Bitcoin vergessen, auf Blockchain setzen?
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Bitcoin vergessen, auf Blockchain setzen?

Die naheliegendste potenzielle Einsatzmöglichkeit für Blockchain-Technologie existiert bereits – Zahlungssysteme. Aber Blockchain bietet noch viel mehr.

Seit dem Auftauchen von Bitcoin im Jahr 2009 verkünden die Verfechter der Technologie, das Ende des Papiergeldes sei nah. Die so genannte Kryptowährung nutzt eine komplexe Verschlüsselung und eine geschickt geregelte Anreizstruktur, um die Menge verfügbarer Bearer Tokens zu kontrollieren und die Echtheit der mit diesen Tokens durchgeführten Transaktionen zu überwachen. Es gibt keine Zentralbank und kein Finanzministerium, die Bitcoin regulieren. Transaktionen sind irreversibel, die Eigentümerschaft ist nicht zurückverfolgbar, und es gibt unzählige Mainstream-Nutzungsmöglichkeiten. Im Jahr 2016 war es möglich, mit Bitcoin Computer von Dell oder Flugtickets von airBaltic zu kaufen, für eine Präsidentschaftskampagne zu spenden oder eine spezielle Visa-Debitkarte aufzuladen, um praktisch überall zu bezahlen.

Die komplexe und teure Welt von Bitcoin

Doch bei allem Hype stellt Bitcoin laut den europäischen Technologieanalysten aus dem Bereich Global Markets Research der Credit Suisse nicht das Ende von Bargeld, Debitkarten und digitalen Zahlungssystemen wie PayPal dar. Kryptowährungsnetzwerke sind relativ langsam. Die Bestätigung einer Bitcoin-Transaktion kann zwischen 10 und 40 Minuten dauern.

Darüber hinaus müssen Miner (diejenigen Nutzer, die tatsächlich Bitcoin-Software nutzen und damit das virtuelle Hauptbuch pflegen, im Gegensatz zu denen, die Wallets und Börsen von Drittanbietern verwenden, um die Kryptowährung zu nutzen) in teure Hardware investieren und verbrauchen Unmengen an Strom, um die Integrität des Netzwerks zu gewährleisten. Tatsächlich lagen die direkten Kosten der an Transaktionen beteiligten Nutzer im Verlauf der vergangenen zwölf Monate im Schnitt bei lediglich 0,013 Prozent des täglichen Transaktionsvolumens, während die Kosten für Miner, die tatsächlich Bitcoin-Software nutzten und das Hauptbuch pflegen, 1,3 Prozent des täglichen Transaktionsvolumens betragen. Trotzdem gibt es für Miner einen starken Anreiz dafür, das Netzwerk instand zu halten: Auf diese Weise können sie brandneue Bitcoins ergattern. Diese Neuemissionen haben die steigenden Kosten der Führung des Hauptbuches seit einiger Zeit verschleiert – aber das wird nicht ewig der Fall bleiben. Die Anzahl der Bitcoins, die Miner für jeden neuen Block sammeln, den sie der Kette hinzufügen, halbiert sich in etwa alle vier Jahre. Irgendwann werden neue Bitcoins so wenig wert sein, dass sich der Betrieb der Bitcoin-Software nicht mehr rechnet – Gelegenheitsnutzer von Bitcoin werden höhere Transaktionsgebühren als Anreiz für die Miner zahlen müssen.

«Die grundlegende Möglichkeit, die Finanzinfrastruktur zu erneuern, ist äusserst spannend.»

Video mit Peter Smith, CEO, Blockchain (EN)

Einfacher, schneller und günstiger mit einer Blockchain-Datenbank

Während das Bitcoin-Netzwerk selbst praktisch nicht gehackt werden kann, sind die Drittanbieter-Wallets und -Börsen angreifbar. Schliesslich ist das Netzwerk nur schwer skalierbar, da das System nur drei Transaktionen pro Sekunde verarbeiten kann. Zudem birgt es sowohl rechtliche als auch aufsichtsrechtliche Risiken.

Blockchain, das «kryptografisch sichere Mitteilungs- und Aufzeichnungssystem in einer gemeinsamen Datenbank», das eine Wertübertragung ohne Beteiligung von Dritten ermöglicht, hat das grössere Potenzial zur disruptiven Technologie. Wenn eine Institution oder ein Unternehmen eine Datenbank verwaltet, ist es für böswillige Akteure innerhalb und ausserhalb dieser Organisation leichter, die darin enthaltenen Informationen zu manipulieren, als wenn sich die Aufzeichnungen über mehrere Stakeholder verteilen, die zur Aktualisierung des Hauptbuches eine Übereinstimmung erreichen müssen. Darüber hinaus macht eine einzelne Blockchain-Datenbank, auf die alle Benutzer Zugriff haben, eine zentrale Gegenpartei und den Betrieb mehrerer einzelner Datenbanken unnötig, was Transaktionen und Aufzeichnung leichter, schneller und günstiger macht.

Blockchain – der Neue in der Stadt

Die naheliegendste potenzielle Einsatzmöglichkeit für Blockchain-Technologie existiert bereits – Zahlungssysteme. Zwar betrachtet die Credit Suisse Blockchain nicht als Bedrohung für Visa und MasterCard. Die grossen Kartennetzwerke haben renommierte Marken aufgebaut sowie einen enormen Umfang und schnelle Verarbeitungsgeschwindigkeiten erreicht, an die Blockchain-Anwendungen nur mit grösster Mühe heranreichen könnten. Dennoch ist die Bank der Ansicht, dass die Interbank-Zahlungssysteme reif für eine Umwälzung wären. Interbank-Zahlungssysteme wie SWIFT sind alt, unflexibel, langsam und zunehmend anfällig für Cyberattacken – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem Banken unter dem gewaltigen Druck stehen, Kosten senken und ihre Kundendaten vor Hackern schützen zu müssen. Blockchain könnte beides leisten.

Ausgeben und Sparen

Banken geben 14 Prozent des von ihnen generierten Bruttoinlandprodukts für Informationstechnologie aus. Diesen Anteil könnte Blockchain reduzieren. Einzelne Banken pflegen mehrere unterschiedliche Hauptbücher, deren Aktualisierung kompliziert und teuer ist, und selbst zwischen diesen Bank-Hauptbüchern gibt es viele Doppelungen. Wenn eine Bank einer anderen Geld schuldet, führen beide separat Buch darüber. Ein gemeinsames Hauptbuch für alle Banken und ihren Verkehr untereinander würde die IT- und Compliance-Kosten deutlich reduzieren, da es auf diese Weise leichter wäre, die Asset Ownership nachzuvollziehen und Vorschriften zur Verhinderung von Geldwäscherei, Antiterror-Richtlinien und Know-Your-Customer-Anforderungen einzuhalten. Gemeinsame Hauptbücher würden Bankmitarbeitern zudem bereichsübergreifend einen besseren Überblick geben und ihnen helfen, Kunden für spezielle Produkte zu identifizieren. Goldman Sachs, JPMorgan Chase, Santander und viele weitere investieren in die Entwicklung und Nutzung von Blockchain.

Börsenvorteile

Blockchain könnte zudem den trägen Prozess beschleunigen, der in Gang gesetzt wird, wenn am Aktienmarkt ein Auftrag erteilt wird. Obwohl Kaufaufträge innerhalb von Nanosekunden platziert und ausgeführt werden, dauert die Abwicklung der Geschäfte mehrere Tage. Die Übertragung von Wertpapieren wird zunehmend digitalisiert. Die Europäische Union plant sogar, physische Aktienzertifikate bis 2025 abzuschaffen. Der nächste logische Schritt ist die Digitalisierung und Zusammenführung der individuell geführten Hauptbücher von Börsenhändlern, Börsen, Clearingstellen, Registraren, Zentralverwahrern und Depotstellen. Dadurch würde die Abstimmung der Geschäfte günstiger, schneller und – für die Clearingstellen, die die Vermögenswerte aufbewahren, während die Geschäfte abgeschlossen werden – risikoärmer. Menschen würden dadurch jedoch nicht völlig überflüssig: Die Credit Suisse ist der Ansicht, dass das Finanzsystem nach wie vor Börsenhändler oder Börsen brauchen wird, um versehentliche Handelsaufträge rückgängig zu machen, Registrare, die online vertretene Blockchain-Identitäten mit echten Tradern in Verbindung bringen, und zentrale Gegenparteien, um Abschlüsse zu netten – das heisst, den Nettoeffekt von Marktbewegungen abzugleichen, wenn Institutionen im Verlauf eines Dreitageszeitraums mehrmals miteinander handeln. Die Bank ist zudem überzeugt, dass der Preisbildungsmechanismus, den Börsen zur Verfügung stellen, auch in der Welt von Blockchain noch notwendig wäre.

Niedrigere Handelskosten könnten zu höheren Börsenumsätzen führen, was sich für Börsen mit umfassenden Cash-Trading- und Derivategeschäft wie die BME, die Deutsche Börse und Euronext als Segen erweisen könnte. Was andere Börsen angeht: NASDAQ hat Blockchain-Technologie implementiert, um Privatmarkt-Transaktionen, die zuvor in manuell aktualisierten und fehleranfälligen Tabellen erfasst wurden, abzuschliessen und aufzuzeichnen, und nutzt darüber hinaus ein auf Blockchain basierendes Proxy-Voting-Tool für Aktionäre estnischer Unternehmen. Das Unternehmen sieht in Post-Trade-Prozessen, Privatplatzierungen und IPOs weiteres Potenzial für Effizienzsteigerungen. Unterdessen testet auch die vertikal integrierte Australian Securities Exchange (ASX), die bis vor Kurzem ein Monopol für die Abwicklung von Geschäften hatte, dezentrale Hauptbücher. Dies birgt ein gewisses Risiko: Durch die schnellere Abwicklung der Geschäfte könnte die Börse höhere Preise für ihre Dienste begründen. Doch falls Blockchain Clearing-Dienstleistungen unnötig macht, könnten bis zu 7 Prozent des Umsatzerlöses des Unternehmens aufgezehrt werden.

Eine Waffe im Kampf gegen Raubkopierer

Die Einschränkung des kostenintensiven Problems von Raubkopien wäre für Medienunternehmen eine enorme Entlastung, und Blockchain könnte hier die Lösung bieten. Blockchain-Systeme könnten «eine Welt einläuten, in der sämtliche Inhalte und ihre Metadaten (Informationen, die die legitim Einnahmeberechtigten identifizieren) transparent, korrekt und unveränderlich gespeichert werden», was das Anfertigen von Raubkopien erschweren würde. Die Credit Suisse schätzt, dass das Gewinnwachstum internationaler Musikunternehmen durch die Einschränkung von Raubkopien um bis zu USD 6,1 Mia. (40 Prozent) steigen könnte. Ein Blockchain-System könnte ausserdem so konfiguriert werden, dass die Umsatzerlöse automatisch an alle berechtigten Parteien wie Songwriter, Labels, Musiker und Lizenzinhaber, die Urheberrechte für Teile eines bestimmten Songs besitzen, verteilt werden.

Ein Mittel gegen die Bürokratie

Schliesslich könnte Blockchain sich als wirksame «Entlaubungskur» für den «Behördendschungel» herausstellen. Das britische Government Office for Science beschrieb in einer kürzlich erschienenen Abhandlung, dass dezentralisierte Hauptbücher eines Tages zur Eintreibung von Steuern, dem Auszahlen staatlicher Leistungen, der Ausgabe von Pässen und Führerscheinen sowie zur Einrichtung einer zentralen Datenbank staatlicher Identifikationsdokumente dienen könnten. «Sollte dies jemals umgesetzt werden, könnte dies wesentliche Auswirkungen im Hinblick auf die Beseitigung der Bürokratie und die Beschleunigung von Abläufen haben», wie die Analysten der Credit Suisse feststellen. Für die Consultants und Dienstleistungsunternehmen, die die neuen Systeme einrichten würden, wären dies grossartige Nachrichten. Letztendlich stellt sich jedoch die Frage, ob ihre Dienste in Zukunft noch erforderlich wären.