Essen ist die beste Medizin 

In Lausanne forscht der Weltkonzern Nestlé an der Ernährung der Zukunft. Sie soll vor Krankheiten schützen, geistig fit halten oder das Altern verlangsamen. Die neue Nahrung soll nicht nur gut für den Bauch sein, sondern auch fürs Hirn.

Grünes Rindercurry? Zitronenhühnchen? Oder Tofu mit Kräutern? Die beigefarbene Styroporschachtel, die Gene Bowman trägt, verrät nicht, was er heute zu Mittag essen wird. Höchstwahrscheinlich stammt ihr Inhalt aber aus dem kleinen Thai-Imbiss auf dem Campus der ETH Lausanne – ein ganz konventioneller Lunch. Erst nach der Pause arbeitet Bowman wieder am Essen der Zukunft.

Gene Bowman, 47, versteht sich als «nutritional neuroscientist», als Ernährungs-Neurowissenschafter: Er forscht, salopp ausgedrückt, an der Nervennahrung fürs Hirn. Bowman ist davon überzeugt, dass unsere Ernährung sich nicht nur auf unseren Bauchumfang auswirkt – sondern auch auf unser Gehirn. Hinweise darauf hat er schon gefunden, als er noch an der Oregon Health & Science University in den USA arbeitete. Im vergangenen Jahr warb ihn dann das Nestlé Institute of Health Sciences (NIHS) in Lausanne an. 

Der Fingerabdruck des menschlichen Stoffwechsels

Das NIHS, untergebracht in zwei Betonklötzen auf dem ETH-Gelände, soll das Fundament legen für ein neues Geschäftsfeld des Nestlé-Konzerns: Health Science Nutrition. Das Credo: Essen ist die beste Medizin, schliesslich nehmen wir es mindestens dreimal am Tag zu uns. Und deshalb soll es gesünder werden und vor allem abgestimmt auf die individuelle genetische Ausstattung und den Lebensstil des Einzelnen: Nach der persönlichen Medizin kommt die persönliche Ernährung. Dazu durchleuchtet das 2011 gegründete Institut den Menschen und sein Essen gründlich: Gene, Eiweisse, Stoffwechselprodukte, Nährstoffe, alles wird analysiert und quantifiziert als Fingerabdruck des menschlichen Stoffwechsels.

Gezielt wurde das Institut im Kosmos der ETH Lausanne platziert, der Präsident der Hochschule sitzt auch im NIHS-Präsidium. «Pionierarbeit» sollen die Wissenschafter hier leisten. Wie einzelne Nährstoffe wirken, ist nicht ganz einfach zu erforschen, schliesslich wirken sich schon kleine Unterschiede in der Lebensweise ebenfalls auf Hirn und Körper aus. Ausserdem können die Forscher nicht wie in Pharmastudien mit Placebos arbeiten (ein Proband bekommt die Pille mit Wirkstoff, ein anderer ohne). Vitamine etwa nehmen die Testpersonen auch mit der normalen Nahrung auf. Ein kompliziertes Unterfangen also.

Forscher mit Rückenwind

Interessant ist das Projekt ausserdem, weil viele gerade ein zwiespältiges Verhältnis zum Essen entwickeln: Einerseits sehnen sie sich nach Natürlichkeit (Bio! Regio! Alte Sorten!), andererseits hegen sie zunehmend Argwohn ihr gegenüber (Gluten! Laktose! Histamin!). Es dürfte also spannend werden, wie die Leute reagieren, wenn irgendwann das künstlich veredelte Essen der Zukunft auf den Tisch kommt.

Gene Bowmans Forschungsziel klingt ehrgeizig und umfassend: «Wir wollen Möglichkeiten entwickeln, um die Hirngesundheit durch massgeschneiderte Ernährung zu fördern», sagt er. «Dazu müssen wir die Gene und den Ernährungsstatus analysieren.» Bowman ist Realist: Dass wegen ein paar Ernährungsempfehlungen alle anfangen, sich gesund zu ernähren, sei illusorisch. Er hat auch einen Abschluss in Naturheilkunde, zehn Jahre lang habe er mit Patienten gearbeitet. Seine Erfahrung: «Es ist extrem schwer, Leute von ihren Gewohnheiten abzubringen.» Deshalb werden am Ende der Entwicklungsarbeit auch Pulver und Drinks stehen, Instant-Nervennahrung sozusagen – das gehört schliesslich auch zu dem Geschäft, das sein Arbeitgeber Nestlé anpeilt.

Vitamine und Fettsäuren gegen Demenz

Die Pulver sollen aber nicht bloss Schnupfen oder Erschöpfung abwenden wie die Nahrungsergänzungsmittel, die mancher heute schon zu sich nimmt. Sie sollen ernsthafte Erkrankungen des Gehirns bekämpfen: Alzheimer und andere Demenzen. Mögliche Inhaltsstoffe hat Bowman bereits entdeckt. In einer vielbeachteten Studie hat er vor ein paar Jahren das Blut von einhundert gesunden älteren Menschen untersucht. Ausserdem testete er ihre kognitiven Fähigkeiten und vermass ihre Gehirne. Das Ergebnis: Wer eine höhere Konzentration von Omega-3-Fettsäuren sowie den Vitaminen B, C, D und E hatte, war geistig fitter. Weniger leistungsfähig waren Probanden, deren Blut viele Transfette enthielt; diese stecken zum Beispiel in Margarine und industriell produzierten Lebensmitteln. Warum also nicht Demenzen einfach mit Vitaminen und Fettsäuren bremsen?

Ganz so einfach ist es nicht. Alle Studien, in denen genau das versucht wurde, scheiterten. «Einige Stoffe scheinen nur gemeinsam zu wirken», sagt Bowman über eines der Hindernisse. «Ob wir diese Synergieeffekte nutzen können, ist zurzeit noch nicht klar.»

Welche Nährstoffe braucht das Hirn und wie gelangen sie dorthin?

Eine weitere Barriere, die der Hirnnahrung physisch im Wege steht, ist noch wenig erforscht: die Blut-Hirn-Schranke. Sie trennt mit speziellen Zellen das Gehirn vom Blutkreislauf, um es vor Krankheitserregern oder Giften zu schützen. Doch auch andere Stoffe können hängen bleiben. Man muss also nicht nur herausfinden, welche Nährstoffe das Hirn braucht, sondern auch wie sie dorthin gelangen können – und dort bleiben. Denn mit dem Alter könnten Lecks entstehen, durch die wichtige Nährstoffe heraussickerten, bevor die Hirnzellen sie aufnehmen könnten, sagt Bowman: «Man kann sich das vorstellen wie bei einem Waschbecken: Wenn wir den Nährstoff-Hahn aufdrehen, aber gleichzeitig der Abfluss offen ist, bringt das natürlich wenig.»

Ein Weg, solche Lecks zu schliessen oder ganz zu vermeiden, könnte über die feinen Blutgefässe führen, die das Hirn versorgen, sagt Bowman: «Bluthochdruck ist ein Risikofaktor für Demenz. Wenn man dort ansetzt, könnte das auch altersbedingte Demenzen reduzieren.»

Wie leben wir länger?

Welche Nährstoffe wiederum für das Herz-Kreislauf-System und für den restlichen Körper vorteilhaft sind, erforscht Bowmans Kollege am NIHS, Martin Kussmann. Seine Fragestellung ist weitreichend: Welche Stoffe und Funktionen helfen uns, lange zu leben? «Wir haben Menschen gesucht, die sehr alt geworden sind – hundert Jahre und älter – und sehr unabhängig und gesund geblieben sind», erzählt Kussmann. Gefunden hat sie sein Kollege Sebastiano Collino zusammen mit der Universität Bologna in Florenz, Mailand und Bologna selbst.

Die Forscher nahmen Blut- und Urinproben und analysierten sie im Lausanner Labor in massiven, gut einen Meter hohen Metallröhren. In ihrem Inneren erzeugen diese ein starkes Magnetfeld, ganz ähnlich wie Kernspintomografen im Spital, bloss in der Senkrechten. «So können wir mehrere hundert Stoffwechselprodukte nachweisen. Wir erhalten einen ganz genauen Fingerabdruck des Stoffwechsels», sagt Kussmann.

Und der ähnele bei den munteren Hundertjährigen demjenigen wesentlich jüngerer Probanden. «Ihr Körper bekommt offenbar Entzündungen besser in den Griff, und er kann Schäden besser reparieren», sagt der Biochemiker. Altern bedeutet – durch das Mikroskop betrachtet – vor allem eines: das Anhäufen von Schäden in den Zellen, verursacht von Abfallprodukten des Stoffwechsels.

Daten sammeln, um Symptome zu erkennen

«Ich bin jetzt halb so alt wie unsere Probanden», sagt Kussmann. «Und ich gehe inzwischen alle fünf Jahre zum Check-up. In Zukunft werden wir bei so einer Untersuchung noch viel mehr Daten erhalten – und so besser die ersten Anzeichen für Altersleiden ermitteln können.» Dann will der Wissenschafter auch die passenden Gegenmittel bereit haben. «Es ist besonders spannend, wie man diese Reparaturmechanismen über das Essen in Gang setzen kann.» Antioxidantien und Probiotika sind Stoffe, an denen heute schon geforscht wird. Antioxidantien sollen Zellen vor Schäden durch reaktionsfreudige Formen des Sauerstoffs schützen, die beim Stoffwechsel entstehen. Probiotika enthalten zum Beispiel Milchsäurebakterien oder Hefen, die die Verdauung verbessern sollen. «Wenn wir wissen, wie das gesunde Ökosystem im Darm eines bestimmten Menschen genau aussieht, können wir gezielter bestimmte Stoffe wie Probiotika empfehlen, um so eine vorteilhafte Darmflora zu schaffen.» Also: erst die Diagnose, dann das individuelle Menü. Erste Produkte könnten in fünf bis zehn Jahren auf den Markt kommen, zunächst wohl in Apotheken.

Babynahrung für alle

Eines Tages aber könnte personalisiertes Essen auch im Supermarkt verkauft werden, in einer Art Baukasten-System – vielleicht in kleinen Kapseln, die man zu Hause einfach in eine Maschine steckt. Das kennen wir schon: Von den Kaffeekapseln, die Nestlé mit der Unterstützung von George Clooney verkauft. Und es gibt bereits ein weiteres System. Das ist etwas weniger sexy, dafür smarter: ein Gerät, das Babynahrung so zubereitet, dass sie möglichst genau der Zusammensetzung der Muttermilch entspricht. Diese verändert sich, wenn das Baby älter wird. «Ungefähr so könnte das Essen der Zukunft aussehen», sagt Kussmann und fügt schnell hinzu: «Zumindest für Kranke und für Leute, die Technik mögen.» Alle anderen will der Biochemiker nicht verschrecken, schliesslich ist die Vorstellung von Kapselnahrung noch nicht mehrheitsfähig. «Essen ist etwas sehr Emotionales, das in der Kultur verwurzelt ist», sagt Kussmann. «Am Ende ist es eben doch kein Medikament; es muss schmecken.»

Deshalb müsse man noch einen anderen Weg gehen: die einfachen Lebensmittel gesünder machen, ohne ihnen den Geschmack zu nehmen. «Nestlé stellt fast alles her, was man essen kann; man könnte sich nur von Nestlé-Produkten ernähren», sagt der Biochemiker. Und dem Konzern gehören auch Firmen, die Nahrung mit weniger gutem Ruf produzieren wie Tiefkühlpizza zum Beispiel. «Unsere wissenschaftlichen Entdeckungen könnten deshalb einen positiven Effekt auf die Gesellschaft haben.» Dass man nicht alle als ungesund geltenden Stoffe einfach streichen kann, ist ihm aber auch klar, schliesslich sind gerade diese die Geschmacksträger: Salz, Fett, Zucker.

Manchmal liegt es an der Ernährung

Vielleicht erzählt Kussmann deshalb so gern von diesem einen Erlebnis; es motiviere ihn, sagt er, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Das Beispiel soll zeigen, wie gross der Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit sein kann. Es geht um einen Jungen, schmal und zehn Zentimeter kleiner als Knaben in seinem Alter normalerweise sind. «Er hatte schon als Kind eine schwere Darmentzündung. Deshalb konnte er sich nicht richtig entwickeln», sagt Kussmann. Er konnte die Nährstoffe aus dem Essen nicht richtig aufnehmen. «Das einzige, das funktionierte, war eine medizinische Nahrung, die ihm die Nährstoffe gab, die er brauchte und aufnehmen konnte. Gleichzeitig dämpfte sie die Entzündung.»

Zwei Jahre lang dauerte die Sonderdiät. Inzwischen müsse der Patient nur noch jeden zweiten Monat die Spezialnahrung zu sich nehmen und könne dazwischen fast normal essen, sagt Kussmann: «Er ist jetzt zu normaler Grösse herangewachsen, und er ist fit.» Der Biochemiker ist begeistert. Manchmal liege es tatsächlich ganz allein an der Ernährung. Das bedeutet aber auch: In den meisten anderen Fällen ist es komplizierter.

Stefanie Schramm ist Buchautorin und Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Sie arbeitet u. a. für «Die Zeit» und den Deutschlandfunk.