Globaler Inflationsausblick: Anstieg im zweiten Halbjahr

Wir erwarten, dass die Inflation im zweiten Halbjahr in einer Reihe von Industrieländern wie auch in China und Nordasien von ihrem sehr niedrigen Niveau aus ansteigen wird. Gemeinsamer Treiber ist der weniger günstige Basiseffekt der Ölpreise.

Neben den Verbraucherpreisen dürften auch die soliden Arbeitsmärkte in den USA, Grossbritannien und Deutschland weitere Anzeichen für ein steigendes Lohnwachstum mit sich bringen. In einigen Schwellenländern wird die Inflation voraussichtlich auf einem hohen Niveau verharren.

Die unterschiedliche Inflationsentwicklung wird sich unseres Erachtens auch in einer geldpolitischen Divergenz niederschlagen. Anhaltendes Wachstum gepaart mit steigender Inflation wird in den USA und Grossbritannien für Zinserhöhungen sorgen. In «fragilen» Schwellenmärkten sehen sich die Zentralbanken womöglich gezwungen, die Geldpolitik noch weiter zu straffen, um gegen die über dem Zielwert liegende Inflation anzukämpfen. Im Gegensatz dazu werden die Währungshüter in der Eurozone und weiten Teilen Asiens ihre expansive Geldpolitik wohl beibehalten oder gar noch weiter lockern.

Insgesamt hat sich die Inflation in den meisten Industrie- und Schwellenländern im ersten Halbjahr 2015 gegenüber 2014 verringert. Durch den Rückgang der Öl- und Nahrungsmittelpreise sank die Gesamtinflation. Überdies trug der verbleibende Kapazitätsüberhang in weiten Teilen der Eurozone und in China verstärkend zum Disinflationstrend bei. Ganz anders sah es dagegen in mehreren «fragileren» Schwellenmärkten wie Russland, Brasilien, Türkei, Südafrika und Indonesien aus. Dort führten die Abwertung der Landeswährung und spezifische Faktoren wie Tariferhöhungen oder ungünstige Wetterbedingungen zu einem Anstieg der Inflation.

Nachlassender Basiseffekt der Ölpreise

Unseres Erachtens wird der Basiseffekt von niedrigeren Ölpreisen in Zukunft nachlassen. In einigen Industrie- (USA, Grossbritannien und Deutschland) und Schwellenländern (Mexiko) werden ein besseres Wirtschaftswachstum und knappere Kapazitäten zu einem Anstieg der Inflation im zweiten Halbjahr beitragen. In anderen Industrienationen, vor allem in Teilen der Eurozone, dürfte die Kerninflation sehr niedrig bleiben. Das recht moderate Tempo, mit dem sich die Binnennachfrage erholt, deutet auf einen anhaltend hohen Kapazitätsüberhang hin.

Das Gleiche gilt für einige Schwellenländer wie China, wo auch weiterhin viele Kapazitäten ungenutzt bleiben dürften. Einige grössere Schwellenländer, allen voran Brasilien und Russland, haben mit einem schwachen Wachstum, aber wegen der Abwertung ihrer Währung mit hoher Inflation zu kämpfen. Für den Rest des Jahres rechnen wir weiterhin mit einer hohen Inflation. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich die Teuerung Anfang 2016 aufgrund der schwächeren Wirtschaftsaktivität und sich ausweitenden Produktionslücke spürbar verringern wird – sofern es nicht zu einer weiteren massiven Abwertung der Währungen kommt. Daher dürften die Inflationsunterschiede zwischen den asiatischen und sonstigen Schwellenländern im kommenden Jahr etwas nachlassen.

Zentralbanken einiger grosser Industrieländer kurz vor Zinserhöhungen

Die erheblichen Inflationsunterschiede werden die Geldpolitik zwangsläufig beeinflussen. Somit dürfte das Thema der geldpolitischen Divergenz wieder stärker in den Blickpunkt rücken. Die anhaltende Wachstumserholung in den USA und Grossbritannien lässt in Kombination mit einem Inflationsanstieg auf einen baldigen Start der Zinserhöhung der Federal Reserve und der Bank of England schliessen. In Japan, der Eurozone, der Schweiz, Kanada und Australien dürften die Zentralbanken ihren Lockerungskurs indes beibehalten. Das Gleiche gilt für China, Korea und Russland. In den fragileren Schwellenländern wie Brasilien, Türkei und Südafrika müssen die Währungshüter trotz des schwachen Wachstums ihre Geldpolitik womöglich noch weiter straffen, da von der Abwertung ihrer Währungen und den Tariferhöhungen ein Aufwärtsrisiko für die Inflation ausgeht. In Indien wird die geldpolitische Lockerung voraussichtlich beendet.