Globalisierung oder Multipolarisierung – in welche Richtung entwickelt sich die Welt?
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Globalisierung oder Multipolarisierung – in welche Richtung entwickelt sich die Welt?

Das Thema Globalisierung hat die Welt in den vergangenen Jahrzehnten dominiert, jetzt aber scheint sich das Gleichgewicht in der Welt allmählich zu verschieben. Der Aufstieg Chinas als Wirtschaftsmacht und die wachsende Bedeutung der Europäischen Union sorgen für eine globale Umverteilung der Macht auf globaler Ebene auf drei Zentren: Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika. Ist die Welt heute multipolar ausgerichtet statt globalisiert? Im Folgenden nehmen wir die für das Ergebnis der aktuellen Trends massgeblichen Faktoren unter die Lupe.

Faktor 1: Automatisierung

Während völlig menschenähnliche Roboter noch ins Reich der Fantasie gehören, übernehmen Roboter in der produzierenden und der Konsumindustrie Arbeiten, die bislang von Menschen ausgeführt wurden. 3-D-Drucker ermöglichen die Produktion wichtiger Arbeitsmittel direkt am Standort. Bei autonom fahrenden Autos dürfte der kommerzielle Durchbruch bevorstehen. Der zunehmende Einsatz von Drohnen verlagert selbst militärische Konflikte zu Robotern. Das Ersetzen der menschlichen Arbeitskraft durch Roboter und Computer-Algorithmen hat das Potenzial, die demografischen Herausforderungen umzugestalten und das Grenzprodukt von Kapital und Arbeit weltweit zu verändern.

Der Absatz von Robotern belegt die steigende Automatisierung

Der Absatz von Robotern belegt die steigende Automatisierung

Quelle: International Federation of Robotics (IFR), Credit Suisse

Potenzieller Beitrag zur Globalisierung der Welt

Selbst wenn Roboter, sobald sie einmal gebaut sind, die gegenseitige Abhängigkeit der Länder verringern würden, dürfte sich ihre Herstellung weiterhin auf einige wenige Regionen konzentrieren, sodass  nach wie vor eine globale Vernetzung erforderlich wäre.

Potenzieller Beitrag zur Multipolarisierung der Welt

Durch Innovationen wie den 3-D-Druck könnte die Nachfrage nach Handelsgütern weltweit zurückgehen, sobald Güter «gedruckt» anstatt aus anderen Teilen der Welt importiert werden. In ferner Zukunft könnte der Einsatz von Robotern für militärische Zwecke die menschliche Interaktion und die Gefährdung der Streitkräfte verringern. In diesem Fall wäre das politische Risiko von Militäraktionen deutlich geringer und man müsste mit grösserer geopolitischer Instabilität rechnen.

Faktor 2: Internetsicherheit

Umfangreiche Datenspeicherlösungen und leistungsstarke Internetverbindungen haben zu einer zunehmenden Verbreitung des Internets im Alltag geführt. Daraus ergeben sich für Unternehmen und Behörden bisher ungeahnte Möglichkeiten zur Nachverfolgung sämtlicher Handlungen der Nutzer. Enthüllungen über staatliche Organe, wie etwa die NSA, haben gezeigt, dass eine effektive Massenüberwachung möglich ist – und auch immer häufiger erfolgt (so berichtet das Wall Street Journal, dass die Top 50 der Websites in den USA durchschnittlich 64 Tracking-Tools aufweisen).

Die Wahrnehmung des Internets

Die Wahrnehmung des Internets

Umfrageergebnis für die Aussage «Das Internet ist ein sicherer Raum, in dem ich meine Meinung äussern kann» (prozentualer Anteil der Internetnutzer, die mit «Stimme ausdrücklich zu» oder «Stimme zu» antworteten)

Quelle: BBC Global Poll

Potenzieller Beitrag zur Globalisierung der Welt

Weltweit setzen sich Bewegungen für einen freien Internetzugang als Grundrecht und für Netzneutralität ein und kämpfen für offene globale Verbindungen. Je mehr Tracking-Technologien jeoch in das Bewussstsein der Öffentlichkeit rücken, desto wahrscheinlicher ist eine Gegenreaktion, bei der Internetnutzer beginnen, ihre Privatsphäre stärker zu schützen.

Potenzieller Beitrag zur Multipolarisierung

Das Überwachungsrisiko besteht in Ländern, denen umfassende Kapazitäten auf diesem Gebiet fehlen und die sich daher veranlasst sehen, länderübergreifende Internetverbindungen zu kontrollieren oder gar einzuschränken. Geschlossene nationale Netzwerke dürften die Folge sein (wie im Falle der «Great Firewall» in China).

Faktor 3: Digitale Welt

Immer mehr Dienstleistungen, Produkte und sogar Zahlungen erfolgen digital oder werden digital abgewickelt. Die proportionalen Ausgaben für digitale Inhalte steigen, wodurch der Schutz des geistigen Eigentums an Bedeutung gewinnt. Der digitale Zahlungsverkehr schafft dezentralisierte Systemen, die sich der staatlichen Aufsicht entziehen.

Anzahl von Geräten mit Internetzugang

Anzahl von Geräten mit Internetzugang

Bevölkerung und Gesamtzahl von Geräten in Mia. (links), Geräte pro Person (rechts)

Quelle: CISCO, Credit Suisse

Potenzieller Beitrag zur Globalisierung der Welt

Die Digitalisierung ist gegenwärtig einer der Trends, die am stärksten zur Globalisierung beitragen. Vieles wird durch sie überflüssig: Transportmittel, Produktionsstätten und selbst Landesgrenzen. Dank Übersetzungssoftware und Echtzeit-Übersetzungslösungen für Internet-Telefonie (z. B. über Skype) ist die globale Kommunikation einfacher als je zuvor. Zudem schwindet so der staatliche Einfluss auf viele Tätigkeiten, sodass die Globalisierung auch ohne eine zwischenstaatliche Zusammenarbeit ihren Weg geht.

Potenzieller Beitrag zur Multipolarisierung der Welt

Noch kann nicht die Rede von einer vollständig globalisierten digitalen Welt sein. Kulturelle, sprachliche und historische Barrieren sorgen noch immer für eine starke Fragmentierung des Internets.

Faktor 4: Nahrungsmittel und Übergewicht

Übergewicht ist eines der grössten Gesundheitsprobleme – nicht nur in den Industrieländern, sondern auch in Schwellenländern wie China und Indien. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge hat sich die Anzahl übergewichtiger Menschen seit 1980 verdoppelt. Die jüngste Statistik der OECD zeigt, dass in Ländern wie den USA, Mexiko und Australien mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung übergewichtig oder fettleibig ist. Gleichzeitig gab die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen an, dass im Zeitraum 2012–2014 rund 805 Mio. Menschen weltweit an chronischer Unterernährung litten.

Übergewicht bei Erwachsenen

Übergewicht bei Erwachsenen

Bevölkerungsanteil der über 15jährigen (in %)

Quelle: OECD (2014), OECD-Gesundheitsstatistik 2014, Veröffentlichung bevorstehend, www.oecd.org/els/health-systems/health-data.htm

Hinweis: für das Jahr 2012 oder das letzte Jahr, für das Daten vorliegen 

Potenzieller Beitrag zur Globalisierung der Welt

Übergewicht und der gleichzeitige Mangel an Nahrungsmitteln sind enorme globale Probleme, die internationale Interventionsstrategien erfordern. Das Missverhältnis von Übergewicht und Unterernährung ist nur duch eine umfassende internationale Zusammenarbeit zu bekämpfen.

Potenzieller Beitrag zur Multipolarisierung/Diversifizierung der Welt

Das zunehmende Bevölkerungswachstum macht die Nahrungsmittelknappheit zu einer noch grösseren Herausforderung als die durch Übergewicht und Fettleibigkeit verursachten Probleme. Die sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln könnte in vielen Ländern in Zukunft ein grosses politisches Problem darstellen. Eine übermässige Abhängigkeit von Lebensmittelimporten könnte dazu führen, dass sich diese Länder von der Globalisierung der Nahrungsmittelmärkte abkehren (wie im Falle des russischen Weizenexportverbots).

Faktor 5: Klimawandel

Der Ölpreis verzeichnete in den vergangenen zwölf Monaten dramatische Preisschwankungen, zudem werden und sowohl die Energieversorgung als auch die Energiepreise weiterhin eine entscheidende Rolle in der Weltpolitik spielen. Parallel hierzu steigt die Besorgnis über die Umweltzerstörung und die negativen Folgen des Klimawandels.

Globale Temperaturabweichungen und CO2-Konzentration

Globale Temperaturabweichungen und CO2-Konzentration

Quelle: NOAA, Credit Suisse

Potenzieller Beitrag zur Globalisierung der Welt

Die meisten durch den Klimawandel verursachten Probleme lassen sich nur auf globaler Ebene lösen und erfordern eine engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern. Die Schwellenländer zeigen sich zunehmend besorgt über die Umweltzerstörung; in dieser Frage nähern sie sich den Interessen der Industrieländer immer mehr an. Dennoch werden fossile Brennstoffe auch künftig eine wichtige Energiequelle darstellen. Die Energieverbraucherländer bleiben somit mit den Erzeugerländern verbunden, wobei sich letztere häufig auch in geopolitischen Krisenherden befinden.

Potenzieller Beitrag zur Multipolarisierung der Welt

Erneuerbare Energien, wie Solarenergie, Wind- oder Wasserkraft eignen sich zur dezentralen Energieerzeugung. Infolgedessen dürfen nicht wenige Länder in geringerem Umfang auf Energieimporte angewiesen sein. Der Wunsch nach grösserer Energieunabhängigkeit könnte in vielen Ländern dazu führen, dass sie ihre globalen Verflechtungen abbauen.

Man sollte nicht vergessen, dass die Globalisierung eine Voraussetzung für die Multipolarisierung darstellt, da das eine Phänomen ohne das andere nicht denkbar ist. Einerseits bedeutet Globalisierung den Aufstieg globaler Städte, andererseits fördert sie auch die Entwicklung kleinerer Staaten und den Vermögensaufbau in den Schwellenländern. Solche Bedingungen dürften im Gegenzug eine Polarisierung hervorrufen, so dass der Kampf wahrscheinlich weitergeht.