Wie Familienunternehmen über Generationen hinweg erfolgreich bleiben
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Wie Familienunternehmen über Generationen hinweg erfolgreich bleiben

Unternehmen im Familienbesitz gehören zu den wichtigsten Stützen einer jeden Volkswirtschaft. Die Schattenseite: Nur wenige schaffen es, über mehrere Generationen hinweg erfolgreich zu bleiben. Das muss nicht sein.

«Die erste Generation schafft das Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte.» Der in Unternehmerkreisen geläufige Spruch deutet an: Über mehrere Generationen hinweg erfolgreich bleiben, ist die grosse Herausforderung für Familienunternehmen. Ein neues White Paper der Credit Suisse bietet Lösungsansätze.

Nehmen wir zum Beispiel Daniel Torres (60): Unternehmer aus Madrid, der 1989 sein eigenes Pharmaunternehmen gründete. Er ist verheiratet mit Elena (57) und hat zwei erwachsene Kinder. Unternehmertum liegt ihnen im Blut. Alle vier führen ihre eigene Firma, in unterschiedlichen Branchen. Daniel hegt einen Wunsch: Sein Unternehmen soll im Besitz der Familie bleiben.

Oder Osamu Murakami (70) und seine Schwester Akira (65) aus Tokio: Ihre Firma stellt seit 1980 hochwertiges Reisegepäck her und konnte sich erfolgreich im Markt etablieren. Ihre Kinder arbeiten alle im Unternehmen. In den letzten Jahren hat sich der Wettbewerb verschärft, und die nächste Generation setzt auf Innovation. Osamu und Akira hegen Zweifel.

Zwei Beispiele, zwei zentrale Probleme: Geschäftsstrategie, Nachfolgeplanung. «Betriebe im Familienbesitz stehen vor einer doppelten Herausforderung», erklärt Cristina Cruz, Academic Director des Entrepreneurship Department und Professorin für Entrepreneurial Management und Family Business an der IE Business School in Madrid. «Einerseits müssen sie ihren geschäftlichen Erfolg langfristig sichern. Und ihn andererseits mit ihren familiären Strukturen und Werten in Einklang bringen. Das ist ein heikler Balanceakt.» Hier setzt ein neues White Paper an, das kürzlich von der IE Business School in Zusammenarbeit mit der Credit Suisse lanciert wurde. Der Fokus: Wie können Unternehmen im Familienbesitz über verschiedene Generationen hinweg erfolgreich sein?

Die nächste Generation frühzeitig einbinden

Tatsache ist: Unternehmen im Familienbesitz sind grundsätzlich erfolgreicher als vergleichbare Unternehmen. In allen Regionen und Branchen übertreffen sie die breiter gefassten Aktienmärkte – seit 2006 durchschnittlich um 400 Basispunkte pro Jahr. Sie wachsen schneller und sind profitabler, wie die letzte Studie des Research Instituts der Credit Suisse (CSRI) zeigt. 

Die Krux: Nur ein Bruchteil von ihnen übersteht die vierte Generation. Dem geht das White Paper auf den Grund. «Jede Familie ist einzigartig», betont Cruz. «Wichtig ist zu verstehen, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Und wie sie die nächste Generation in diese Prozesse einbinden.» Seitens der Firmengründer heisst das, einen möglichen Kontrollverlust zu akzeptieren und für die Ideen der Jungen offen zu sein. Für die Erben bedeutet es, die familiären Werte zu schätzen. Die nächste Generation, so die Studie, sei sich bewusst, dass die familiären Werte – dies umfasst Aspekte wie Kontrollmechanismen, Identifizierung der Familie mit dem Unternehmen, soziale und emotionale Bindungen – die Einzigartigkeit eines Unternehmens ausmache. «Die ältere Generation muss die familiären Werte aktiv an die jüngere Generation weitergeben. Dieses Wissen können sie nirgendwo anders erwerben», hält Cruz fest.

43 Prozent der Familienunternehmen haben keine Nachfolgeplanung. Nur 12 Prozent schaffen es bis zur dritten Generation

PwC Family Business Survey 2016

Und doch: Den spezifischen Werten eines Familienunternehmens Rechnung tragen – in Cruz’ Worten das sozio-emotionale Vermögen – ist nur die eine Seite. Letztlich geht es um ein «doppeltes Gleichgewicht», sozusagen die Zauberformel für nachhaltigen Erfolg. In der einen Waagschale: das finanzielle Vermögen. Der goldene Mittelweg zwischen der Optimierung bestehender Ressourcen und Strategien (Exploiting) sowie der Innovations- und Anpassungsfähigkeit (Exploring). In der anderen Waagschale: das sozio-emotionale Vermögen. «Sind all diese Faktoren gleichwertig, stehen die Voraussetzungen optimal, über Generationen hinweg erfolgreich zu sein», so Cruz.

Eine Frage der richtigen Balance

Wo würde Cruz bei den Torres und Murakamis ansetzen? «Wichtig ist eine Standortbestimmung», erläutert Cruz. «Sehr unternehmerische Familien wie die Torres müssen für sich entscheiden: Wollen sie aus einem individuellen Traum eine gemeinsame, generationenübergreifende Vision entwickeln? Gibt es Synergien zwischen den einzelnen Firmen? Wenn ja: Was wäre ihr Vorteil gegenüber Mitbewerbern?». Die Familie Murakami hingegen steht für ein Musterbeispiel an betrieblicher Effizienz, auf Kosten der Innovation und der familiären Werte. «Hier könnten die Ideen der nächsten Generation neue Impulse liefern. Letztlich geht es auch hier darum: Nur wenn die Balance zwischen betrieblicher Ausrichtung und familiären Werten stimmt, gelingt der Schritt vom Familienunternehmen zur nachhaltig unternehmerischen Familie.»