Wie Daten das Gesundheitswesen transformieren
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Wie Daten das Gesundheitswesen transformieren

Dank technologischer Fortschritte werden wir in naher Zukunft einen neuen Ansatz in der Gesundheitsversorgung erleben. Diese wird sicherer, individueller und bequemer sein und den Fokus mehr auf die Vorbeugung statt auf die Behandlung von Krankheiten legen, erklärt Christian Schmid, Anlagespezialist für Gesundheitstechnologie bei der Credit Suisse.

Credit Suisse: Wie verändert künstliche Intelligenz unsere Vorstellung von medizinischen Dienstleistungen?

Christian Schmid: Ich denke, künstliche Intelligenz (KI) wird zu einem Umdenken bei der Handhabung medizinischer Daten führen. Zurzeit sammeln wir eine Menge Daten über medizinische Einrichtungen und Forschungszentren, aber auch direkt von Konsumenten über mobile Apps und Geräte wie Fitness-Tracker. Ohne KI wäre es gar nicht möglich, all diese gesundheitsbezogenen Daten effizient zu erfassen, zu verarbeiten und zu nutzen. Dank der schnellen technologischen Entwicklungen und der enormen Rechenleistung, die stets verfügbar ist, sind die Algorithmen heutzutage sehr ausgereift. Somit ist es möglich, all diese eingehenden Daten zu verarbeiten und daraus verwertbarere Ergebnisse zu ziehen. Das wiederum wird es Ärzten und Patienten erleichtern, die gesundheitliche Entwicklung genauer zu überwachen.

Welche Länder waren bisher am aktivsten bei der Digitalisierung ihrer Gesundheitssysteme?

Länder mit hohen Gesundheitskosten haben einen wesentlich dringenderen Bedarf an digitalen Lösungen. Die USA sind ein solches Beispiel, dort fliessen etwa 18 % des BIP in das Gesundheitswesen. Die Digitalisierung hilft, im  Gesundheitswesen die Effizienz zu steigern und die Kosten erheblich zu senken.

Wie sieht es in den Schwellenländern aus?

Gesundheitstechnologien wurden auch in grossen Ländern mit weniger stark ausgebauter Infrastruktur eingeführt. In China entfallen von den drei Stunden, die ein Durchschnittbürger für einen Arzttermin aufwendet, lediglich acht Minuten auf das eigentliche Gespräch mit dem Arzt. Die restliche Zeit verbringt er mit der Anfahrt und Warten. Wenn man nur allgemeine medizinische Beratung oder Hilfe beim Verständnis eines Labortests und keine physische Untersuchung benötigt, bietet es sich geradezu an, die Ergebnisse online abzurufen und sich per Telemedizin ärztlichen Rat einzuholen.

Warum hat es so lange gedauert, bis digitale Lösungen in der Medizin Einzug gehalten haben?

Einige digitale Lösungen wurden jahrelang diskutiert, konnten aber nicht flächendeckend eingeführt werden, da die Technologie noch nicht so weit war. Das Internet hat zwar einige Türen geöffnet und die Entwicklungen in der Telemedizin vorangetrieben, zum massiven Einsatz kam es aber etwa erst ab 2007 mit Einführung der ersten Smartphones. Das ist nur elf Jahre her.

Ein weiteres Problem der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind die sensiblen Daten, mit denen man es in dieser Branche zu tun hat. Jede Gesundheitstechnologie muss äusserst sicher und zuverlässig sein. Die Frage, wie man die Daten verarbeitet, ist also immer eine Herausforderung.

Konnten die Schwierigkeiten überwunden werden?

Mittlerweile ist die einzuschlagende Richtung deutlich klarer, sodass eine technologische Transformation in der Gesundheitsversorgung möglich wird. Wir haben jetzt Zugriff auf die erforderlichen Technologien, die Behörden untersützen den Prozess und wir verfügen über sichere Lösungen. Jetzt muss sich die Gesellschaft damit auseinandersetzen, wie sie dies am besten nutzen kann. Es sind auch spannende Zeiten für Anleger, die mit fortschreitender Entwicklung des Sektors langfristige Trends ausmachen können.

Für welche medizinischen Bereiche bietet Technologie das grösste Einsparpotenzial?

Zur besseren Veranschaulichung würde ich den Sektor in drei Bereiche aufteilen: Forschung und Entwicklung (F&E), Behandlung und Effizienz.

Innerhalb von F&E bestehen enorme Einsparmöglichkeiten bei sogenannten Auftragsforschungsinstituten, die klinische und vorklinische Versuche durchführen. In der Vergangenheit hat ein vollständiger Testzyklus rund 16 Jahre gedauert. Durch Verlagerung des papierbasierten Prozesses in die Cloud wurde der Zeitraum erheblich verkürzt.

Was die Behandlung betrifft, birgt Technologie durch personalisierte Medizin grosses Potenzial für Kostenersparnisse. Neue Technologien ermöglichen Ärzten die schnelle Analyse von bestimmten Fällen, was ihnen die Ermittlung der besten Behandlungsmethode für den jeweiligen Patienten erleichtert. Dies kann die Behandlung um einige Wochen verkürzen und somit die Kosten  reduzieren, aber auch die Chancen auf eine rasche und vollständige Genesung erhöhen.

Schliesslich unterstützt Technologie Patienten in Sachen Effizienz dabei, ihre Behandlung richtig durchzuführen. Die mangelnde Umsetzung ist einer der grössten Kostentreiber der Gesundheitssysteme in aller Welt. 2,2 Millionen der acht Millionen Einwohner der Schweiz sind chronisch krank. Die jährlichen Kosten pro Patient belaufen sich auf durchschnittlich CHF 13'000, vorausgesetzt der Behandlungsplan wird eingehalten. In den Fällen, in denen sich die Patienten nicht daran halten, schnellen die Kosten auf CHF 52'000. Das liegt einerseits daran, dass sich die ursprüngliche Krankheit weiter ausbreitet, andererseits an hinzukommenden gesundheitlichen Problemen. Einer der Hauptgründe für die Nichteinhaltung  besteht darin, dass die Patienten schlicht vergessen, ihre Medikamente einzunehmen. Überwachungstools können die Patienten  heutzutage  zum richtigen Zeitpunkt an die Einnahme erinnern. Dadurch wissen die Ärzte, wie gut sich ihre Patienten an die Behandlung halten, und können Fehlverhalten schnell aufdecken.

Welche weiteren Vorteile gibt es für Patienten und Ärzte durch mehr Automatisierung und Robotik im Gesundheitswesen abgesehen von Einsparungen?

Ich würde das in zwei Worten zusammenfassen: Sicherheit und Komfort. Beim Komfort geht es im Wesentlichen um die Zeit, die man dank Telemedizin einspart. Denn es ist damit nicht mehr notwendig, für einen Arzttermin das Haus oder Büro zu verlassen.

In puncto Sicherheit gibt es zwei Hauptaspekte, die sowohl Patienten als auch Ärzten zugutekommen: medikamentöse Therapie und Präzisionschirurgie. Auf der einen Seite hilft uns die Automatisierung, grosse Mengen an Daten zu analysieren und dabei potenzielle Arzneimittelwechselwirkungen zu ermitteln und die Diagnose zu beschleunigen. Auf der anderen Seite ermöglichen operierende Roboter minimal invasive Operationen. Präzisere Schnitte während der Operation sorgen für geringeren Blutverlust und eine schnellere Heilung sowie für ein geringeres Risiko an Infektionen nach der Operation.

Das digitale Gesundheitswesen bietet Tools, mit denen die Menschen Unregelmässigkeiten frühzeitig erkennen können, bevor sich eine Krankheit entwickelt.

Wie kann die Digitalisierung das Gesundheitswesen verändern?

Im Kern verbessert das digitale Gesundheitswesen die Effizienz und ermöglicht es Patienten, umfassend von der Gesundheitsversorgung zu profitieren. Meiner Meinung nach müsste man die heutigen Gesundheitssysteme Krankenversorgungssysteme nennen, da sie den Schwerpunkt auf die Behandlung von erkrankten Personen legen, statt den Menschen zu helfen, gesund zu bleiben . Patienten werden erst Teil des Systems, wenn sie bereits krank sind. Das digitale Gesundheitswesen dürfte dies ändern. Es bietet Tools, mit denen die Menschen ihren Gesundheitszustand selbst überwachen und Unregelmässigkeiten frühzeitig erkennen können, bevor sich eine Krankheit entwickelt. Das würde Kosten, Aufwand und Stress sparen – sowohl für Ärzte als auch für Patienten und deren Familien.