Wie die neue Seidenstrasse die Weltwirtschaft verändert
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Wie die neue Seidenstrasse die Weltwirtschaft verändert

Die «Neue Seidenstrasse» verbindet sämtliche Teile des riesigen asiatischen Kontinents mit Afrika und Europa und übt immer mehr Einfluss auf die globalisierte Welt aus. Afshin Molavi, ein iranisch-amerikanischer Analyst geopolitischer Risiken und Wirtschaftszusammenhänge, beleuchtet die aktuellen Veränderungen in dieser Region und ihren möglichen Einfluss auf die Zukunft der Weltwirtschaft.

Die «Neue Seidenstrasse» verändert unsere Welt von Grund auf. Die Beziehungen und die geografisch bedingten Handelsverbindungen zwischen dem Nahen Osten, Afrika und Asien sind nicht nur die wachstumsstärksten Handelswege der Welt, sondern auch die am rasantesten wachsenden Kanäle für ausländische Direktinvestitionen. Sie sorgen für grundlegende veränderungen der geoökonomischen und möglicherweise auch der geopolitischen Strukturen.

Fünf zentrale Themen kennzeichnen die Neue Seidenstrasse.

1. Westasien oder Naher Osten?

Die Bezeichnung «Naher Osten» wurde 1902 von dem US-amerikanischen Marinestrategen Alfred Thayer Mahan geprägt, um die Landmasse zwischen Indien und Europa zu definieren. Er bezeichnete sie als «Naher Osten»; ein Begriff, der Karriere machte. Geoökonomisch treffender ist jedoch die Bezeichnung «Westasien». Die Golfstaaten gehören aus geoökonomischer Sicht eher zu Asien als zum Nahen Osten.

Die Ankunfts- und Abflugtafeln des Dubai International Airport zeichnen eine «Karte» der Neuen Seidenstrasse. Es gehen mehr Flüge aus Indien nach Dubai als in alle übrigen Länder der Welt zusammen. Ein weiteres, äusserst beliebtes Reiseziel ist Afrika. Allein die Fluggesellschaft Emirates Airlines steuert 25 afrikanische Länder direkt an. In vielerlei Hinsicht ist Dubai mittlerweile zum Miami Afrikas und zum Hongkong Indiens geworden.

Ausserhalb des Flughafens befindet sich der Dragon Mart, ein riesiges Einkaufs- und Grosshandelszentrum für Waren aus China. Es ist etwa so gross wie sieben Fussballfelder und bietet alles, was das Herz begehrt – ob man nun einen einzigen Teddybären oder 10 000 kaufen möchte. Hier kann man die Neue Seidenstrasse hautnah erleben. Weshalb? Wegen all der iranischen, syrischen und afrikanischen Händler, die der Dragon Mart anzieht. Sie kommen nach Dubai, um auf dem bedeutendsten Grosshandelsmarkt für chinesische Waren ausserhalb Chinas einzukaufen. In vielerlei Hinsicht ist Dubai somit zum Dreh- und Angelpunkt dieser neuen Seidenstrasse geworden, die Westasien mit Ostasien verbindet.

Globalen Mittelschicht

2

Milliarden Menschen
– Heute.

5

Milliarden Menschen
– bis zum Jahr 2030.

2. Die Zukunft der globalen Mittelschicht

Heute umfasst die Mittelschicht weltweit rund zwei Milliarden Menschen. Bis zum Jahr 2030 dürfte diese Zahl laut Prognosen auf etwa fünf Milliarden anwachsen. Die weitaus meisten dieser neuen Mittelschichtsvertreter stammen aus Schwellenländern und insbesondere aus Afrika und Asien. Derzeit leben fast drei Viertel der Weltbevölkerung in Afrika oder in Asien. Demografischen Zukunftstrends zufolge wird diese Zahl noch steigen. Während die Bevölkerung in Europa schrumpft, verzeichnen die afrikanischen Staaten ein immer rascheres Bevölkerungswachstum. Betrachtet man die Zukunft der Mittelschicht weltweit, muss man den Blick folglich auf Afrika, Asien und den Nahen Osten richten. Auch aus diesem Grund ist die Neue Seidenstrasse so wichtig.

3. Städte: Das Herz der Neuen Seidenstrasse

Weltweit siedelt wöchentlich eine Million Menschen aus ländlichen Gebieten in Städte über. In China hat der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung die 50-Prozent-Marke überschritten. Die meisten Schwellenländer haben diese Marke bereits weit hinter sich gelassen, und in vielerlei Hinsicht stellen die Städte ein wesentlich besseres Barometer und einen wesentlich bessere Konjunkturlokomotive für die Zukunft dar als die Länder ingesamt. Auf die Frage «Soll ich in Indonesien investieren?» könnte die Antwort durchaus lauten: «Bei Indonesien bin ich mir nicht sicher, es spricht aber einiges für Jakarta.»

4. «Shanghai, Mumbai, Dubai oder Goodbye».

Einmal habe ich von einem Investmentbanker diesen Ausspruch gehört: «Shanghai, Mumbai, Dubai oder Goodbye». In dieser neuen Welt mit geografisch geprägten Handelsverbindungen, in dieser neuen geoökonomischen Welt besteht keine andere Wahl: Präsenz in den Zentren der Neuen Seidenstrasse ist ein Must, d. h. in den grossen Ländern wie Indien und China und in den Schwellenländern. Ansonsten verpasst man die grösste Wachstumsstory der Gegenwart.

Obwohl die Aktien und Währungen der Schwellenländer und die starke Volatilität in diesen Märkten grosse Besorgnis auslösen, dürfen wir in den Schwellenländern angesichts der Verstädterung, der demografischen Entwicklung, der Bevölkerung, des zunehmenden Süd-Süd-Handels bzw. des Handels zwischen den Schwellenländern ein beträchtliches Wachstum erwarten. Dies ist zumindest meine Meinung. Besonders stark dürfte das Wachstum entlang der Neuen Seidenstrasse ausfallen, die den Nahen Osten, Afrika und Asien miteinander verbindet.

5. Wandel ist eine Konstante

Wir leben in einer Welt, in fast nur der Wandel noch als Konstante gelten kann, und dieser Wandel erreicht ein neues Tempo. Die arabischen Revolutionen llustrieren dieses Phänomen überdeutlich. Der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin meinte einst, dass manche Jahrzehnte ereignislos verstreichen, um dann plötzlich in wenigen Wochen stattzufinden. Ich glaube, Lenin ahnte unser Zeitalter mit seinen sozialen Medien, dem Internet und Facebook voraus, denn jetzt erleben wir, wie sich überfällige Ereignisse in wenigen Wochen und Monaten abspielen. Es geht hier nicht nur um politische Umwälzungen, sondern auch um technologische Veränderungen.

Dieser Wandel erschwert die strategische Planung, aber er ermahnt uns auch, uns auf das Wesentliche zurückzubesinnen. Die demografische Entwicklung ist ein solches Thema, das mich nicht loslässt. Ein weiteres ist die Verstädterung. Will man diese grossen geoökonomischen «tektonischen Platten» verfolgen, besteht ein denkbarer Anlageansatz darin, sich auf die oben dargestellte, weltweit aufstrebende Mittelschicht zu konzentrieren, die bis 2030 von zwei auf fünf Milliarden Menschen anwachsen dürfte.

Wie man diese Mittelklasse anlagetechnisch ins Visier nehmen kann, sollen klügere Menschen als ich herausfinden, die beruflich investieren. In jedem Falle handelt es sich um ein wichtiges geoökonomisches Ereignis, das die Welt verändert.