Wie geht es der Schweiz?

Der Wohlstand in der Schweiz ist hoch und im Vergleich zu den meisten anderen Ländern relativ gleichmässig verteilt. Dies ist nicht zuletzt das Resultat eines politischen Systems, das auf Kooperation und Ausgleich ausgerichtet ist. Doch dieses System wird in Zukunft stark gefordert sein.

Mit Frankreich und Italien stecken zwei unserer drei grossen Nachbarländer in einer Wirtschaftskrise. Die Schweizer Wirtschaft indes läuft – immer noch – auf Hochtouren. Zwar hat die globale Finanzkrise im Jahr 2008 auch unser Land getroffen, aber seit 2010 wächst das Bruttoinlandprodukt inflationsbereinigt jährlich mit rund 2 Prozent. 

Der Eindruck eines Wirtschaftswunders Schweiz wird verstärkt durch den sogenannten Superzyklus: Wir erleben mindestens seit der Finanzkrise einen ausserordentlichen Wachstumsschub, der generiert wird aus dem Zusammenspiel von tiefen Zinsen (die als Folge der Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank gegen die Frankenaufwertung auf null gesunken sind), starker Zuwanderung von recht einkommensstarken Migranten und einer steigenden Nachfrage nach Immobilien.

Während uns die Folgen dieses Superzyklus eher Sorgen bereiten, legen viele Masszahlen dar, dass es der Schweiz tatsächlich gut geht:

  • Beim Pro-Kopf-Einkommen liegt die Eidgenossenschaft mit beinahe CHF 75'000 (2013) ganz weit vorne. Nur gerade Luxemburg, das wegen seiner starken Fokussierung auf den Finanzsektor einen Sonderfall darstellt, und einige erdölexportierende Kleinstaaten (inklusive Norwegen) stehen in dieser Rangliste noch weiter oben.
  • Auch um die hohen Lebenskosten bereinigt, nimmt das Pro-Kopf-Einkommen der Schweiz einen Spitzenplatz ein. Neben den oben genannten Ländern liegen nur gerade die USA und Hongkong weiter vorn.
  • Im Vergleich mit diesen zwei Ländern ist jedoch die Einkommensverteilung in der Schweiz «flacher» und damit ist unser Wohlstand aus gesellschaftlicher Sicht höher. Im OECD-Vergleich belegt die Schweiz bei der Verteilung der Primäreinkommen (also vor staatlichen Umverteilungsmassnahmen), gemessen am sogenannten Gini-Koeffizienten, nach Südkorea einen Spitzenplatz.

Viele weitere, spezifischere Indikatoren zeigen, dass es dem Land gut geht:

  • Die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung ist hoch, was sich in einer hohen Lebenserwartung spiegelt. Sie lag 2012 bei Frauen in der Schweiz bei 84,9 Jahren (versus 82,8 im OECD-Durchschnitt) und bei Männern bei 80,6 Jahren (77,5 für die OECD).
  • Die Kriminalität ist immer noch gering. Pro 100'000 Personen gab es in der Schweiz 2012 lediglich 0,6 Morde, in der OECD sind es 2,1, wobei Mexiko mit 22,8 die Statistik verzerrt.
  • Die Luft in der Eidgenossenschaft ist gemessen am Feinstaub pro Kubikmeter sauberer, die Verschmutzung unserer Gewässer geringer als in beinahe allen anderen europäischen Ländern.
  • Die hohe Kaufkraft hat es 2012 jedem Schweizer erlaubt, 1,8 Reisen mit Übernachtungen ins Ausland zu unternehmen, und jeder Schweizer hat 2010 mit dem Flugzeug rund 5'200 Kilometer zurückgelegt.

Natürlich gibt es in der Schweiz Armut, gleichzeitig steht ausser Zweifel, dass die Schweiz in materiellen Belangen im engeren und weiteren Sinn einen globalen Spitzenplatz einnimmt.

Darum geht es der Schweiz gut

Der Schweizer Wohlstand hat viele Ursachen. Sie liegen teilweise tief in der Geschichte des Landes begründet. Weder ihre Rangordnung noch ihr Einfluss kann genau bestimmt werden, aber alle sind ohne Zweifel wichtig.

Unter anderem sind dies:

  • eine über 150 Jahre anhaltende, ausserordentliche politische Stabilität;
  • eine freiheitliche Rechtsordnung, die Sicherheit und Freiraum für unternehmerische Entfaltung schafft;
  • eine (kleinbäuerliche) Gesellschaft, die den Ausgleich von Interessengegensätzen über Jahrhunderte geübt hat und so zum Beispiel das Konfliktpotenzial zwischen Kapital und Arbeit limitieren konnte;
  • eine spezielle Kombination wissenschaftlicher und handwerklicher Tradition – widerspiegelt auch im dualen Bildungssystem der Schweiz –, die technischen Fortschritt ermöglicht und damit zur Vielfalt und Stärke der Wirtschaftsstruktur beiträgt;
  • über weite Perioden offene Grenzen, welche die Zuwanderung ausländischer Unternehmen und später ausländischer Arbeitskräfte erleichterten;
  • eine Tradition monetärer Stabilität, die auch durch die Interessen des Bankenplatzes gefördert wurde;
  • effiziente staatliche Instanzen sowie ein dadurch geschärftes finanzpolitisches Verantwortungsbewusstsein;
  • eine qualitativ hochstehende Infrastruktur;
  • und schliesslich der Zwang zur Fokussierung auf den internationalen Handel, der sich aus Ressourcenarmut und der Geografie ergab.

Heute verfügt die Schweiz über einen Mix von erfolgreichen globalen Grosskonzernen und von unzähligen KMU, die sich ebenfalls in einem äusserst breiten und globalen Wirkungskreis bewegen.

Dabei ist der Anstieg des Schweizer Wohlstands nicht linear verlaufen. Er wurde immer wieder durch zyklische Schwankungen oder durch die Notwendigkeit struktureller Anpassungen in der Gesamtwirtschaft oder in einzelnen Sektoren zurückgeworfen oder zumindest unterbrochen. Solche Zäsuren wurden jedoch meist recht schnell bewältigt und stärkten die Wirtschaft, sei es nach der Krise der 1970er Jahre, die den Abschied von einer stark arbeits- und energieintensiven Produktion einleitete, der Krise und dem Comeback in der Uhrenindustrie in den 1980er Jahren oder dem Umbau der schweizerischen Chemie- zu einer global führenden Pharmabranche in den 1990er Jahren.

Den Lehren aus der Immobilien- und teils Bankenkrise Anfang der 1990er Jahre ist es wohl zu verdanken, dass die Schweizer Wirtschaft heute sehr gut dasteht. Im Moment sieht sich der Finanzplatz einer Zäsur ausgesetzt. Sie ist einerseits Folge der Finanzkrise und der dadurch notwendig gewordenen Rekapitalisierung und Neuregulierung des Bankensystems und anderseits des internationalen Drucks im Bereich der Steuerkonformität. Auch hier wird es für den zukünftigen Erfolg der Schweizer Wirtschaft zentral sein, dass der Umbau rasch und entschlossen angegangen wird.

Was zu tun ist, damit es uns auch in Zukunft gut geht

Welchen Herausforderungen sich die Schweiz längerfristig gegenübersieht, ist heute nicht abzusehen. Zu sehr kann sich das Umfeld wandeln.

Einige der Herausforderungen aber sind identifizierbar:

  • In den kommenden Jahren könnten uns Veränderungen im konjunkturellen Superzyklus vor Probleme stellen. Zu hoffen ist, dass dieses Phänomen sanft ausläuft, indem sich das Immobilienangebot weit genug ausweitet, um den Preisanstieg zu stoppen, während gleichzeitig die Nachfrage graduell abflacht, unter anderem als Folge der Kreditbeschränkungen durch die Banken.
  • Ein unangenehmes Szenario wäre ein starker Einbruch der Nachfrage – zum Beispiel als Folge eines starken Rückgangs der Einwanderung – und darauf ein sich rapide entwickelndes Überangebot an Wohnfläche und Geschäftsliegenschaften. Primär betroffen wären wohl Entwickler von Grossprojekten sowie allenfalls Bauunternehmen und als Folge davon das Kreditportefeuille von Banken. Erfahrungen im In- und Ausland zeigen, dass es in einer derartigen Situation zentral ist, die Bereinigung der Probleme möglichst rasch anzugehen und nicht aus Rücksichtnahme auf politische Sonderinteressen zu verschleppen.
  • Die Neuregelung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur EU, zum dominanten Wirtschaftspartner der Schweiz, wird in den kommenden Jahren von zentraler Bedeutung sein. Die Annahme der «Masseneinwanderungsinitiative» hat die Ausgangslage erschwert. Auch hier wäre eine «sanfte Landung» wünschbar. Dazu wäre eine Umsetzung der Initiative notwendig, die einerseits den Volkswillen respektiert und andererseits von der EU akzeptiert, also nicht als Zuwiderhandlung gegen das Prinzip der Personenfreizügigkeit gesehen wird. In diesem Fall könnten die bilateralen Verträge untangiert bleiben. Allerdings: Auch unter diesen Bedingungen wird es nicht einfach sein, die Beziehungen zur EU weiter zu vertiefen – zum Beispiel in Form eines generellen oder auf die Finanzindustrie abgestimmten Dienstleistungsabkommens. Ein viel negativeres Szenario wären hingegen sehr restriktive Kontingente für Einwanderer, gefolgt von einer Kündigung der bilateralen Verträge. Dies könnte zu einer Stagnation der Schweizer Wirtschaft führen.
  • Längerfristig sieht sich die Schweiz, wie viele Industrieländer, mit der weitverzweigten Problematik des Alterns konfrontiert. Nebst medizinischen Herausforderungen, etwa der Zunahme von Alterskrankheiten wie Demenz, sind die zentralen Probleme finanzieller Natur: Es geht darum, finanzielle Versprechen an die demografische Realität anzupassen, sei es im Bereich der staatlichen Altersvorsorge, der privaten Vorsorge sowie der Gesundheitsversorgung. Schliesslich geht es darum, die durch den Abgang der Babyboomer entstehende Lücke am Arbeitsmarkt zu füllen beziehungsweise durch Kapital zu ersetzen. Sofern die Märkte für Arbeit und Kapital richtig funktionieren, sollte sich dieses Problem jedoch lösen lassen.

Um die zentralen Herausforderungen der Schweiz erfolgreich zu meistern, braucht es den richtigen Mix zwischen marktwirtschaftlichen Ansätzen und staatlichen Eingriffen. Auf diesen Mix wird man indes ohne politische Kompromisse nicht kommen. In jüngster Zeit scheinen derartige Kompromisse schwieriger geworden zu sein. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies nach den Parlamentswahlen im kommenden Jahr ändern wird. Und zu hoffen ist, dass die politische Stabilität auf der globalen und europäischen Ebene grundsätzlich bewahrt bleibt. Denn die Schweizer Wohlfahrt hängt nicht zuletzt davon ab, wie die Lage in den Ländern um uns herum aussieht. Trotz all ihrer historisch gewachsenen Stärken sähe deshalb – je nach Situation – die Zukunft der Schweiz andernfalls viel weniger positiv aus.

Bulletin 5/14 – 25 Fragen zur Schweiz >