Langsameres globales Wachstum: dauerhaft oder temporär?

Sieben Jahre ist es nun her, dass die Finanzkrise die Weltwirtschaft traf – doch das globale Wachstum hat die Werte von vor der Krise noch nicht wieder erreicht. Einiges spricht dafür, dass es sich dabei nicht nur um eine Übergangserscheinung handelt.

Sieben Jahre nach Ausbruch der weltweiten Finanzkrise haben die Industrieländer trotz einer leichten Verbesserung seit 2012 noch lange nicht das Wachstum wieder erreicht, das vor der Krise vorherrschte. Schwellenländer scheinen im Begriff, beim Wachstum noch einen weiteren Gang herunterzuschalten. Diese längere Phase des schwachen Wachstums hat eine hitzige Debatte darüber ausgelöst, ob die Flaute eine vorübergehende Nachwirkung der Krise selbst ist oder ob es sich bei dem langsameren globalen Wachstum vielmehr um die Fortsetzung eines langfristigen Trends handelt, der bereits vor der Finanzkrise eingesetzt hatte. Die Wachstumsdebatte hat an Heftigkeit zugenommen, seitdem der frühere US-Finanzminister und Wirtschaftsprofessor der Harvard University Larry Summers den Begriff der «secular stagnation», also einer lang anhaltenden Stagnation, wiederbelebt hat, der in der Zeit der Grossen Depression in den 1930er Jahren geprägt worden war.

Leidet die Welt unter eine lang anhaltenden Flaute?

Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe für eine lang anhaltende Stagnation. Der erste, im November 2013 von Larry Summers selbst angeführte Grund ist, dass die Wirtschaft unter einer halbdauerhaften Schwäche der Gesamtnachfrage leidet, genauer gesagt, die Investitionsausgaben sind nicht hoch genug, um die Konjunktur wieder voll in Schwung zu bringen. Eine alternative Erklärung für eine anhaltende Stagnation ist das niedrigere langfristige Wachstum als Folge einer angebotsseitigen Schwäche, d. h. einer ungünstigen Entwicklung der produktiven Einsatzfaktoren Arbeit und Kapital sowie der Produktivität.

Demografie: eine nicht unwesentliche Wachstumsbremse

Die Demografie wird wahrscheinlich bei der weltweiten Konjunkturentwicklung eine zentrale Rolle spielen und ist bereits jetzt für das langsamere Wachstum mitverantwortlich. Eine alternde Bevölkerung kann das Wachstum über mehrere Kanäle bremsen. Der direkteste Weg führt über das Angebot an Arbeitskräften. Der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter hat in den Industrieländern praktisch den Höhepunkt erreicht und nimmt nun ab, vor allem in Japan, Deutschland und Südeuropa. Auch Schwellenländer werden bald mit demografischen Problemen konfrontiert sein. Besonders deutlich wird der Rückgang in China ausfallen, wo sich die Auswirkungen der seit 1979 verfolgten Ein-Kind-Politik bereits bemerkbar machen. In Ländern wie Indien, Indonesien oder Mexiko wird die Entwicklung weniger ungünstig ausfallen, aber ebenfalls rückläufig sein. Nur in afrikanischen Ländern mit Ausnahme von Südafrika dürfte sich das Bevölkerungswachstum ungebremst fortsetzen und der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter weiter steigen.

Alternde Bevölkerung drückt auf Zinsen

Der von einer alternden Bevölkerung und vom Arbeitskräftemangel ausgehende Bremseffekt wirkt sich auch auf die Investitionsnachfrage negativ aus. Wenn die Investitionsschwäche nach der Krise primär zyklischer und nicht struktureller Natur ist, da sie dem geringen Tempo des Aufschwungs insgesamt entspricht, kann die demografische Entwicklung in den kommenden Jahren ein länger anhaltendes niedriges Investitionsniveau zur Folge haben. Auf der einen Seite kann ein sinkendes Bevölkerungswachstum zu einer geringeren Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen führen. Auf der anderen Seite brauchen Unternehmen ein bestimmtes Kapital je Arbeitskraft, um eine Produktionseinheit zu erzeugen, sodass eine schrumpfende erwerbsfähige Bevölkerung dazu führt, dass das Grenzprodukt des Kapitals sinkt. Unternehmen haben infolgedessen einen geringeren Anreiz, in Grundkapital zu investieren. Volkswirtschaften mit einer älteren Bevölkerung können daher geringere Investitionen bedeuten. Die Folge ist, dass auch die Zinsen niedrig bleiben, da das Altern der Bevölkerung für steigende Sparguthaben sorgt. Tatsächlich stützen jüngste empirische Daten die Auffassung, dass eine alternde Bevölkerung nicht dazu führt, dass Sparvermögen aufgezehrt wird; ganz im Gegenteil: Die Sparquote älterer Menschen ist hoch, da sie eine hohe Lebenserwartung haben, und sich dementsprechend eine starke Nachfrage nach Finanzanlagen und besonders nach sicheren Anlagen entwickelt. Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass in den Schwellenländern der am meisten sparende Bevölkerungsanteil noch nicht seinen Höchststand erreicht hat.

Produktivität als Schlüsselfaktor der zukünftigen Entwicklung

Da das Potenzial zur Ausweitung des Arbeitskräfteangebots mit anderen Mitteln (d. h. Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen und älteren Beschäftigten, Anhebung des Rentenalters) grundsätzlich begrenzt ist – wobei hier allerdings erhebliche länderspezifische Unterschiede bestehen –, wird die Produktivität zur entscheidenden Determinante, wenn es um das zukünftige Wachstum geht. Jüngste Erfahrungen zeigen aber, dass sich das Produktivitätswachstum sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellenländern verlangsamt. Neben der schon lange andauernden zyklischen Investitionsschwäche, die sich negativ auf das Produktivitätswachstum niederschlug, stand auch ein vermeintlicher Stillstand beim technologischen Fortschritt zur Debatte. Einige Ökonomen sind der Auffassung, dass der von der Technologie ausgehende Wachstumsbeitrag sich eher abschwächen als zunehmen könne und dass Technologie die Welt nicht mehr so grundlegend verändern würde, wie dies in der Vergangenheit durch die Einführung der Elektrizität oder das Telefon geschehen ist. Andere vertreten in Bezug auf das Potenzial der Technologie zur Steigerung des Produktivitätswachstums eine optimistischere Meinung.

Effizienzprobleme verlangsamen Produktivitätswachstum

Selbst wenn der jüngste Rückgang des Produktivitätswachstums noch einige Zeit andauern dürfte, so ist er unserer Auffassung nach nicht auf eine ungewöhnliche Verlangsamung des technologischen Fortschritts zurückzuführen. Die festgestellte Schwäche des Produktivitätswachstums dürfte vielmehr mit Effizienzproblemen zusammenhängen, die dafür sorgen, dass die Einführung und die Verbreitung neuer Technologien langsamer vonstattengehen. Die Effizienz, mit der Arbeit und Kapital kombiniert werden, um Output zu generieren, hängt teilweise davon ab, in welchem Masse Unternehmen in einem institutionellen, regulatorischen und rechtlichen Umfeld tätig sind, das dem Wettbewerb förderlich ist, unnötige administrative Bürden vermeidet, moderne Infrastruktur und Zugang zu Kapital bereitstellt. Bedingt durch die Finanzkrise hat sich die Marktdynamik erheblich abgeschwächt, und das Produktivitätswachstum wurde damit gehemmt.

Schwellenländer: Schlüsselfaktoren für das Wachstum der Weltwirtschaft

Auch für das Wachstum in den Schwellenländern wird Produktivität immer mehr zum entscheidenden Faktor. Angesichts der schwindenden Unterstützung von der Beschäftigungsseite und der Wahrscheinlichkeit einer sich abschwächenden Kapitalbildung müssen diese Länder sowohl in der Produktion als auch im aufstrebenden Dienstleistungssektor und entsprechend ihrem jeweiligen Entwicklungspfad ihr Produktivitätswachstum steigern. Ein erfolgreicher Übergang zu mehr Produktivitätswachstum und Effizienz wird für die Wachstumsaussichten in Schwellenländern entscheidend sein. Und da ihr Anteil an der Weltwirtschaft mittlerweile viel höher ist als noch vor ein paar Jahrzehnten, wird dieser erfolgreiche Übergang auch der Schlüsselfaktor für die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft sein.