Federer und Hewitt testen die Tennis-Revolution

Steht der Tennissport vor der grössten Umwälzung seiner Geschichte? Im Bestreben, Partien kürzer, kurzweiliger, zuschauer- und fernsehfreundlicher zu gestalten, bleibt momentan kein Stein auf dem anderen, werden kompromisslos wie noch nie neue Regeln und Formate getestet.

Tennis Australia, der australische Verband, stösst zu Beginn der Saison 2015 mit einem bahnbrechenden Modus vor: ein System namens Fast4, das in Clubturnieren bereits angewendet wurde und am 12. Januar in Sydney in einer Partie zwischen Roger Federer und Lleyton Hewitt in einer Weltpremiere von zwei Tennis-Legenden der Nagelprobe unterzogen wird. An der Veranstaltung «One night with Roger Federer and Lleyton Hewitt», die in Sydneys Innenstadt in der Qantas Credit Union Arena stattfinden wird, würden die beiden «die Partie der Zukunft» demonstrieren, verkündete die spanische Sportzeitung «Marca» bereits euphorisch (Credit Suisse beteiligt sich als Hauptpartner an diesem Anlass).

Keine Netz-Wiederholungen

Fast4 umfasst vier zentrale Regeländerungen. Erstens: Sätze führen nur noch über vier Gamegewinne. Zweitens: Beim Stand von 3:3 kommt ein verkürztes Tiebreak bis auf fünf Punkte zur Anwendung. Drittens: Aufschläge, die die Netzkante berühren und im richtigen Feld landen, gelten als regelkonform und werden nicht wiederholt. Viertens: Vier Punkte reichen zum Gewinn eines Games. Beim Stand von 40:40 entscheidet der nächste Ballwechsel, wobei der Rückschläger wählen darf, auf welcher Seite der Aufschläger zu servieren hat. Diese Regel ist als no-advantage- oder no-ad-scoring schon länger bekannt. Möglich werden durch das australische Konzept also Resultate, bei welchen bisher keiner an Tennis gedacht hätte, zum Beispiel 4:2, 1:4, 4:3 (5:4).

Tennis dem neuen Lebensstil anpassen

«Das neue Format hat das Potenzial, das Tennis zu revolutionieren, speziell auf der Stufe von Club- und Hobbyspielern», sagte Craig Tiley, der CEO von Tennis Australia. «Zeit ist heute wertvoll, und dieses schnelle Format ist perfekt für alle Spieler, die ihre Tennispartien in einen aktiven Lebensstil integrieren möchten.” Die Zeitersparnis ist massiv, die Spielzeit wird gemäss dem australischen Verband etwa halbiert. Das ist gerade für Hobbyspieler, denen der Tennisplatz oft nur eine Stunde zur Verfügung steht, eine attraktive Alternative. Tiley gab aber damit indirekt auch zu verstehen, dass er – zumindest kurzfristig – nicht beabsichtigt, auch grosse Meisterschaften wie die Australian Open im neuen System auszutragen. Dies wäre auch gar nicht möglich ohne Einwilligung des Internationalen Tennisverbandes ITF, der Änderungen, die an den traditionellen Pfeilern seines Sports rütteln, grundsätzlich sehr skeptisch gegenübersteht.

Heute kann ein Spiel über 11 Stunden dauern

Kaum bestritten ist inzwischen aber, dass Handlungsbedarf besteht, um Tennispartien berechenbarer und teilweise auch kurzweiliger zu gestalten. Ein Halbfinal wie in Madrid 2009, in dem sich Rafael Nadal und Novak Djokovic für drei Sätze 4:03 Stunden lang bekämpften, stellt die Geduld der härtesten Tennis-Afficionados hart auf die Probe – ganz zu schweigen von ausufernden Best-of-5-Partien wie dem Rekordmatch zwischen John Isner und Nicolas Mahut in Wimbledon 2010. Die zwei starken Aufschläger beharkten sich über drei Tage 11:05 Stunden lang, ehe der Amerikaner 6:4, 3:6, 6:7 (7:9), 7:6 (7:3), 70:68 gewonnen hatte.

Trotz der starken konservativen Strömungen im Tennis sind die Regeln aber alles andere als sakrosankt. Die massivste Änderung war die Einführung des Tiebreaks, das 1965 von James Van Alen erfunden wurde. In Wimbledon kam es erstmals 1971 zur Anwendung– allerdings nur in den ersten vier Sätzen und beim Stand von 8:8 (zuvor war jeder Satz ausgespielt worden, bis einer zwei Games Vorsprung hatte). Erst acht Jahre später wurde die Kurzentscheidung auf den Spielstand 6:6 vorgezogen, wie es bis heute geblieben ist. Der Davis-Cup, der dem ITF untersteht, übernahm diese Regel erst zehn Jahre später.  In jenem Wettbewerb wird, wie in Roland Garros, Wimbledon und am Australian Open, der fünfte Satz immer noch ohne Tiebreak ausgespielt, im Gegensatz zu den US Open Championships.

Im Doppel bereits verkürzt

Auf der ATP-Tour wurden die Spielzeiten zumindest im Doppel inzwischen verkürzt, indem das no-ad-scoring  und bei Satzgleichheit ein Match-Tiebreak auf 10 Punkte zur Anwendung kommt. Das gleiche Format wird bei Grand-Slam-Turnieren inzwischen auch im Mixed verwendet. Das Fast4-System, das Federer und Hewitt in Sydney in einem Best-of-5-Match testen werden, geht noch weiter. So dürfen die Spieler bei Seitenwechseln, die auf 60 Sekunden begrenzt sind, nicht einmal mehr absitzen; lediglich am Ende eines Satzes ist dies erlaubt.

Unkonventionelle Regeln werden schon seit Jahren auch in der amerikanischen Städteliga World Team Tennis angewendet, wo Partien lediglich über einen no-ad-Satz führen, für den fünf Gamegewinne benötigt werden (bei 4:4 kommt es zu einem Tiebreak über neun Punkte).  Noch einen Schritt weiter geht die Ende 2014 erstmals durchgeführte Meisterschaft der International Professional Tennis League (IPTL), eine Showveranstaltung in Asien mit bislang vier Städteteams. Diese Begegnungen wurden so gestaltet, dass sie in drei Stunden über die Bühne gehen konnten, wobei fünf Sätze in der Besetzung Einzel Männer, Einzel Frauen, Einzel Legenden, Mixed- und Männer-Doppel ausgetragen und die Gamegewinne addiert wurden. Die no-ad-Sätze führten über fünf Games, mit einem fünfminütigen Tiebreak bei 5:5 und einer Uhr auf dem Platz, die kontrolliert, dass die Zeitlimiten nicht überschritten werden (die sogenannte «Shot Clock»). Dazu gibt es fast unübersichtlich viele Spezialregeln, etwa Punkte, die doppelt zählen, sogenannte Power Points.

Spieler sind offen für Veränderungen

Die meisten Spieler verfolgen diese Neuerungen aufmerksam und sind auch zu Experimenten bereit, gerade bei gut bezahlten Exhibitions. «Es machte viel Spass», sagte Djokovic zum Modus der IPTL. «Für uns ist es ungewohnt, in einer Mannschaft zu spielen und von Teamgefährten angefeuert zu werden.» Es helfe mit, andere Spieler besser kennen zu lernen und gleichzeitig gut zu trainieren. Federer, der in der IPTL nur in Indien zwei Tage für das Team «Indian Aces» im Einsatz stand, und die Premiere gewann, sprach von einer grossartigen Innovation. «Es ist zwar noch früh, aber das Konzept ist sehr interessant und scheint zu funktionieren.»

Der Weltranglistenzweite bestreitet die Exhibition in Sydney zwischen dem ATP-Turnier in Brisbane (4. bis 11. Januar) und den Australian Open (ab 19. Januar bis 1. Februar). Er spricht von einem «sehr speziellen Match gegen einen alten Freund und Rivalen», auf den er sich besonders freue. Hewitt bezeichnet das neue Regelwerk als «fantastische Erfindung» für das Tennis: «Ich hoffe, dass sie sich wirklich durchsetzt. So gegen Roger zu spielen wird eine neue, spassige Herausforderung.» Die zwei 33-jährigen früheren Weltranglistenersten sind jedenfalls bereit, der Revolution eine Chance zu geben.