Ölpreis im Keller
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Ölpreis im Keller

In letzter Zeit scheinen die Rohölpreise nur noch eine Richtung zu kennen: Immer wenn es aussieht, als wäre die Talsohle erreicht, geht es noch ein Stück weiter bergab.

Der jüngste Tiefststand datiert vom 24. August, als der Preis der Sorte West Texas Intermediate (WTI) auf 38,22 US-Dollar fiel, den niedrigsten Stand seit 2009. Mittlerweile ist der Preis auf rund 46 Dollar pro Barrel gestiegen, doch vor einem Jahr war er mit 93 Dollar mehr als doppelt so hoch. Brent-Rohöl fiel Ende August ebenfalls auf ein Sechs-Jahres-Tief von 42,69 Dollar pro Barrel und notierte auch Ende September noch bei 48 Dollar. Ein Jahr zuvor kostete ein Barrel Brent fast 100 Dollar.

Die aktuellen Tiefpreise sind grösstenteils auf eine neue Angebotsdynamik an den globalen Energiemärkten zurückzuführen. Die erste Veränderung dieser Dynamik ergab sich, als Saudi-Arabien, lange Zeit der weltweite Ausgleichsproduzent, beschloss, angesichts der schnell wachsenden Produktion ausserhalb der OPEC nicht den Preis, sondern seinen Marktanteil zu stabilisieren, und die Förderung nicht drosselte, um die Preise auf dem erklärtermassen präferierten Niveau von 100 Dollar für ein Barrel zu halten. Der Entscheid, die Ölförderung unvermindert fortzusetzen, katapultierte die USA in die Rolle des neuen Ausgleichsproduzenten, doch die Amerikaner zeigten sich von einer Drosselung ebenso wenig begeistert wie die Saudis. Die Anleger haben angesichts der sinkenden Erdölpreise zwar das Interesse an Aktien von US-Energieunternehmen verloren, aber sie leihen ihnen weiterhin Geld zur Finanzierung ihres Betriebs. So hat das Angebot an US-Öl seit Anfang 2014 in jedem Quartal stark zugelegt. Insgesamt stieg das globale Ölangebot im Jahr 2014 um 2,1 Prozent, die globale Nachfrage dagegen nur um 1,1 Prozent.

Wie lange wird diese Dynamik anhalten? Aus Sicht der OPEC könnte sie eine Weile Bestand haben. Die Credit Suisse geht davon aus, dass die Produktion in den meisten Mitgliedstaaten der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) bis Ende 2016 stabil bleibt. Saudi-Arabien braucht viel Geld, um seine grosszügigen Subventionen zu finanzieren, doch Jan Stuart, Global Energy Economist der Credit Suisse, weist darauf hin, dass das Land rund 650 Milliarden Dollar an Reserven aufgebaut hat und die neue Führung auch zur Emission von Anleihen bereit ist, solange die Aufrechterhaltung der Produktion zu tiefen Preisen einem langfristigen strategischen Zweck dient. Die Energieanalysten der Credit Suisse gehen davon aus, dass Saudi-Arabien bis 2016 «seine relativ hohen Exporte in etwa beibehalten, aber nicht steigern wird», während der Iran das weltweite Angebot im nächsten Jahr um 800'000 Barrel pro Tag erhöhen könnte.

Wenn die Preise steigen sollen, müssten also entweder die Vereinigten Staaten oder andere Nicht-OPEC-Produzenten die Förderung drosseln – die amerikanischen Produzenten scheinen nun tatsächlich damit begonnen zu haben. Die Anzahl der aktiven Ölförderanlagen in den USA ist zwischen Dezember 2014 und Ende September 2015 von 1600 auf 644 gefallen. Zwischen dem Beginn des Rückgangs der Förderanlagen und dem Rückgang der Fördermenge kann einige Zeit verstreichen, aber die Entkoppelung kann nicht ewig dauern. Schon jetzt zeigt eine Kennzahl für die Fördermengen aus vier grossen Schieferölvorkommen in den USA, dass die Produktion seit Juni rückläufig ist. Stuart weist darauf hin, dass die Daten im zweiten Quartal dieses Jahres erstmals eine Trendwende für die US-Gesamtfördermenge erkennen liessen, und geht davon aus, dass sich der Rückgang bis Mitte 2016 fortsetzen wird. Dem Energie-Team der Credit Suisse zufolge wird der Preis für ein Barrel der Sorte WTI bis zum 2. Quartal 2016 nicht über 55 Dollar steigen – gerade so, dass die Cashflows tief genug bleiben und die Energieunternehmen die Produktion drosseln müssen. Das Team rechnet bis 2018 nicht mit einem Preisanstieg auf über 65 Dollar pro Barrel, sodass das Angebot ausserhalb der USA wieder wachsen könnte. Die Credit Suisse geht davon aus, dass Brasilien, Kanada und Nordseeförderländer wie Grossbritannien und Norwegen 2016 mit Produktionsrückgängen konfrontiert sein dürften, während Russland möglicherweise einen leichten Anstieg verzeichnen könnte.

Natürlich ist das Angebot nur eine Seite der Preisgleichung. Die weltweite Nachfrage nach Öl wächst, und Stuart glaubt, dass sie das Angebot vom vierten Quartal 2015 an übersteigen wird – mit 95,4 Milliarden Barrel gegenüber 95,1 Milliarden Barrel. Hauptverantwortlich für die Beschleunigung des Nachfragewachstums sind die USA und Europa, wo die Wirtschaft in den kommenden Monaten wohl weiter wachsen wird. Nach Auffassung der Credit Suisse wird die europäische Nachfrage nach Öl im Jahr 2015 um 1,6 Prozent zunehmen – eine klare Kehrtwende gegenüber dem Rückgang um 1,4 Prozent im Jahr 2014 – und die US-Nachfrage wird dieses Jahr mehr als doppelt so schnell steigen wie im vergangenen (1,9 gegenüber 0,8 Prozent). Selbst in China hat sich die Nachfrage nach Stuarts Worten trotz des wirtschaftlichen Abschwungs in den letzten Jahren und Monaten weiter erhöht. Nach Einschätzung der Credit Suisse ist die chinesische Führung entschlossen, zusätzliche Impulse zur Stabilisierung des Wachstums zu setzen, doch das Scheitern solcher Bemühungen und eine weitere Talfahrt der Wirtschaft in China und im übrigen Asien stellen das grösste Risiko für die Energieprognose der Bank dar. Im Moment sieht es danach aus, dass eine steigende weltweite Nachfrage in Verbindung mit einer Angebotsverknappung im nächsten Jahr langsam für steigende Preise sorgen wird. 100 Dollar pro Barrel sind jedoch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.