Finanzplätze nach dem Brexit
Neuste Artikel

Finanzplätze nach dem Brexit 

Der Brexit tangiert den Schweizer Finanzplatz, jedoch nur gering. Nun ist verstärktes Standortmarketing angesagt. 

Ein Szenario, in dem London seine Rechte zur Vergabe des 'Europäischen Passes' verlieren könnte, würde auch die dort ansässigen, international tätigen Schweizer Banken tangieren, denn sie verlieren dadurch möglicherweise den Passport für den Vertrieb ihrer Investment-Banking- und Fond-Geschäfte in der EU. Im Gegensatz zu Finanzplätzen wie beispielsweise Dublin oder Frankfurt kann die Schweiz die Vorteile des europäischen Passes nicht bieten, da kein Finanzdienstleistungsabkommen mit der EU und somit kein direkter Marktzugang zu den EU-Märkten besteht.

England könnte nach dem Brexit versucht sein, sich durch gezielte Deregulierung im Private Banking Wettbewerbsvorteile gegenüber der Schweiz zu sichern (z.B. Trust Business auf den Channel Islands). Allerdings bleiben diese Vorteile wegen des Automatischen Informationsaustauschs beschränkt.

Der Schweizer Finanzplatz ist im Gegensatz zu Europa nicht in den Schlagzeilen und kann seine klassischen Stärken ausspielen. 

Christine Schmid 

Die tiefen Zinsen belasten die Banken. Angesichts des erwarteten rückläufigen Wirtschaftswachstums in England und der Eurozone dürften die Zinsen auch in der Schweiz über längere Zeit tief oder gar negativ bleiben. Der Druck auf die Zinsmarge der Banken bleibt somit ebenso bestehen wie der Druck auf die Einnahmen.

Der zusätzliche Einfluss des Brexit-Entscheides und des damit verbundenen Passport-Verlustes auf den Schweizer Finanzplatz scheint insgesamt eher gering. Dies würde sich ändern, sollten die Auflösungserscheinungen der EU weitergehen. In diesem Fall dürfte die Schweiz als sicherer Hafen angesehen werden und verstärkte Zuflüsse vor allem im Vermögensverwaltungsgeschäft wären die Folge. Natürlich würde unter einem solchen Szenario der Aufwärtsdruck auf den Schweizer Franken anhalten.

Der Schweizer Finanzplatz muss sich im internationalen Vergleich keinesfalls verstecken. Die traditionellen Rahmenbedingungen der Schweiz sind gut; die Schweiz und ihre Banken sind für Arbeitskräfte im Finanzbereich attraktiv. Der Schweizer Finanzplatz ist im Gegensatz zu Europa nicht in den Schlagzeilen und kann seine klassischen Stärken ausspielen.

Weiter gilt es, die international sehr strikte Too-big-to-fail-Regulierung der Schweizer Grossbanken hervorzuheben. Diese verlangt von den Banken zwar deutlich mehr Eigenkapital und hat dadurch höhere Kosten zur Folge, die strikteren Regeln sind für Privatkunden im Vermögensverwaltungsgeschäft jedoch attraktiver.

Die Regulierung ist zwar keine Folge des Brexit, in Zeiten von nach wie vor eher knapp kapitalisierten Banken in Südeuropa mit zu hohen notleidenden Krediten in der Bilanz bietet sie jedoch einen deutlichen Vorteil. In der Schweiz machen die notleidenden Kredite nur gerade rund 0,5 Prozent aller ausstehenden Kredite aus. Das ist der mit Abstand tiefste Wert in Europa.

Die Ertragsbasis profitiert zudem von einer starken internationalen Diversifikation sowie vom Ertragswachstum der Schweizer Finanzinstitute ausserhalb der EU – vor allem in Asien. Eine gute Positionierung im Geschäft mit nachhaltigen Anlagen dürfte den Schweizer Finanzplatz zusätzlich stützen. Und zu guter Letzt ist es unerlässlich, dass die Banken einen pragmatischen Umgang mit den Negativzinsen pflegen und der Freibetrag bei der Zentralbank beibehalten oder gar ausgebaut wird.

Weitere Informationen zum Finanzplatz Schweiz und zum Einfluss der negativen Zinsen sowie eine detailliertere Übersicht der Regulierung finden Sie in der vor kurzem erschienenen Studie Finanzplatz Schweiz 2016.