Globalisierung und Politik
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Globalisierung und Politik

In den vergangenen drei Jahren hat die politische Unbeständigkeit zugenommen, während sich das Wirtschaftswachstum in den wichtigsten Regionen verbessert hat und die Finanzmärkte sich zunehmend beruhigt haben. Wie korreliert die Wirtschaftsleistung mit dem Verhalten der Wähler? Im Zuge einer Verlangsamung der Globalisierung ist der Übergang zu einer stärker multipolaren Welt ein sich abzeichnender Trend, der die Politik prägen wird. In diesem Essay analysieren wir, wie das potenzielle «Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen» die Politik herausfordern wird und welche neuen politischen Themen aus einer weniger klaren Weltordnung entstehen könnten.

Ich war's nicht – die Globalisierung ist schuld

Für viele Menschen sind der Aufstieg von Donald Trump, das Votum Grossbritanniens für den Brexit, die Zunahme des Separatismus und die Rückkehr der extremen Rechten in Europa unwillkommene und verstörende Entwicklungen. Für andere sind es nachvollziehbare und womöglich notwendige Entscheidungen von Wählergruppen, die sich politischen Klassen gegenübersehen, die ihrer Meinung nach ihre Ansichten und Ängste nicht angemessen vertreten. Beide Seiten machen die Globalisierung verantwortlich, sodass der Begriff allmählich zu einem Sammelbegriff für die negativen Aspekte des wirtschaftlichen Wachstums zu werden droht.

Viele Aspekte der Globalisierung, wie z. B. die Einwanderung, provozieren heftige politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Zudem können die mit der Globalisierung verbundenen Trends, wie Social Media und die Spannung zwischen Freihandel und Arbeitsmärkten, die Politiker oft machtlos erscheinen lassen.

Gerät die Weltordnung aus den Fugen?

Wird die Globalisierung erneut einen gewaltigen Zusammenbruch wie im Jahr 1913 erleben? Unsere Indikatoren deuten darauf hin, dass sich die Globalisierung – die zweifellos bessere Zeiten erlebt hat – nicht im Chaos auflösen wird, sondern in eine stärker multipolare Form der Weltordnung übergehen wird. Eine multipolare Welt ist eine Welt, in der eine geringe Anzahl grösserer Regionen zunehmend eigenständige Modelle von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Finanzen und Technologie entwickeln. Wir haben den Eindruck, dass Amerika, Europa und Asien mit China als Mittelpunkt sich bereits zu den drei wichtigsten «Polen» einer multipolaren Ordnung entwickeln, wobei Indien und die Staaten der Emirate eventuell das Potenzial haben, gemeinsam einen zukünftigen «Pol» zu bilden. Unabhängige, mittelgrosse Länder wie Russland, Grossbritannien und Japan würden in einer solchen Welt möglicherweise um Einfluss kämpfen müssen, weil es ihnen an wirtschaftlicher Grösse mangelt oder weil sie auch sonst nicht über die nötige Durchsetzungskraft verfügen, um mit den grösseren «Polen» mitzuhalten. 

Die Politik hat sich noch nicht umfassend mit dem Ende der Globalisierung auseinandergesetzt.

Michael O'Sullivan 

Eine Herausforderung für die Politik

Noch könnte die Politik versuchen, das «Ende der Globalisierung» zu vermeiden – etwa, indem sie konkrete Massnahmen ergreift, um deren Vorteile gleichmässiger zu verteilen. Die scheinbaren Folgen der Globalisierung – Ungleichheit, die Macht und Rentabilität grosser Konzerne sowie globale rechtliche und ökologische Ereignisse mit Auswirkungen auf nationale Staaten – haben eine politische Neuausrichtung zur Folge. Dies kann dazu führen, dass eine Reihe von Staaten eine Steuerpolitik in Erwägung zieht, die einen stärkeren Umverteilungscharakter hat, oder den Einfluss grosser Konzerne in Bereichen wie Datenschutz, Umweltauswirkungen und Finanzströme einschränkt.

Wahrscheinlicher ist, dass es angesichts der grossen Skepsis schwierig werden wird, die «Globalisierung, wie wir sie kennen» wieder in Gang zu bringen. Den «Weg zur Multipolarität» zu akzeptieren, dürfte die realistischere Alternative sein und ist sicherlich einem «Ende der Globalisierung» vorzuziehen. In diesem Sinne würde die Schaffung eines Regelwerks sowie von Institutionen dazu beitragen, die «Wachstumsschmerzen» der neuen Ordnung zu lindern und ihre Stabilität zu maximieren.

Der steinige Weg zur Multipolarität

Sicherlich wird der Weg von der Globalisierung «wie wir sie kennen» hin zu einer multipolaren Welt nicht reibungslos vonstattengehen. Diskussionen über NAFTA, Brexit und Bussgelder der EU gegen US-amerikanische Technologieunternehmen sind Teil dieses Prozesses, da regionale Grenzen und Identitäten verstärkt werden. Ein solcher Weg ist anfällig für Belastungen durch Handelsstörungen und Erschütterungen der Investitionsströme. Darüber hinaus können solche Übergänge heftige Reaktionen von Konsumenten und politischen Entscheidungsträgern hervorrufen. Politiker könnten eher versucht sein, eine in Handelsfragen aggressive Rhetorik an den Tag zu legen und den Weg einer «Beggar-thy-Neighbour-Politik» einzuschlagen.

Gegenpole

Betrachtet man einzelne Regionen, so hat in den beiden grössten Volkswirtschaften der Erde bereits eine Entwicklung hin zu einer eindimensionalen Weltsicht eingesetzt. Die Trump-Regierung ist vom Bestreben getrieben, das sich in dem Motto «Make America Great Again» ausdrückt, während sich China immer mehr auf die Idee des «Chinesischen Traums» konzentriert. Während die EU mit den politischen und wirtschaftlichen Folgen der Erweiterung zu kämpfen hatte, zeichnet sich in Bezug auf die anderen grossen wirtschaftlichen «Pole» ein wachsendes Bewusstsein ab, dass die USA und China in strategischen Technologiefeldern wie Batterien und Robotik führend sind, Europa jedoch nicht.

Zeit für eine neue Botschaft

Generell erwarten wir, dass sich die neue politische Dynamik an den grossen «Polen» durch eine zunehmende Fokussierung auf den Zweck und die Identität der grossen Regionen konzentrieren wird. Die USA und China sind in Bezug auf ihre Institutionen bereits klar strukturiert. Europa dagegen wird damit zu kämpfen haben, seine Identität zu festigen. Zuwanderung und der Grundsatz der Freizügigkeit, die Notwendigkeit einer einfachen EU-Verfassung, die die Europäer auf pragmatische Art und Weise mit der Idee der Union verbindet, und die wirtschaftliche Steuerung der EU dürften in den europäischen Ländern zu umstritteneren politischen Themen werden.

Neue Regeln für eine multipolare Welt

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es etwas zu spät ist, die Globalisierung für die politische Rezession, in der sich der Westen befindet, verantwortlich zu machen. Die Globalisierung ist bereits vorbei. Ihre Folgen – der Aufstieg der Schwellenländer, die enorme Macht und Grösse der Konzerne, die pyramidenartige Struktur des Reichtums der Welt, die Einwanderungsströme – werden die politische Debatte in den nächsten fünf Jahren prägen. Wird die Politik einen stärker nationalistisch oder regional geprägten Weg verfolgen? Dies könnte zu Einwanderungsbeschränkungen führen, Forderungen nach Handelsbarrieren gegen multinationale Konzerne laut werden lassen und die Aufforderung an die Zentralbanken mit sich bringen, den Handel stärker zu schützen, sowie die Rufe laut werden lassen, Cyberwalls zu errichten. Andererseits könnte es auch zur Einführung neuer Regeln für den Weg hin zu einer multipolaren Welt führen.