Spiele – der neue Exportschlager aus Nordeuropa?

Angry Birds, Candy Crush Saga und Minecraft gehören zu den beliebtesten Spielen weltweit. Damit könnte die Spieleentwicklung Krimis, Mitnahmemöbel und Musik als neueste Exportnische der nordischen Länder ablösen. 

Spiele sind ein Überbleibsel aus der Kindheit – die meisten Menschen spielen Spiele; Monopoly und Solitaire sind eigentlich jedem ein Begriff, um nur zwei Spiele zu nennen. Heute trägt nahezu jeder Spiele in seiner Jackentasche und zwar in Form von Anwendungen (Apps), die auf das Smartphone oder Tablet heruntergeladen werden. Die Analysten der Credit Suisse schätzen, dass mittlerweile mehr als zwei Milliarden Personen im Internet spielen. 2015 dürfte laut Juniper Research die Zahl der weltweit heruntergeladenen Apps 235 Milliarden überschreiten. Ein Grossteil dieser Apps entfällt dabei auf Spiele. Spiele sind derzeit das reifste und lukrativste App-Segment, mit erheblichem Wachstumspotenzial sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern. Entscheidende Faktoren dieses Trends sind die Migration weg von Handheld-Konsolen und ein zunehmender Anstieg im Bereich Social Gaming. Analysten von ResearchAndMarkets zufolge wird der globale Online-Gaming-Markt von 2014 bis 2019 jährlich um 12 Prozent zulegen. 

Finnland und Schweden dominieren

In den letzten Jahren erlebt die Spieleentwicklungsbranche in den nordischen Ländern – mit Finnland und Schweden an der Spitze – einen Boom. Viele weltweit bekannte Online-Spiele stammen aus dieser Region. Angry Birds, entwickelt von dem finnischen Unternehmen Rovio Entertainment und 2009 veröffentlicht, ist ein gutes Beispiel. Das ursprünglich von drei Studenten entwickelte Spiel wurde innerhalb eines Jahres ein weltweites Phänomen. Bislang wurde es 1,7 Milliarden Mal heruntergeladen und hat monatlich viele Millionen aktive Nutzer. Schätzungen der finnischen Funding Agency for Innovation zufolge überstieg 2014 der Umsatz der finnischen Spielebranche EUR 1 Mia. Noch 2008 lag dieser Wert bei EUR 87 Mio. Hinter dieser Entwicklung steht eine rege Start-up-Szene. Derzeit gibt es in Finnland über 200 aktive Spieleentwicklerstudios. Supercell, Entwickler von Clash of Clans, ist ein weiteres bekanntes finnisches Studio. In Schweden findet eine ähnliche Entwicklung statt; 2013 lag der Umsatz der schwedischen Spieleentwickler bei EUR 752 Mio. Laut der Swedish Games Industry, dem Dachverband der Branche, hat jeder Zehnte auf der Welt bereits einmal ein schwedisches Videospiel gespielt. Minecraft und Candy Crush Saga, beide in Schweden entwickelt, waren 2013 die rentabelsten Spiele im App Store. Letztes Jahr wurde Mojang, das Unternehmen hinter Minecraft aus Stockholm, für USD 2,5 Mia. von Microsoft übernommen, während King Digital Entertainment, das Unternehmen hinter Candy Crush Saga, den grössten Börsengang eines Unternehmens im Bereich Mobile Gaming an der New Yorker Börse feierte. Dänemark und Norwegen liegen deutlich hinter ihren beiden nordischen Nachbarn, doch auch hier wurden erfolgreiche Spiele entwickelt – die Hitman-Reihe und Fun Run 2.

Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Mehrere Faktoren haben zum Erfolg der nordischen Spieleentwickler beigetragen: Eine lange Tradition des Geschichtenerzählens, die bis zu den Wikingern zurückreicht – die epische Sage «Edda» aus Island, eine berühmte Geschichte, die seit Jahrhunderten erzählt wird, ist nur ein Beispiel von vielen. Ein greifbarerer Faktor ist das Bildungssystem in diesen Ländern. Die Schulsysteme in den nordischen Ländern gewähren den Schülern mehr freie Zeit, nachzudenken, zu träumen, auszuruhen und sich zu amüsieren als in den meisten Ländern auf dem Festland. Der Schultag endet früh, es gibt quasi kaum Hausaufgaben. Die Schüler lernen, unabhängig zu denken. Kostenlose Hochschulbildung bedeutet auch, dass junge Menschen die Möglichkeit haben, Darlehen in ein Geschäftsvorhaben zu investieren, statt damit ihr Studium finanzieren zu müssen. Darüber hinaus bieten zahlreiche Universitäten in Nordeuropa spielebezogene Programme auf allen Bildungsebenen an. Die Entwicklung von qualitativ hochwertigen Spielen und ein offener Arbeitsmarkt, der im Falle von Schweden kreative Köpfe aus aller Welt anlockt, sind weitere wichtige Faktoren für die rasante Entwicklung der Branche. 

Positiver Ausblick

Angesichts einer steigenden Nachfrage in weiten Teilen der Welt hat die Spieleentwicklungsbranche derzeit Rückenwind, nicht zuletzt deshalb, weil sich neue Zielgruppen herausgebildet haben. Gemäss einer Studie der Credit Suisse streben Anbieter von Online-Games heute eine globalere Abdeckung an, indem sie neue Anwender aus Asien, Lateinamerika und Osteuropa zum Spielen ermuntern – Regionen also, wo Spielkonsolen nie so richtig den Durchbruch schafften. Die neuen Spieler werden durch Gratisspiele angelockt, welche auf das Smartphone, das Tablet oder den PC geladen werden können. Die Zeit, in der Online-Spiele ausschliesslich etwas für Jungs und junge Männer waren, ist seit Langem vorbei. Die neuen Zielgruppen sind Senioren sowie Pendler und Hausfrauen mittleren Alters. Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Nachfrage nach Online-Spielen demnächst zurückgehen wird. Laut einer Studie von PwC dürften die Ausgaben für Online-Spiele weltweit insgesamt steigen. Wurde 2013 noch ein Wert von USD 66 Mia. verzeichnet, dürften diese Ausgaben bis 2018 vermutlich auf USD 89 Mia. steigen. 

Wo liegen die Herausforderungen?

Der globale Charakter des Spielegeschäfts und die geringe Grösse der genannten vier Inlandsmärkte mit einer Bevölkerung von jeweils weniger als 10 Millionen haben zur Folge, dass die nordischen Entwicklerstudios global denken müssen. Heute werden ihre Spiele oftmals direkt auf einem internationalen Markt eingeführt. Ein Grossteil der Spieleproduktion wird dabei exportiert. Die grösste Herausforderung für diese Studios besteht daher darin, so schnell wie möglich global zu agieren. Sobald ein Unternehmen, meistens ein Start-up, den Sprung auf die internationale Bühne wagt, wartet die nächste Herausforderung: die Expansion in einen unbekannten Markt. Dieser grosse Schritt erfordert nicht nur Zugang zu mehr Mitteln, sondern auch weiteres Know-how. Zugang zu den richtigen Talenten und ein sich rasch wandelndes regulatorisches Umfeld sind weitere Themen in der Branche. Die Tatsache, dass beispielsweise Unternehmen in den USA, Kanada und Grossbritannien subventioniert werden, und Fragen in Zusammenhang mit dem digitalen Wettbewerb, u. a. verschiedene Formen der Verletzung von Urheberrechten oder Marken, können die Erfolgsaussichten massgeblich beeinflussen. Allein die Zukunft wird zeigen, ob die Spieleentwickler aus Nordeuropa im globalen Wettbewerb mithalten können – die Konkurrenz ruht sich nicht auf ihren Lorbeeren aus.