Neuste Artikel

Vom ketzerischen Gedanken zur Realität: sonderbare neue Welt der negativen Zinsen

Dass die Zinsen tatsächlich unter null sinken könnten, hätte bislang niemand gedacht. Genau dies ist jedoch geschehen, und auf dem Gebiet des Anlagewesens und der Volkswirtschaft eröffnen sich bislang unbekannte Dimensionen. Mehr noch: Die Zinsen könnten sich sogar noch stärker in negatives Terrain bewegen.

Der Mensch kann nicht fliegen. Autos sind eine Modeerscheinung. Telefonieren ist unmöglich. Über solche Aussagen lachen wir heute – aber so ist es mit überkommenen Vorstellungen: Bis sie widerlegt werden, scheinen sie unverrückbar. Eine der Weisheiten, die in jüngster Zeit entkräftet wurde, ist das Konzept negativer Zinsen. Nun sind die Zinsen unter die Marke von null Prozent gefallen – eine Demarkationslinie, die bisher als unüberwindbar galt – und in vielen Märkten und Ländern werden Verhaltensweisen beobachtet, die entscheidende Konsequenzen für die Anleger haben.

Das gibt’s doch gar nicht

Vor etwa 300 Jahren behaupteten Mathematiker, dass es so etwas wie negative Zahlen gar nicht gebe. Und vor nicht allzu langer Zeit sagten die meisten Ökonomen dasselbe über negative Zinssätze. Zwar spielte die Schweiz im Jahr 1979 kurz mit dem Gedanken, negative Zinsen einzuführen, und Japan bewegte sich in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich in der Nähe dieses Phänomens. Dennoch lautete die ehrliche Beurteilung: In der heutigen Welt wäre es unvorstellbar, eine Bank für die Verwahrung liquider Mittel zu bezahlen. Dieses Tabu geriet nach der Finanzkrise von 2008 ins Wanken. Die US-Notenbank (Fed) stellte in einer internen Notiz fest, dass der «ideale Zinssatz» bei –5 Prozent läge. Während die Fed jedoch lediglich Gedankenspiele über negative Zinsen anstellte, schaffte die schwedische Riksbank diesbezüglich Fakten und senkte ihren Einlagenzins im Jahr 2009 auf –0,25 Prozent. Die Erde drehte sich weiter, und Notenbanken in der Eurozone, Dänemark und der Schweiz sahen sich dazu ermutigt, dem Beispiel der Riksbank zu folgen. Ab Mitte 2014 senkten sie alle ihre Zinsen deutlich unter null.

Funktionieren negative Zinsen?

Per Ende 2015 gibt es negative Zinsen nun schon seit über einem Jahr. Trotz reichlicher Kritik haben sich die Notenbanker nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. Sie argumentieren, dass negative Zinsen die richtige Medizin für die nach wie vor kränkelnden Volkswirtschaften sei. Zudem weisen sie darauf hin, dass negative Zinsen nicht zu den Dingen gehören, mit denen sich die Menschen im Alltag beschäftigen müssen. Zudem weisen sie darauf hin, dass Menschen im Alltag sich kaum je direkt mit negativen Zinsen auseinandersetzen müssen. Sie werden ausschliesslich von den Notenbanken auf die Einlagen grosser institutioneller und gewerblicher Einleger erhoben. Darüber hinaus sind sie auf umfangreiche Einlagen beschränkt – in der Schweiz beispielsweise auf Einlagen von mehr als 10 Millionen Schweizer Franken. Dennoch haben sie deutliche Auswirkungen sowohl für institutionelle als auch für private Anleger. Joe Prendergast, Marktanalyst bei der Credit Suisse formuliert es so: «Negative Zinsen stellen ein einschneidendes Ereignis dar, das erhebliche andere Veränderungen nach sich ziehen kann und wird.»

Die Hypothekenzinsen steigen, Banken zahlen, um Geld zu verleihen

Einige dieser Veränderungen entsprechen nicht den Erwartungen. Der Hypothekenzins in der Schweiz beispielsweise ist sogar gestiegen. Angaben des Finanzberaters MoneyPark zufolge sind die Angebote für eine Baufinanzierung mit festem Zins und einer Laufzeit von zehn Jahren von Januar bis Oktober 2015 um 0,5–0,75 Prozent teurer geworden.
«Die Banken können die negativen Einlagenzinsen zurzeit nicht an ihre Privatkunden weitergeben», erläutert Prendergast, «daher müssen sie sich die Margen in anderen Bereichen zurückholen.»
Ungeachtet der Zusicherungen der Zentralbanken bekommen gewöhnliche Unternehmen und Menschen die Auswirkungen bisweilen zu spüren. Berichten zufolge erhebt die Deutsche Skatbank eine Gebühr in Höhe von 0,25 Prozent auf Einlagen von mehr als 500’000 Euro. Mehrere dänische Banken erheben ebenfalls Gebühren von Einlegern. Und in mindestens einem Fall bezahlt eine Bank Kunden für die Aufnahme eines Kredits! Einem Bericht des dänischen Fernsehkanals TV 2 zufolge, bezahlt Realkredit Danmark einer Frau, der sie ein Darlehen über 5’000 dänische Kronen gewährt hat, monatlich sieben Kronen. «Es ist wirklich verblüffend», so die Kreditnehmerin Eva Christiansen zu einem TV-2-Reporter im Februar 2015, «dass ich keine hohen Zinsen bezahlen muss.»

Der Run auf alternative Anlagen

Auch professionelle Anleger waren von den Zinssätzen überrascht, was in ihrem Fall eine Flucht in alternative Anlagen zur Folge hatte: Hedge-Fonds, Private Equity, Immobilien, Infrastruktur und Private Debt. Daten aus dem Preqin Investor Outlook: Alternative Assets zufolge weist ein Analyst der Credit Suisse auf die massiven, anhaltenden Kapitalströme in alternative Anlagen hin und warnt davor, dass dies ein unterschätztes Illiquiditätsrisiko darstellt. Ebenfalls besorgt zeigt sich die Weltbank in einer Veröffentlichung von Juni 2015, Global Economic Prospects. Dort heisst es, dass «Anleger aus dem Banken- und dem Nichtbanken-Bereich sich möglicherweise zum Eingehen exzessiver Risiken ermuntert fühlen […] die zur Entstehung von Spekulationsblasen beitragen.»

Die Altersvorsorge gerät aus dem Lot

Am stärksten von negativen Zinsen betroffen sind möglicherweise die Vorsorgesysteme in aller Welt. «Pensionskassen und insbesondere öffentliche Pensionskassen sind massiv unterfinanziert», sagt John Mauldin von Mauldin Economics, ein erfahrener Marktbeobachter. Und dabei bezieht er sich auf US-Pensionsfonds, die nach wie vor in einem Umfeld mit leicht positiven Zinsen agieren. Sollten die negativen Zinsen in Europa noch länger anhalten, so Joe Prendergast von der Credit Suisse, sind umfangreiche Reformen dort unumgänglich. Er stellt fest, dass Zinsen unter null Prozent weiteren Druck auf Pensionskassen ausüben, die bereits mit der Herausforderung einer sinkenden Zahl von Beitragszahlern (jungen Menschen) und einer steigenden Zahl von Leistungsempfängern (Menschen im Ruhestand) zu kämpfen haben. «Anhaltende Defizite werden die Menschen dazu zwingen, länger zu arbeiten, während sie niedrigere Renten erhalten. Dies könnte das gesamten Wesen des Ruhestands verändern.»

Das Ende des Bargelds?

Sollten wir also unsere Ersparnisse in der Matratze verstecken? Nun, das könnte günstiger sein als eine Bank für ihre Verwahrung zu bezahlen. Und dort wäre erstaunlich viel Platz. Eine ganz reguläre Einzelmatratze von Ikea, vollgestopft mit 1000-Franken-Banknoten, könnte Geld im Gegenwert von nahezu 350 Millionen US-Dollar fassen! Darauf liesse es sich sicher traumhaft schlafen. Natürlich ist das Horten von Bargeld genau das Gegenteil von dem, was Staaten durch negative Zinsen zu erreichen versuchen. Dies gilt sogar in einem Masse, so Prendergast, dass es einer der Gründe sein könnte, weshalb manche Regierungen sich für eine bargeldlose Gesellschaft einsetzen. «Wie könnte man deutlich negative Zinsen einführen und ihr Bestehen langfristig sicherstellen?», lautet seine rhetorische Frage. «Ganz einfach: Man müsste nur das Bargeld abschaffen.»

Und das war erst der Anfang

Das Leben «unter null» hat eindeutig einige Neuerungen mit sich gebracht. Und möglicherweise ist noch einiges zu erwarten, denn in gewisser Weise müssen die Zinsen erst noch «richtig» negativ werden. Aber im Ernst – die Kosten des physischen Anhäufens von Bargeld werden in der Regel mit 0,75 Prozent veranschlagt. Erst wenn die Zinsen diesen Wert übersteigen, und mit einem Minuszeichen versehen sind, sind sie auf einer Nettobasis negativ. Diese Barriere von –0,75 Prozent wurde noch nicht durchbrochen, wie Prendergast klarstellt. Doch, so fügt er hinzu, deuten die ständigen Erklärungen von Notenbankern darauf hin, dass dies ein weiterer ketzerischer Gedanke sein könnte, der bald Realität wird.