Bruchstellen:  Das Ende der Globalisierung?
Neuste Artikel

Bruchstellen: Das Ende der Globalisierung? 

Die Welt befindet sich derzeit an einem unbestimmten Punkt zwischen einer vollständigen Globalisierung und Multipolarität, und ein Ende der Globalisierung ist unwahrscheinlich. Zunehmend werden jedoch Stimmen laut, die behaupten, dass die Weltwirtschaft mit einer riskanten Kombination von geringem Wachstum und hohen Schulden zu kämpfen hat, während aufstrebende asiatische Nationen den traditionell in Wirtschaft und Politik dominierenden Staaten ihre Position streitig machen.

Der Global Attitudes Survey (2015) des Pew Research Center (PRC) unterstreicht, dass der Aufstieg Chinas mit wachsender Besorgnis betrachtet wird. Gleichzeitig bewerten die meisten asiatischen Länder die Neuausrichtung des Militärengagements der USA und die Strategie des Landes in Bezug auf Asien als positiv. Auf europäischer Ebene gab es ebenfalls eine Verschiebung. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Median von 41 Prozent der Europäer China als führende Wirtschaftsmacht betrachtet. Die USA liegen an zweiter Stelle (Median von 39 Prozent). Erfreulicher ist, dass die globale Finanzkrise und die Terrorangriffe der letzten Jahre zweifellos zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Ländern geführt haben. Es bestehen jedoch nach wie vor Risiken für die Globalisierung, die in diesem Artikel erläutert werden.

Bruchstellen – Internetfreiheit

Der Informationsaustausch ist dank der Entwicklung des Internets in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Treiber der sozialen und technologischen Globalisierung geworden. Bedenken im Zusammenhang mit der Internetsicherheit stellen jedoch eine wachsende Bedrohung dar und Staaten (wie z. B. China oder der Iran) versuchen, «die Internetfreiheit zu regulieren». In den Industrieländern wird jedoch keine restriktive Internetpolitik betrieben.

Internetfreiheit

Internetfreiheit

Quelle: Freedom House, Credit Suisse

Religiöse Demografie

In den letzten Jahren spielte die Religion bei vielen Konflikten zwischen und innerhalb von Staaten eine Rolle. Das Christentum ist weltweit die Religion mit den meisten Anhängern, knapp gefolgt vom Islam. Innerhalb beider Religionen gibt es viele unterschiedliche Glaubensgemeinschaften. Hinduismus und Buddhismus sind auf regionaler Ebene in Asien vertreten, während der Islam stark im Nahen Osten und in Nordafrika verwurzelt ist. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen religiösen Einflussbereichen sowie die entsprechenden Entwicklungsprognosen werden einen grossen Einfluss auf die Zukunft der Globalisierung haben. Einer aktuellen Studie des PRC zufolge wird der Islam die höchste Wachstumsrate (73 Prozent) verzeichnen und das Christentum als Religion mit den meisten Anhängern nahezu einholen.

Sprachliche Demografie

Die globale sprachliche Demografie belegt, dass die englische Sprache de facto den Status einer Lingua Franca besitzt. Spanisch und Französisch sind in vielen Ländern immer noch offizielle Amtssprachen. Das britische Empire und die Herausbildung der USA zur Supermacht im 20. Jahrhundert begünstigten jedoch die dominante Stellung des Englischen.

Klima

Es überrascht nicht, dass der zunehmende Welthandel eng mit dem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zusammenhängt. Obwohl alle grossen Volkswirtschaften seit 1997 einen erheblichen Rückgang der Treibhausgas-Emissionen im Zusammenhang mit dem Export melden, sind die Netto-Treibhausgasemissionen weiter gestiegen, insbesondere in den USA, China und Indien.

Trotz Bemühungen zur Schadensbegrenzung gibt es noch viel zu tun. Laut der Studie einer Gruppe führender Klimaforscher (Meinhausen et al., 2006) würde sich bei einer Emission von 1000 Gigatonnen Kohlendioxid (GT) die Wahrscheinlichkeit eines globalen Temperaturanstiegs über das Ziel von 2°C bis 2050 hinaus auf 25 Prozent beschränken. Jüngste Daten der Carbon Tracker Initiative, einem Londoner Think Tank, deuten allerdings darauf hin, dass per 2011 rund 560 GT dieses globalen CO2-Budgets bereits in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts verbraucht wurden.

Wie gross ist die Gefahr des Klimawandels für die globale Wirtschaft? Seit Mitte der 1990er Jahre haben extreme Wetterereignisse (Gewitterstürme, Überschwemmungen, Dürren, Wärme- und Kältewellen) deutlich zugenommen. Die Höhe der Verluste hängt dabei von der Intensität der Naturkatastrophe ab. Allerdings sind die wirtschaftlichen Schäden seit Mitte der 2000er Jahre gestiegen.

Gesamtstaatlicher Schuldenstand

Bei der Berechnung des Fünfjahresdurchschnitts für den gesamtstaatlichen Schuldenstand wichtiger Länder (bis 2012) lagen die «üblichen Verdächtigen» – wie beispielsweise das überschuldete Griechenland – am negativen Ende der Spanne, während die skandinavischen Länder einen relativ geringen Schuldenstand aufwiesen.

Indikator der militärischen Stärke

Bei der Kapazität zur konventionellen Kriegsführung sind die USA ihren engsten Rivalen sowohl in Bezug auf die Flotte als auch beim Budget überlegen. Im Nuklearzeitalter sind jedoch konventionelle Truppen nicht der einzige Indikator für militärische Stärke. Gemäss dem Yearbook 2015 des Stockholm International Peace Research Institute besitzen Russland und die USA über 90 Prozent der weltweiten Bestände an Kernwaffen.

Ende der Globalisierung – Risikoanalyse

Die Debatte über das Ende der Globalisierung kann sowohl beunruhigend als auch unterhaltsam sein. Momentan scheint das Ende des Globalisierungsszenarios jedoch noch in weiter Ferne. Die Infografik dient zur Veranschaulichung der Entwicklung der Globalisierung vor dem Hintergrund geopolitischer Risiken. Sie legt einen breiten Massstab für die Globalisierung (auf der Y-Achse) zugrunde und fügt im Zeitverlauf (auf der X-Achse) einen Massstab für Multipolarität hinzu (Grösse des Punkts). So erhalten wir ein Bild der aktuellen Lage.

Der Massstab für die Globalisierung ist die gewichtete Summe der Handelsaktivitäten, der Finanzströme, des technologischen Fortschritts, der technologischen Reichweite (Anteil der High-Tech-Exporte am Export von Industriegütern) und des internationalen Migrationsniveaus. Die Errichtung grösserer Handelsbarrieren, eine höhere Schuldenlast und/oder eine militärische Expansion würden die Globalisierung bremsen. Diese Risiken sind farblich markiert.

Wenn Sie Interesse an diesem Thema haben, können Sie die ausführliche «Scorecard zum Ende der Globalisierung» abrufen. Sie berücksichtigt eine Vielzahl von Variablen: eine Trendverlangsamung beim Wirtschaftswachstum und einen rückläufigen Handel verbunden mit dem zusätzlichen Risiko eines makroökonomischen Schocks (aufgrund Verschuldung, Ungleichheit und Immigration), ein verstärkter Handelsprotektionismus, eine ungleiche Vermögensverteilung und eine Abkehr von Demokratisierungstendenzen.

Zeitplan der Globalisierung

Zeitplan der Globalisierung


Gelbe
 Punkte stehen für Globalisierungshemmnisse wie z. B. regionale bewaffnete Konflikte, zunehmende Verschuldung (in % des BIP) und/oder den marginalen Anstieg von Handelsbarrieren.
Orangefarbene Punkte stehen für intensivere Konflikte, starke Verschuldung und/oder einschränkende Handelsbarrieren.
Rote Punkte stehen für eine erhebliche Bedrohung der Globalisierung durch massive militärische Expansionen, nicht tragbare Schuldenpositionen und/oder Handelsbarrieren.

Quelle: Freedom House, Credit Suisse