Glücklich, glücklicher, erfolgreich

Jetzt ist es amtlich – die Schweizer sind das glücklichste Volk der Welt! Der Begriff Glück findet langsam seinen Weg in die nationalen Statistiken rund um den Globus. Doch wie lassen sich Emotionen messen?

Angefangen hat alles in Bhutan. In den frühen 70er-Jahren beschloss Bhutans vierter Drachenkönig, Jigme Singye Wangchuck, das Bruttosozialprodukt als volkswirtschaftliche Kennzahl westlicher Prägung durch das Bruttosozialglück zu ersetzen und spirituelle Werte in den Mittelpunkt der bhutanischen Wirtschaft zu stellen. Nach einigen Jahrzehnten erkannten dann auch westliche Staatenlenker im Glück ein wichtiges Mass für sozialen Fortschritt. Im Jahr 2009 lancierte das amerikanische Forschungsinstitut Gallup seinen Well-Being Index, und zwei Jahre später verabschiedeten die Vereinten Nationen die Resolution «Glück: auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Konzept für Entwicklung». Darin betont die UNO die «Notwendigkeit eines inklusiveren, gerechteren und ausgewogeneren Konzepts für Wirtschaftswachstum, das (…) das Glück und das Wohlbefinden aller Völker fördert».

World Happiness Report

Auf die UN-Resolution folgte der erste «World Happiness Report» einer Gruppe unabhängiger Wissenschaftler, darunter die Ökonomen Jeffrey Sachs von der Columbia University und Richard Layard von der London School of Economics. Dieser Bericht ist weitaus ernster, als der irreführende Titel vermuten lässt, und die Frage «Sind Sie glücklich?» wird tatsächlich kein einziges Mal gestellt. Das Ausmass des Glücks wird anhand der folgenden sechs Faktoren berechnet: BIP pro Kopf, gesunde Lebenserwartung, soziale Unterstützung, Vertrauen, die Freiheit, Lebensentscheidungen zu treffen, und Grosszügigkeit. Im diesjährigen Bericht befinden sich unter den zehn glücklichsten Nationen vor allem kleine und mittelgrosse europäische Länder mit hohen BIP. Auffällig ist, dass die Hälfte dieser Top Ten nordische Staaten sind

Es noch weitere entscheidende Determinanten des Glücks gibt, die im Prozess der Wirtschaftsentwicklung von Belang sind.

Professor Bruno S. Frey

Warum die Schweiz?

Dieses Jahr hat die Schweiz Dänemark entthront, das seit Beginn der Erhebung unangefochten den ersten Platz belegt hatte. Bedeutet dies, dass die Schweiz das Thema Wohlbefinden jetzt gemeistert hat? Oder ist das Leben im Land von Schokolade und Käse vielleicht ein Paradies? Nun, das «Sorgenbarometer» der Credit Suisse bestätigt, dass die Schweizer tatsächlich genau wie alle anderen auch Sorgen haben. Themen, die sie umtreiben, sind zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Zuwanderung, Altersversorgung und Gesundheit. Doch trotz dieser Ängste blicken die Schweizer sehr optimistisch in die Zukunft. Liegt es daran, dass die Schweiz ein wohlhabendes Land ist? Natürlich lassen sich mit Geld viele Probleme lösen, doch wie schon viele Ökonomen nachgewiesen haben, lässt sich das Glück ab einem gewissen Wohlstandsniveau mit Geld nicht mehr steigern. Das gilt auch für die Schweiz: Obwohl das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen höher ist als Mitte der 1970er-Jahre, hat die Zufriedenheit nicht zugenommen. In seinem Artikel Wie geht es der Schweiz? schreibt Oliver Adler, Leiter Economic Research der Credit Suisse: «Der Schweizer Wohlstand hat viele Ursachen. Sie liegen teilweise tief in der Geschichte des Landes begründet.» Unter anderem verweist Oliver Adler auf die politische und monetäre Stabilität, die Tendenz der Schweizer Gesellschaft zum Kompromiss und die effizienten staatlichen Instanzen.

Sozialkapital und Erholungsfähigkeit

Diese Faktoren lassen sich alle unter einem Schlagwort zusammenfassen: Sozialkapital. Immer mehr Belege bestätigen den Zusammenhang zwischen Sozialkapital und Glück. Sozialkapital basiert auf zwischenmenschlichen Beziehungen, Vertrauen, Ehrlichkeit und gegenseitiger Unterstützung. Glück besteht aus folgenden vier Säulen: 1) anhaltend positive Emotionen, 2) Erholung von negativen Emotionen, 3) Empathie, Altruismus und prosoziales Verhalten sowie 4) Achtsamkeit. Jeffrey Sachs ist der Auffassung, dass «Gesellschaften mit hohem Sozialkapital in Bezug auf subjektives Wohlbefinden und Wirtschaftsentwicklung besser abschneiden als jene mit geringem Sozialkapital». Entsprechend ist die Gesellschaft auch widerstandsfähiger gegenüber Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen. Leider gibt es kein Rezept, das besseres Sozialkapital garantieren würde, aber eines steht fest: dessen Aufbau braucht Zeit.

EU blickt über das BIP hinaus

Die Aufwertung des Glücks hat sich seit der Jahrtausendwende beschleunigt. Vor zehn Jahren startete die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ihr Programm für eine Neudefinition des Fortschrittsbegriffs, um das Verständnis der Faktoren zu fördern, die das Wohlbefinden von Menschen und Völkern steigern. Die Europäische Union folgte dem Beispiel und lancierte ein eigenes Programm namens «Beyond GDP» («Mehr als BIP»). Ziel der EU-Initiative ist die Entwicklung klarer Wachstumsindikatoren ähnlich dem BIP, aber ergänzt um ökologische und soziale Aspekte des Fortschritts. David Cameron führte als erster westlicher Regierungschef, der Glück als Politikziel definierte, eine nationale Statistik zum Wohlbefinden der Menschen ein. Zunehmend nutzen nationale und kommunale Regierungsstellen die Daten zum Wohlbefinden, um auf Bedürfnisse der Menschen zu reagieren – nicht nur, um das Glück zu steigern, sondern auch, um die Entwicklung zu beeinflussen und das Sozialkapital zu vermehren. Immer mehr setzt sich die Auffassung durch, dass das in den letzten Jahrzehnten scheinbar universell geltende volkswirtschaftliche Wachstumsmodell seine Grenzen hat.

Politische Beteiligung macht glücklich

In seiner Abhandlung über Glück und Politik schreibt der Schweizer Professor Bruno S. Frey: «Die Glücksforschung hat den abnehmenden Grenznutzen höherer Einkommen in Bezug auf das subjektive Wohlbefinden eindeutig nachgewiesen. Gleichzeitig hat die Forschung ergeben, dass es noch weitere entscheidende Determinanten des Glücks gibt, die im Prozess der Wirtschaftsentwicklung von Belang sind. Persönliche Gesundheit und soziale Beziehungen sind Beispiele auf der individuellen Ebene, während auf der Gesamtebene politische Beteiligungsrechte und dezentrale Entscheidungsstrukturen eine wichtige Rolle spielen.» Offenbar ist der Zeitpunkt gekommen, um neue Fortschrittsmodelle zu suchen, und an einigen Schlüsselstellen gibt es auch schon entsprechende Vorstösse.