Wie der Wechselkurs den Schweizer Detailhandel bewegt
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Wie der Wechselkurs den Schweizer Detailhandel bewegt

2015 hinterliess der starke Franken nicht nur in den Umsätzen der Detailhändler tiefe Spuren. Auch die globalen Preisunterschiede rückten ins Rampenlicht. Deren Ursprung liegt vor allem in den Erstellungskosten.

Die Aufhebung des EUR/CHF-Mindestkurses zu Beginn von 2015 hinterliess im Schweizer Detailhandel tiefe Spuren. Zwar senkten die Schweizer Detailhändler aufgrund der Frankenaufwertung ihre Preise in den ersten Monaten von 2015 deutlich. Trotzdem nahmen die Auslandeinkäufe der Schweizer Bevölkerung auf einem bereits hohen Niveau nochmals erheblich zu, sodass ein beachtlicher Teil der Schweizer Kaufkraft ins Ausland abfloss. Zudem wirkte sich die Frankenstärke vor allem im zweiten Halbjahr 2015 negativ auf die Konsumentenstimmung aus. Die sich im Jahresverlauf anhäufenden Meldungen über Stellenreduktionen – die häufig im Zusammenhang mit dem starken Franken standen – waren mitverantwortlich dafür, dass der Index der Konsumentenstimmung im zweiten Halbjahr 2015 deutlich unter seinen langjährigen Durchschnitt absackte. All dies führte dazu, dass der Schweizer Detailhandel 2015 gegenüber dem Vorjahr ein deutliches Umsatzminus von rund 1,7 Prozent verbuchen musste.

Auslandeinkäufe entsprachen 2015 rund 10 Prozent des Schweizer Detailhandelsumsatzes

Bereits vor der Mindestkursaufhebung tätigte die Schweizer Bevölkerung jährlich Auslandeinkäufe in Milliardenhöhe. Mit der ersten Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro in den Jahren 2010 und 2011 nahm der Einkaufstourismus deutlich zu, stabilisierte sich dann jedoch in den darauffolgenden drei Jahren auf hohem Niveau. 2015 nahmen die Auslandeinkäufe der Schweizer Bevölkerung dann erneut um schätzungsweise 8 Prozent zu und erreichten einen Wert von annähernd 11 Milliarden Franken. Dies entspricht rund einem Zehntel des Gesamtumsatzes im Schweizer Detailhandel.

2016 dürfte dem Detailhandel leichte Entspannung bringen

2016 dürfte sich die Lage im Schweizer Detailhandel leicht entspannen. Dank Negativzinsen und sporadischen Fremdwährungskäufen der Schweizerischen Nationalbank dürfte der EUR/CHF-Wechselkurs bei rund 1.10 verharren. Der Einkaufstourismus wird sich deshalb voraussichtlich auf dem hohen Niveau von 2015 stabilisieren. Die Konsumentenstimmung dürfte sich zwar nicht markant aufhellen. Dank des etwas höheren verfügbaren Einkommens und des robusten Bevölkerungswachstums ist zu erwarten, dass sich die Nachfrage 2016 dennoch besser entwickeln wird als 2015. Die Preisrückgänge im Detailhandel dürften sich 2016 abschwächen und die nominalen Umsätze dürften sich stabilisieren.

Offenkundige Preisdifferenzen zum Ausland

Mit den stark gewachsenen Auslandeinkäufen der Schweizer Bevölkerung und dem rasch wachsenden Onlinehandel sind die ausländischen Anbieter zu ernstzunehmenden Konkurrenten für die heimischen Detailhändler geworden. Damit musste sich der Schweizer Detailhandel in den letzten Jahren auch immer stärker internationalen Preisvergleichen stellen. Bei diesen Vergleichen treten offenkundige Unterschiede zutage. Die Analyse im Retail Outlook 2016 zeigt, dass die Preise für Lebensmittel in der Schweiz durchschnittlich 30 Prozent, jene für Möbel 26 Prozent und jene für Bekleidung 38 Prozent höher sind als in den wichtigsten Herkunftsländern der entsprechenden Schweizer Importe (vorwiegend EU-15-Länder, China, Osteuropa und die USA).

Für Preisunterschiede grösstenteils Erstellungskosten verantwortlich

Der Retail Outlook 2016 zeigt, dass der Grossteil der Schweizer Haushaltsausgaben für Lebensmittel, Möbel und Bekleidung an Schweizer Händler, Produzenten und Zulieferer fliesst. Deshalb lassen sich die Konsumentenpreisunterschiede zwischen der Schweiz und anderen Ländern hauptsächlich auf höhere Erstellungskosten in der Schweiz zurückführen. Ein wichtiger Grund für die Preisunterschiede sind dabei die Arbeitskosten, welche vor allem bei der Herstellung der drei untersuchten Gütergruppen einen bedeutenden Kostenfaktor darstellen. Diese sind in der Schweizer Industrie deutlich höher als in den wichtigsten Herkunftsländern der Importe. Auch die Inputgüter für die Produktion sind in der Schweiz teurer als ihre Pendants im Ausland. Die Arbeitskosten im Detail- und Grosshandel sind in der Schweiz ebenfalls deutlich höher als in den wichtigsten Herkunftsländern. Allerdings gehören die Arbeitskosten nicht zu den wichtigsten Kostenfaktoren im Handel. Hier spielen Transport- und Logistikkosten sowie Mieten für Lager- und Verkaufsflächen eine wichtigere Rolle. Auch in diesem Bereich ist der Standort Schweiz relativ teuer. Einzig die Kapitalkosten und die Mehrwertsteuer sind in der Schweiz tiefer als im Ausland. Da der Anteil der Kapitalkosten am Produktionswert in den drei Industrien und im Handel in den meisten Herkunftsländern jedoch relativ tief ist, fällt dieser Vorteil der Schweiz kaum ins Gewicht. Der tiefe Mehrwertsteuersatz in der Schweiz sorgt dafür, dass die Preisdifferenzen zum Ausland nicht noch grösser sind.

Frankenaufwertung kann Schweizer Haushaltsausgaben deutlich senken

Ein beträchtlicher Teil der Schweizer Haushaltsausgaben fliesst an ausländische Anbieter. Von den Schweizer Haushaltsausgaben für Lebensmittel gehen über importierte Produkte und Vorleistungen 21 Prozent an ausländische Händler und Produzenten. Bei Möbeln sowie Textilien und Bekleidung beträgt der Auslandanteil 22 Prozent bzw. 43 Prozent. Diese internationale Verflechtung des Detailhandels führt dazu, dass Wechselkursschwankungen einen unmittelbaren Effekt auf die Konsumausgaben der Schweizer Haushalte haben. Im Retail Outlook 2016 wird das Ausmass dieses Effekts in einem Szenario berechnet, in dem sich der Franken gegenüber dem Euro um 15 Prozent aufwertet und die Währungsvorteile auf sämtlichen Wertschöpfungsstufen weitergegeben werden. Bei gleichbleibendem Verhalten sowohl auf Angebots- wie auch auf Nachfrageseite (zum Beispiel keine Anpassung des Sortiments oder der Einkäufe) sinken die Haushaltsausgaben für Lebensmittel in diesem Szenario um 2,2 Prozent, jene für Möbel um 1,9 Prozent und jene für Bekleidung um 3,3 Prozent. Nimmt man die Haushaltsausgaben von 2011 als Berechnungsbasis, entspricht dies insgesamt rund 1.3 Milliarden Franken.