Francis Fukuyama und die Rückkehr zur Vergangenheit
News & Videos

Francis Fukuyama und die Rückkehr zur Vergangenheit

Der Autor des Standardwerks «Das Ende der Geschichte» musste seine These revidieren: Francis Fukuyama sieht düstere Zeiten kommen. Populismus bedroht die politischen Institutionen und die Weltwirtschaft wird leiden. Wird es in einem neuen Zeitalter für Demokratie und Makroökonomie noch Hoffnung für die Zukunft geben?

Herr Fukuyama, Sie gelten als einer der prominentesten Politikkommentatoren des Zeitgeschehens. Wie beurteilen Sie den Zustand der Welt?

Ich fürchte, wir befinden uns in einer sehr gefährlichen Situation. Wir kommen aus einer jahrzehntelangen Periode heraus, in der sich eine liberale, internationale Weltordnung gebildet hat. Sie war sehr erfolgreich und gründete auf freien, offenen Wirtschaftsräumen und auf der liberalen Demokratie als Regierungsform. Seit etwa zehn Jahren kommen diese Errungenschaften unter Beschuss, in den letzten paar Jahren mit zunehmendem Tempo.

Woran denken Sie?

Einerseits an autoritäre Regimes, die mit viel Selbstvertrauen auftreten und nicht demokratische Ideen propagieren. Andererseits taucht der Populismus in vielen westlichen Demokratien auf. Dazu zähle ich das Brexit-Referendum und die Parteien, die Ungarn, Polen und andere osteuropäische Länder regieren. Der Populismus erreicht aber auch Deutschland oder Frankreich, und hier in den USA haben wir auch einen Präsidenten, den ich zu dieser Kategorie zähle.

Die meisten dieser Politikerinnen und Politiker wurden demokratisch gewählt. Warum sind sie trotzdem gefährlich für die Volksrechte?

Sie stehen den Institutionen skeptisch gegenüber und wollen ihnen Macht entziehen. Ausserdem teilen sie die Menschen nach Ethnien ein oder nach Religion oder Rasse. In Indien definiert die regierende BJP das Land als hinduistisch – doch es leben weit über 150 Millionen Muslime dort. Auch im Mittleren Osten gibt es diese Strömungen, dort sehen islamistische Parteien die Religion als Mittel, die politische Agenda zu ihren Gunsten zu definieren.

Wie wirkt sich das auf die Weltwirtschaft aus?

Diese Akteure sind wirtschaftliche Nationalisten. Wenn der Protektionismus, mit dem sie oft drohen, Tatsache wird, hat das schlimme ökonomische Konsequenzen. Das ist der Punkt, an dem wir heute stehen.

In einem Essay vergleichen Sie die heutige Situation mit der Zeit nach 1930, mit der Epoche, die in den Zweiten Weltkrieg mündete. Ist das nicht etwas übertrieben?

Ich sage nicht, es werde so enden wie damals; Faschismus und Krieg waren möglich, weil die Demokratie in Deutschland noch ganz jung war, es gab sie erst seit 1919. Unsere heutigen Institutionen sind gefestigt. Aber ich denke, es wird eine Erosion der demokratischen Normen geben. Und die Gefahr für die Weltwirtschaft ist eine Realität.

Aber die Wirtschaft boomt wie selten zuvor.

Die aktuellen Veränderungen sind noch relativ jung, warten Sie noch etwas zu. Aber Sie haben insofern recht, als die USA zurzeit im neunten Wachstumsjahr stehen seit der Finanzkrise. Gemäss sämtlichen Indikatoren geht es uns ausgezeichnet. Trotzdem wurde Donald Trump gewählt mit der Behauptung, die amerikanische Wirtschaft liege am Boden.  

Francis Fukuyama

Aber es gibt eine Gemeinsamkeit. Es wird abgelehnt, was die Populisten unter dem sogenannten «Globalism» verstehen: die offene, vernetzte Welt und die internationalen Institutionen.

Francis Fukuyama

Es gibt einen Unterschied zwischen makroökonomischen Betrachtungen und dem Schicksal des Einzelnen.

Das stimmt. Nicht jeder hat vom Aufschwung profitiert. In den reicheren Ländern verloren viele, gerade ältere Menschen ihre Arbeit durch die Auslagerung der Produktion in ärmere Länder. Wichtig ist aber auch die kulturelle Dimension: Beinahe jedes westliche Land hat in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren eine noch nie da gewesene Immigrationswelle erlebt. Das erschüttert viele Bürger, sie fürchten um ihre nationale Identität. Das gilt besonders für Menschen aus dem ehemaligen Mittelstand, die immer mehr unter die Räder kommen.

Populistische Parteien erfahren gerade auch von jungen Wählerinnen und Wählern Zuspruch. Warum?

Viele der osteuropäischen Länder haben relativ junge Bevölkerungsstrukturen, ein Grossteil der Menschen ist nach dem Mauerfall geboren, sie kennen Kommunismus und Diktatur nicht. Diesen Jungen fehlt die Wertschätzung für die Europäische Union und die Demokratie. Auch in den USA zeigen Studien, dass die jüngere Generation generell weniger an Demokratie glaubt als ihre Eltern. Das finde ich besorgniserregend.

Es gibt auch die These, dass bei uns im Westen eine «Demokratie-Müdigkeit» herrsche, weil die Systeme träge und ineffizient geworden sind. Stimmen Sie zu?

Ja. Der Aufschwung der Populisten hat sicher auch damit zu tun, dass unsere Demokratien nicht immer so gute Resultate geliefert haben – ich denke an die Vereinigten Staaten, an Italien, Japan oder Indien. In allen diesen Ländern gibt es deshalb eine Sehnsucht nach dem «starken Mann», nach jemandem, der durchgreift und aufräumt.

Wäre etwas weniger Volkspartizipation und ein bisschen mehr Technokratie à la Singapur eine bessere Variante für westliche Länder?

Etwas mehr Technokratie wäre sicher gut. Leider bewegen sich die Populisten meist in eine andere Richtung: Sie korrumpieren die Qualität ihrer Regierungen und bringen Freunde und Loyalisten in Position.

Gibt es absehbar ein Konzept, das die Globalisierung ablösen wird?

Wenn Sie gewissen Politikern zuhören, dann lautet deren Antwort klar: Nationalismus. Es ist die Rückkehr zur Vergangenheit. Das ist zwar noch keine internationale Bewegung wie damals der Kommunismus, denn jedes Land hat schliesslich seine eigene Vergangenheit, an der es sich orientiert. Aber es gibt eine Gemeinsamkeit. Es wird abgelehnt, was die Populisten unter dem sogenannten «Globalism» verstehen: die offene, vernetzte Welt und die internationalen Institutionen.

Sie wurden 1992 weltberühmt mit Ihrem Buch «Das Ende der Geschichte». Darin vertreten Sie die These, dass sich Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen. Wie hat sich Ihre Sicht auf die Welt seither verändert?

Ich habe später ein zweibändiges Buch über die politische Weltordnung geschrieben im Bemühen darum, «The End of History and the Last Man» umzuschreiben. Es gibt ein paar grundsätzlich neue Dinge, zum Beispiel den Begriff des politischen Zerfalls. Ich bin mir heute viel stärker bewusst, dass sich Demokratien auch rückwärts bewegen können. Und ich habe ein grösseres Verständnis davon, wie fragil moderne Staaten sind. Die Geschichte zeigt, wie unglaublich schwer es war, unsere Nationalstaaten zu kreieren. Aber es ist viel einfacher, sie zu zerstören. Das war mir vor 25 Jahren nicht so klar wie heute.