Computerfreaks drängen in die Autoindustrie

Selbstfahrende Autos mischen die Automobilindustrie auf. Autonome Automobile könnten unser Kauf-, Fahr- und Mitfahrverhalten verändern – aber auch die Kräfteverhältnisse in der Automobilherstellung neu ordnen.

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Das heisst, zumindest nicht, wenn Sie gerade am Lenkrad sitzen. Das SMS-Schreiben beim Autofahren ist berüchtigt. Wird die Aussicht auf ein selbstfahrendes Auto da nicht wesentlich reizvoller? Wäre es nicht schön, unterwegs lesen, essen oder sogar schlafen zu können und die Kontrolle einem Roboter zu überlassen? Dieser einstige Traum wird zur Realität – ein Traum, der den Strassenverkehr vollkommen verändern könnte, sowohl wie wir ihn nutzen als auch wer ihn steuert.

Selbstfahrende Autos gibt es gewissermassen bereits

Tempomat, Antischlupfregelung, Satellitennavigation, Automatikgetriebe: Heutzutage werden im Auto viele Handlungen, die früher die Fahrer selbst übernehmen mussten, von Computern erledigt. Laut Roland Berger Strategy Consultants befinden sich die modernen Automobile auf der mittleren Stufe einer fünfsprossigen Entwicklungsleiter, die bei «keine Automation» beginnt und bei «vollständig automatischem Fahren» endet. Genauso wie der Staubsauger oder Rasenmäher zu Hause auf Autopilot geschaltet werden kann (denken Sie an Saug- und Mähroboter), funktioniert das sicherlich auch mit dem Familienauto. Das könnte dann «RoboRide» heissen (hier haben Sie es zuerst gehört!). Es existiert zwar noch nicht, sollte aber nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Bereits 2015 will Google «das weltweit erste vollständig selbstfahrende Fahrzeug» auf die Strassen des Silicon Valley bringen. Mit dem sogenannten Google-x wird das Auto sogar zum Kunstobjekt (nun ja, zumindest in der Populärkultur). Der Zweisitzer mit seinen abgerundeten Formen ähnelt einem berühmten fiktionalen selbstfahrenden Auto: nicht KITT aus der TV-Serie Knight Rider, der in den 1980er Jahren die Muskeln unter der Motorhaube spielen liess, sondern dem süssen kleinen Herbie, dem Star des Films «Ein toller Käfer» und seiner vielen Fortsetzungen.

Mein Roboter-Auto von ...

Google ist nicht der einzige Nicht-Automobilhersteller auf dem Spielfeld. Im nahegelegenen Nordkalifornien wird von Strassentests von Apple berichtet. Der Sozialtaxi-Betreiber Uber testet Prototypen im US-amerikanischen Pittsburgh, in der Nähe seines Partners in Sachen Selbstfahrkompetenz, des Robotics Center der Carnegie Mellon University. Auch Zulieferunternehmen neuartiger Produkte steigen zunehmend ein. Der Leiterplattenentwickler Nvidia möchte den Sprung schaffen von der Autosteuerung in Videospielen zur Autosteuerung im wahren Leben. Mobileye stellt – wie der Name schon vermuten lässt – Elektronik her, mit der Hindernisse und Unfallgefahren erkannt werden. Diese Hersteller arbeiten auch mit traditionellen Automobilherstellern zusammen. Daimler, General Motors, Toyota und andere Autoriesen setzen ebenfalls auf selbstfahrende Autos.

Die Änderungen kommen ganz langsam

Uwe Neumann, einem Analysten der Credit Suisse, zufolge erfolgt die Umstellung von menschen- auf robotergesteuertes Fahren für die meisten von uns nach und nach. Ein derartiger Schritt, der bereits in vollem Gang ist, ist das Selbstparken. Nach der Einführung vor etwa zehn Jahren in Autos der Oberklasse fand das Selbstparken seinen Weg zu den Massen und ist jetzt auch in günstigen Autos wie dem Ford Focus, dem weltweit am häufigsten verkauften Auto, zu finden. Nach weiteren drei bis fünf Jahren könnten Selbstlenker auf den Markt kommen. Wahrscheinlich wird diese Funktion zunächst nur auf bestimmten Strecken eingeführt werden, z. B. in bekannten Gebieten mit Einbahnstrassen und wenigen Hindernissen. Circa 2030–2035 sollte die Umstellung wohl abgeschlossen sein, sagen sowohl Neumann als auch Roland Berger Strategy. «Level 4» – das vollautomatische Fahren sollte möglich sein. Roland Berger dazu: «Der Fahrer fungiert dann als Beifahrer: Er gibt nur noch das Fahrtziel ein.»

Das Nirwana der selbstfahrenden Autos?

Dies könnte wunderbar werden. Selbstfahrende Autos lassen Bilder einer Zukunft wie bei den Jetsons, einer amerikanischen Zeichentrickserie aus den 1960er Jahren, die in einer automatisierten Zukunft spielt, entstehen – eine Zukunft, die General Motors bereits vor 60 Jahren in einem Film («GM Motorama Exhibit 1956») für die Automobilshow Motorama vorhersah. Das ist zwar kitschig, aber warum nicht? Roboter-Autos versprechen zahlreiche Vorteile. Endlose Stunden am Steuer (Roland Berger schätzt durchschnittlich ca. 300–600 Stunden pro Jahr) könnten anderweitig genutzt werden. Die Unfallquoten sollten zurückgehen. Nach über einer Million Kilometern wiesen die Google-Autos zwar einige kleine Blechschäden auf, jedoch in einer Grössenordnung, die unter dem US-Durchschnitt lag, und alle diese Schäden wurden von Menschen, nicht von den Robotern, verursacht. Wirklich umfangreiche Einsparungen könnten entstehen, wenn alle diese Roboter-Autos in ein «Internet of cars» eingebunden wären. Wenn selbstfahrende Autos im örtlichen Strassenverkehr von mehreren Personen genutzt würden, könnten Schätzungen einer 2013 vom Earth Institute der Columbia University durchgeführten Studie zufolge die Vollkosten pro zurückgelegter Strecke um das 5- bis 10-Fache sinken. Folgewirkungen im Hinblick auf Effizienz würden zu Senkungen der umweltschädlichen Emissionen und Verkehrsstaus in ähnlicher Grössenordnung führen.

Die grösste Herausforderung beim Re-Engineering: das menschliche Verhalten

Was hält uns also zurück? Erstens sind Roboterautos nicht legal. Eine der grössten Hürden ist laut Insidern die Zuverlässigkeit. «Wenn Ihr iPhone nicht mehr richtig funktioniert», erklärt Reto Hess, Analyst bei der Credit Suisse, ist das eine Sache. Sie kaufen einfach ein neues. Wenn allerdings ein selbstfahrendes Auto nicht mehr richtig funktioniert, könnten Menschen ums Leben kommen.» Nicht nur die Zulassungsbehörden, sondern auch Händler werden auf äusserst strenge Sicherheitsvorschriften und Beschränkungen pochen. «Ein schwerwiegender Unfall könnte die Branche um Jahre zurückwerfen», so Hess. Eine weitere Hürde sind die kurzfristigen Kosten. Laut Roland Berger liegen die Verkaufspreise von Roboter-Autos etwa 3000 bis 6000 US-Dollar höher als bei konventionellen Fahrzeugen. Dies würde sich erst durch Einbindung und gemeinsame Nutzung ändern. Dann gibt es noch die weniger greifbaren Probleme. Um die Kosteneinsparungen, ökologischen Vorteile und die Staureduzierung selbstfahrender Autos zu realisieren, wäre eine Menge Koordination und gemeinsame Nutzung nötig. Menschen würden ihre Autos untereinander tauschen. Sie könnten dann «Auto-Dienstleistungen» statt ganzer Autos kaufen. Sollte dies wirklich umsetzbar sein, könnte sich die Anzahl der benötigten Autos drastisch verringern. Dies wäre zwar gut für die Verbraucher, allerdings weniger attraktiv für die Fahrzeughersteller. Eine noch weniger greifbare, aber dennoch reale Hürde in Bezug auf Roboter-Autos ist der mögliche Verlust der «Auto-Identität». Für viele ist die Fahrt in einem tollen Schlitten ans Meer ein Ausdruck persönlicher Freiheit, dem eine Fahrt in einem Google-x, unabhängig vom Fahrtziel, nicht das Wasser reichen kann.

Technik erobert die Automobilindustrie – oder umgekehrt

Genau aufgrund dieser Verhaltensbarrieren sagen einige Analysten eine mögliche technische Eroberung der Automobilindustrie voraus. Intelligente Autos mögen uns zwar utopisch erscheinen, aber vor nicht allzu langer Zeit traf dies auch auf intelligente Telefone, d. h. Smartphones, zu. Wer hätte geahnt, dass aus Apple ein Musikunternehmen werden würde? Die Automobilbranche könnte auch bald zur Liste der «zerrissenen» Industrien zählen, wie Clayton Christensen, Professor an der Harvard Business School, diese Industriezweige nennt – gleich nach Kleinanzeigen (eBay oder Craigslist), Ferngesprächen (Skype), Plattenläden (iTunes), Reisebüros (Orbitz) oder Buchhandlungen (Amazon). Für die Technikfreaks sind Autos laut Neumann «nur ein weiteres mobiles Gerät, das erobert werden muss». Gleichzeitig, merken sowohl Neumann als auch sein Kollege Hess an, besitzen konventionelle Automobilhersteller immer noch sehr viel Macht und Einfluss. Sie dominieren die kritischen Bereiche der Massenproduktion und des Vertriebs, sie kontrollieren die Lieferkette und einige steuern mit schnellstmöglicher Geschwindigkeit auf selbstfahrende Autos zu. VW setzt 1200 Mitarbeitende in seiner Zentrale in Wolfsburg in diesem Bereich ein. Im Januar wird VW den Golf R Touch vorstellen, den Autobegeisterte mit einem «Smartphone auf Rädern» vergleichen. Wer weiss? Vielleicht funktioniert die technische Revolution diesmal ja umgekehrt und die Automobilhersteller übernehmen die Führung. Auf jeden Fall sieht es so aus, als stünde uns eine Zukunft mit selbstfahrenden Autos bevor.