehrwerts und zwei Drittel der Beschäftigungszahlen entfallen», so der SFC. Zwar dominieren bei der Bereitstellung von Krediten für europäische Firmen weiterhin EU-Finanzinstitute, doch entfällt ein signifikanter Anteil der Gesamtvergabe auf Institute aus Nicht-EU-Ländern – und dieser Anteil dürfte weiterhin ansteigen (siehe nebenstehende Grafik).

Marktfragmentierung drückt auf Wachstum, führt zu höheren Kosten

«Europas Herausforderung umfasst mehr als die Schaffung von Alternativen zur Kreditvergabe von Banken … das Finanzsystem muss mit einer wettbewerbsfähigeren und effizienteren – und letzten Endes einer wachstumsfreundlicheren – Struktur ausgestattet werden», betont der SFC. Nationale Unterschiede im Vertragsrecht, Insolvenzrecht, im Steuersystem sowie in den Verbraucherschutz-, Zahlungs- und Wertpapierabwicklungssystemen werden oftmals als Faktoren angeführt, die einer weiteren Integration des EU-Finanzmarktes im Wege stehen. Ein wirklich integrierter europäischer Kapitalmarkt bietet ein sehr hohes Potenzial, wie mit Blick auf die USA nur allzu deutlich wird. Neue Unternehmensanleihen stellen fast ein Viertel der gesamten Schulden in den USA dar, in Europa hingegen nur ein Achtel. US-Kapitalmärkte sind nicht nur grösser, sondern weisen auch eine höhere Liquidität aus; dies ermöglicht letztlich günstigere Finanzierungen für US-Unternehmen – ein weiterer Nachteil in puncto Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen.

Der europäische Kapitalmarkt könnte doppelt so gross sein

Auch die Kapitalisierung der US-Aktienmärkte fällt deutlich höher aus: 92 Prozent des BIP gegenüber 42 Prozent des BIP im Euroraum. Der IPO-Markt in den USA ist in der Regel viel aktiver als der in Europa. Hätten die Kapitalmarktemissionen im Verhältnis zum BIP in Europa zwischen 2009 und 2014 ähnliche Werte wie in den USA erreicht, wäre der Markt heute doppelt so gross: 9 Billionen Euro statt 4 Billionen Euro (siehe nebenstehende Grafik). Das Leveraged-Loan-Segment, Investment-Grade-Anleihen und Märkte für High-Yield-Anleihen dürften Schätzungen zufolge das grösste Wachstumspotenzial bieten.

Die richtige Entscheidung treffen

Europa steht am Scheideweg. «Kein europäisches Land in oder ausserhalb der EU kann es sich leisten, offenen Märkten und grenzüberschreitendem Engagement den Rücken zu kehren. … Vielmehr kann Europa aktiv mit einem expansiveren und multilateralen Ansatz nach Erfolg streben, bei dem die Märkte offen bleiben und insbesondere auch wichtige Partner einbezogen werden», so der SFC. Die Einbeziehung von Partnerländern, wie etwa der Schweiz, in die Kapitalmarktunion könnte die Kapitalmarkttiefe verbessern und Europas Wirtschafts- und Finanzsystem erheblich stärken.