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Das BIP erfasst natürliche Ressourcen als Gratisleistungen

Wäre die Erde eine Firma, würde sie uns heute für all die von uns konsumierten natürlichen Ressourcen und für die Schäden, die wir der Umwelt zugefügt haben, eine ellenlange Rechnung zukommen lassen. Unser neuester Bericht «The Future of GDP» analysiert die (mangelnde) Verknüpfung von Umwelt und Wirtschaft.

Lange Zeit betrachtete die Menschheit die natürlichen Ressourcen unseres Planeten als kostenlose und unbegrenzte Rohstoffe. Und noch immer wird häufig davon ausgegangen, dass die Umwelt uns stets zu Diensten ist und es unmöglich ist, eine Symbiose zwischen erfolgreichem Wirtschaften und einem gesunden Planeten zu schaffen. Die Methode zur Erfassung des Bruttoinlandprodukts (BIP) stärkt diese Annahme. Dieser Schlüsselindikator wurde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und wird nach wie vor zur Messung des Wirtschaftswachstums herangezogen. Allerdings lässt er zahlreiche Faktoren ausser Acht, die heute als unabdingbar für ein langfristig nachhaltiges Wachstum angesehen werden, wie etwa den Umweltschutz.

Es wird Zeit, Kapital unter Berücksichtigung natürlicher Ressourcen neu zu definieren

In der traditionellen Wirtschaftswissenschaft ist Kapital alles, was von Menschenhand geschaffen wurde und zur Bereitstellung von Gütern oder Dienstleistungen eingesetzt wird, einschliesslich Fabriken, Maschinen und finanzielle Mittel.

Erst in jüngster Zeit wird jedoch auch die Natur als wesentliche Kapitalquelle anerkannt. Die von der Natur und ihren Ökosystemen «bereitgestellten» Güter und Dienstleistungen sind ein grundlegender Teil des Wirtschaftssystems, der jedoch als selbstverständlich betrachtet wird. Sauberes Wasser, saubere Luft, fruchtbare Böden, erneuerbare Energiequellen, ein relativ stabiles Klima und die Absorption von Verschmutzung und Abfällen – sie alle werden durch das natürliche Kapital ermöglicht.

Wie das von Menschen geschaffene Kapital kann auch das natürliche Kapital wachsen, sich vergrössern und dadurch für mehr Wohlstand sorgen – oder es kann schrumpfen und an Wert verlieren, was unser künftiges Wohlergehen bedroht und echte wirtschaftliche Schäden zur Folge hat.

Warum das BIP nicht im Einklang mit der Umwelt steht

Obwohl Umweltfaktoren sich auf unsere Wirtschaft auswirken, werden sie nicht auf gezielte, systematische oder umfassende Weise im BIP berücksichtigt.

Im Gegenteil: Häufig steht das BIP in direktem Widerspruch zu ökologischen Notwendigkeiten. Das anschaulichste Beispiel hierfür ist die Explorations- und Produktionsbranche für Öl und Gas. Auf der einen Seite ist sie einer der grössten Verantwortlichen für den Klimawandel, auf der anderen Seite leistet sie einen enormen direkten Beitrag zum BIP (etwa 5 %) und stützt indirekt einen grossen Teil der Verbraucherwirtschaft.

Eine Studie von Trucost (heute Teil der S&P Group) bezifferte das nicht eingepreiste natürliche Kapital in Höhe von USD 7,3 Bio., was 13 % der globalen Wirtschaftsleistung des Jahres 2009 entspricht. Mehr noch: Die Studie zeigt auf, dass wir uns im Hinblick auf unser Verhältnis zu den Ökosystemen der Erde so stark verrechnet haben, dass ein Grossteil des Primärsektors in aller Welt, etwa die Kohleförderung in den USA, die Viehzucht in Südamerika oder der Weizenanbau in Ostasien, nicht rentabel wäre, wenn die von ihm verursachten Umweltkosten berücksichtigt würden.

Nicht eingepreiste Kosten des natürlichen Kapitals

Quelle: Trucost (Teil der S&P Group)

Profite aus Katastrophen – eine ungewöhnliche Rechnung

Weniger offensichtlich ist, dass Umweltkatastrophen das BIP auf kurze Sicht sogar steigern können. Zwei Monate nachdem die Ölbohrplattform Deepwater Horizon von BP eine Ölpest im Golf von Mexiko verursacht hatte, wiesen einige Wall-Street-Analysten darauf hin, dass diese Katastrophe sich im kommenden Jahr wahrscheinlich geringfügig positiv auf das BIP der USA auswirken würde.

Am stärksten litten zunächst die Tourismus- und Fischereibranche an der Küste des Golfs von Mexiko sowie die Ölbranche selbst, die sich mit einem Moratorium für Tiefseebohrungen konfrontiert sah. Die Verkaufszahlen für Produkte und Dienstleistungen brachen infolge der Katastrophe ein, und Tausende von Arbeitnehmern wurden entlassen. Der resultierende Dominoeffekt erfasste regionale und nationale Volkswirtschaften und führte zu einem Rückgang des BIP.

Dennoch schätzten Ökonomen an der Wall Street, dass die enormen Ausgaben für die Reinigung nach der Verschmutzungskatastrophe sowie die Einstellung Tausender arbeitsloser Arbeitnehmer den angerichteten Schaden mehr als ausgleichen und insgesamt für einen Anstieg des BIP sorgen würde.

Dies verdeutlicht die geradezu wundersame Kalkulation des BIP: Soweit Schäden für die Umwelt nicht einberechnet werden, wirken sich Katastrophen wie diese sogar kurzfristig «positiv» auf die Wirtschaft aus. Die Tatsache, dass das BIP die Auswirkungen solcher Ereignisse auf den langfristigen Zustand des Planeten oder seines «natürlichen Kapitals» nicht erfasst, ist seine gravierendste Schwäche.

Wohlstand erfordert einen gesunden Planeten

Unsere Wirtschaft muss pfleglich mit der Biosphäre umgehen und ihre Gesundheit fördern. Echter Wohlstand kann nur erreicht werden, wenn wir neben der Anhäufung von Finanzkapital auch in der Lage sind, natürliches und soziales Kapital aufzubauen. Dies ist eine enorme Herausforderung. Sie erfordert tiefgreifende systematische Veränderungen – unter anderem der Methoden, mit denen wir unseren Erfolg messen. Das BIP genügt unseren heutigen Ansprüchen nicht mehr. Um echten Wohlstand zu erreichen, müssen wir nicht nur das Finanzkapital, sondern auch das natürliche und das soziale Kapital aufbauen. Entweder muss das BIP so angepasst werden, dass es diese Tatsache berücksichtigt, oder wir müssen es verwerfen und einen anderen Indikator in den Vordergrund rücken.