Globaler Wirtschaftsausblick: Anhaltende Divergenz
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Globaler Wirtschaftsausblick: Anhaltende Divergenz

Der Wirtschaftsausblick für das Jahr 2016 ist von einigen wiederkehrenden Themen geprägt. Damit könnte man meinen, dass 2016 eine – leicht verbesserte – Wiederholung des Jahres 2015 für die Weltwirtschaft bringt. Den Unterschieden und damit einhergehenden Risiken sollte jedoch Rechnung getragen werden.

Zum Ende des Jahres 2015 glich die weltwirtschaftliche Lage in mancher Hinsicht jener gegen Ende 2014: Die Energiepreise waren deutlich gefallen; die verhaltene, aber kontinuierliche Erholung in der Eurozone hat weitere Fortschritte gemacht; der US-Arbeitsmarkt verzeichnete eine bemerkenswerte Erholung - und das Wachstum in den Schwellenländern gab Anlass zur Sorge.

Rückgang der Rohstoffpreise unter dem Strich positiv

Ebenso ist der Ausblick auf das Jahr 2016 von einigen seit Längerem aktuellen Themen geprägt: der anhaltenden geldpolitischen Divergenz zwischen den wichtigsten Zentralbanken, da die Fed ihre Zinsen weiter erhöhen dürfte, während die EZB und die BoJ relativ aggressive Wertschriftenkaufprogramme umsetzen. Hinzu kommt eine wirtschaftliche Dynamik, die in den Industrieländern stärker ist als in den Schwellenmärkten (wenngleich die absoluten Wachstumsraten in den Schwellenländern höher bleiben dürften). Sowie nochmals tiefere Energiepreise, die Rohstoffimporteuren Auftrieb geben und Exportländern schaden könnten. Dies könnte den Schluss nahelegen, dass 2016 einfach eine Wiederholung des Jahres 2015 bringen wird, wenn auch mit einem etwas optimistischeren Unterton. Doch obwohl gewisse grundlegende Trends bleiben, darf man über die Unterschiede und die damit verbundenen Risiken nicht einfach hinwegsehen.

Ein weiteres Jahr mit besserer Wachstumsdynamik in Industrieländern, ...

Zu den Ähnlichkeiten gehört die Tatsache, dass das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) in den wichtigsten Industrieländern erneut über dem längerfristigen Trendwachstum liegen dürfte. Zu verdanken wäre dies den bereits erwähnten tiefen Rohstoffpreisen,einer (noch) akkommodativen Geldpolitik und einer haushaltspolitischen Lockerung. Die niedrigen Rohstoffnotierungen wirken sich unseres Erachtens für die meisten Industrieländer allgemein weiterhin deutlich positiv aus, wogegen sie die Einnahmen und folglich die Importnachfrage in bestimmten Schwellenmärkten beeinträchtigen könnten.

... aber weniger Gewissheit in den Schwellenländern

Doch selbst mit Blick auf die Schwellenmärkte ist das Gesamtbild nicht einheitlich pessimistisch: Grosse Volkswirtschaften wie China, Indien und die Türkei gehören unter dem Strich klar zu den Nutzniessern tieferer Rohstoffpreise, was die schwächere Nachfrage aus anderen Schwellenländern mehr als aufwiegen sollte. Allerdings ist der Ausblick für die Schwellenländer allgemein ungewisser als jener für die Industrieländer, und das Wachstum dürfte unter seinem Potenzial verharren. Selbst wenn die globale «Produktionslücke» nicht weiter zunimmt oder sich sogar wieder etwas verengt, würde dies wohl nicht ausreichen, um den weltweiten disinflationären Druck zu beseitigen.

Globales BIP-Wachstum – Industrie- und Schwellenländer im Vergleich (IWF-Schätzungen)

Globales BIP-Wachstum – Industrie- und Schwellenländer im Vergleich (IWF-Schätzungen)

Quelle: Datastream, Credit Suisse

Was ist von den Zentralbanken zu erwarten?

Eines der Modewörter des vergangenen Jahres war «geldpolitische Divergenz». Es zeichnet sich ab, dass die Geldpolitik auch künftig unterschiedliche Wege geht. Die US-Notenbank will straffen und die EZB und die BoJ dürften ihre zurzeit laufenden Wertschriftenkaufprogramme fortsetzen. Damit könnte die geldpolitische Divergenz tatsächlich nochmals zunehmen – was aber kaum überrascht. Relevanter ist , was als Nächstes passiert: Wird sich das Tempo der geldpolitischen Divergenz verändern? Undfalls ja, in welche Richtung? Es scheint wahrscheinlich, dass die Fed tatsächlich in der Lage sein wird, ihre Geldpolitik kontinuierlich zu straffen. Sie wird aber andererseits auch kaum «hawkisher» werden, als sie dies in ihren aktuellen Vorgaben (Forward Guidance) skizziert hat.

Geldpolitische Divergenz dürfte anhalten

Hingegen scheint es angesichts der für 2016 erwarteten Konjunkturentwicklung in Japan und der Eurozone vorerst kaum Bedarf für zusätzliche geldpolitische Lockerungen zu geben. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Märkte im Laufe von 2016ein «Tapering» (Reduktion der Wertschriftenkäufe) in beiden Volkswirtschaften überlegen müssen Weil dies effektiv erst im Verlauf des Jahres 2017 beginnen könnte, dürfte das Tempo, mit dem die geldpolitische Divergenz zunimmt, vorerst konstant bleiben. Nichtsdestotrotz könnten die Märkte zur Ansicht gelangen, dass eine Verlangsamung oder sogar das Ende der geldpolitischen Divergenz in nicht allzu ferner Zukunft Tatsache werden könnte.

Globale BIP-Wachstums- und Inflationsprognosen (in %, YoY)

    BIP     Inflation  
Land/Wirtschaft
2014 2015E 2016E 2014 2015E 2016E
Global 3,3 3,0 3,3 3,2 3,2 3,7
G3 (US, EUR, JP) 1,5 1,9 1,9 1,3 0,2 1,4
BRIC
5,8 5,0 5,4 4,2 4,6 3,8
EM-8 5,7 5,3 5,4 4,1 3,6 3,6
United States
2,4 2,5 2,3 1,6 0,1 1,9
Kanada 2,5 1,2 1,6 1,9 1,2 2,2
Eurozone 0,9 1,5 1,7 0,4 0,1 1,0
Deutschland
1,6 1,6 1,6 0,8 0,2 1,1
Italien
-0,4 0,7 1,5 0,2 0,2 0,7
Frankreich
0,2 1,1 1,3 0,6 0,2 1,1
Spanien
1,4 3,1 2,7 -0,2 -0,6 0,8
UK 2,9 2,5 2,5 1,5 0,1 1,2
Norwegen 2,2 1,2 1,5 2,0 2,0 2,0
Schweden
2,4 3,2 2,7 -0,2 0,2 1,6
Schweiz
1,9 0,8 1,0 0,0 -1,0 0,0
Japan-Pazifik
0,6 0,9 1,4 2,6 1,0 1,3
Japan
0,0 0,5 1,1 2,7 0,9 1,0
Australien
2,6 2,2 2,4 2,5 1,5 2,3
Neuseeland
3,0 2,3 2,4 1,2 0,5 1,9
Asien ex Japan
6,3 6,0 6,1 3,4 2,5 2,8
China 7,3 7,1 7,0 2,0 1,5 1,7
Hong Kong 2,5 2,4 2,4 4,4 3,0 3,0
Indien (Fiskaljahr)
7,3 7,1 7,3 7,0 5,4 6,0
Indonesien
5,0 4,7 4,9 6,4 6,5 4,9
Singapur
3,0 1,8 2,1 1,0 -0,5 0,6
Südkorea
3,3 2,6 2,9 1,3 0,8 1,4
Thailand 0,9 2,5 3,0 1,9 -0,8 1,2
Zentral- & Osteuropa
1,3 -0,7 1,2 6,6 11,6 6,5
Polen
3,4 3,5 3,5 0,0 -0,8 1,1
Russland
0,6 -3,5 -0,5 7,8 15,5 7,8
Türkei
2,9 3,2 2,8 8,9 7,7 7,2
Lateinamerika
1,0 -0,9 -0,4 11,6 16,1 18,4
Argentinien
0,5 0,4 -0,7 32,5 16,8 25,6
Brasilien
0,1 -3,7 -3,3 6,3 9,0 7,3
Mexiko
2,1 2,6 2,8 4,0 2,7 3,3
Mittlerer Osten & Afrika 3,4 3,1 3,1 5,1 5,1 5,7
Golfstaaten
3,3 3,3 2,8 2,6 2,4 2,5
Südafrika
1,6 1,4 1,2 6,1 4,8 6,0

EM-8: Brasilien, China, Indien, Indonesien, Südkorea, Mexiko, Türkei & Südafrika; Golfstaaten: Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien, VAE.

Inflationszahlen beziehen sich in den USA auf den Konsumentenpreisindex (CPI) und in der Eurozone und UK auf den harmonisierten Konsumentenpreisindex (HICP).

Prognosen vom 17. Dezember 2015

Quelle: Credit Suisse