Die grosse Ernüchterung
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Die grosse Ernüchterung

Die AHV ist das Sorgenkind der Schweiz. Auch die geplante Reform greift zu kurz – das Land sollte und müsste den grossen Wurf wagen.

Die hiesige Bevölkerung sorgt sich zunehmend um die Altersvorsorge. Gemäss Sorgenbarometer nennen sie rund 45% als das wichtigste und dringendste Problem der Schweiz. Neu steht die Rente auch im Jugendbarometer zuoberst auf der Liste. Gerade unter denjenigen, die erst in den kommenden Jahrzehnten in den Ruhestand gehen werden, macht sich grosse Ernüchterung breit. Und dies aus gutem Grund.

Die AHV, die erste Säule des Schweizer Altersvorsorgesystems, gibt bereits heute mehr aus, als sie einnimmt. Sämtliche Szenarien zeigen, dass der zusätzliche Finanzbedarf ab 2020 durch das aktuelle System nicht mehr gedeckt werden kann. Gemäss neuen Projektionen der AHV-Finanzen bis 2045 wird sich das Defizit ohne Reformen sogar auf 220 Milliarden Franken summieren. Und in der beruflichen Vorsorge, der zweiten Säule, subventionieren Aktive aufgrund zu hoher Rentenversprechen Jahr für Jahr die Generation der Rentner in der Grössenordnung von 5 Milliarden Franken. Wo ihnen die Hände durch das Gesetz nicht gebunden sind, nutzen Pensionskassen zunehmend ihren Spielraum: Umwandlungssätze gehen im überobligatorischen Bereich zurück. Künftige Rentner müssen deshalb mit tieferen Altersleistungen aus ihrem angesparten Alterskapital rechnen. Es erstaunt nicht, dass die Zufriedenheit mit der dritten Säule – wo es keine Querfinanzierung gibt – am höchsten ist, vor der zweiten und der ersten.

Zufriedenheit Altersvorsorge

Das Grundproblem der Altersvorsorge ist eigentlich einfach und seit Längerem bekannt. Wir leben immer länger und bei guter Gesundheit. Die Zeitspanne im aktiven Erwerbsleben, innerhalb deren für den Ruhestand bezahlt und gespart wird, ist jedoch gleich lang geblieben oder hat sich aufgrund von Frühpensionierungen und einem bildungsbedingt späteren Eintritt in das Erwerbsleben sogar noch verkürzt. Kamen zum Zeitpunkt der Einführung der AHV 1948 über sechs Aktive auf einen Rentner, sind das heutzutage noch rund drei und 2045 dürften es noch zwei sein.

Ideen und Argumente Altersvorsorge

Nach dem Scheitern der Reform Altersvorsorge 2020 im vergangenen Jahr hat sich der Bundesrat an die Arbeit gemacht, um eine neue Vorlage zu erarbeiten. Als Massnahmen zur Sicherung der AHV sind die Heraufsetzung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre sowie die Erhöhung von Mehrwertsteuer und Lohnbeiträgen vorgesehen. Zudem soll die erste Säule als Ausgleich zu den tieferen Unternehmenssteuern im Rahmen der geplanten Steuervorlage pro Jahr zwei Milliarden Franken an zusätzlichen Einnahmen erhalten. Mit diesen Massnahmen würde man der AHV zwar eine Verschnaufpause verschaffen, die langfristige Finanzierung ist damit aber nicht gesichert und bis 2045 werden trotzdem 55 Milliarden Franken fehlen. Die nicht minder wichtige Reform der beruflichen Vorsorge ist auf später verschoben worden. Nun könnte man argumentieren, dass die Finanzierungslücke gar nicht so gross ist. Geht man von den prognostizierten 220 Milliarden Franken ohne Reform aus, würde der Bund aber bis 2045 für die AHV im Durchschnitt jährlich das Doppelte aufwenden, als was er pro Jahr für die Bildung ausgibt. Diese Mittel stehen für andere, den Wohlstand der Schweiz fördernde Aufgaben nicht zur Verfügung. Die Rechnung zahlen die künftigen Generationen.

45 %

sehen die Altersvorsorge als das grösste Problem der Schweiz an

Für Grosses prädestiniert

Wünschenswert wäre ein grosser Wurf in der Vorsorgepolitik, vorausschauende Entscheide, die nicht nur die demografische Alterung über eine graduelle Erhöhung des Rentenalters, sondern auch die Veränderungen in den Lebensmustern berücksichtigen. Die Grenzen zwischen den einzelnen Lebensphasen verwischen zusehends, diejenige zwischen Ausbildung und Erwerbstätigkeit über längere Ausbildungszeiten und lebenslanges Lernen, diejenige zwischen Erwerbstätigkeit und Ruhestand über flexible Formen des Austritts aus dem Erwerbsleben. Neue Arbeitsformen sind auf dem Vormarsch, die insbesondere in der beruflichen Vorsorge die Funktionsfähigkeit des Systems zunehmend auf die Probe stellen. Zudem stellt die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau nicht mehr das vorherrschende gesellschaftliche Modell dar.

Fragt man die Stimmberechtigten, ist ihnen klar, dass alle einen Beitrag leisten müssten zur Rentenreform, sie schätzen das Drei-Säulen-Modell und scheinen offen für unterschiedliche Lösungen. Als ein Land mit einer der höchsten Lebenserwartungen der Welt, einem starken Dienstleistungssektor und einem entsprechend kleinen Anteil an Erwerbstätigen, die harter körperlicher Arbeit ausgesetzt sind, wäre die Schweiz für einen grossen politischen Wurf prädestiniert. Tatsache ist jedoch, dass die Schweiz heute im OECD-Vergleich zu den Ländern mit dem tiefsten gesetzlichen Rentenalter und somit den längsten Rentenbezugsdauern gehört. Die geplante Reform wird nicht viel daran ändern.