Was der Trump-Effekt für Europas Wirtschaftswachstum bedeutet
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Was der Trump-Effekt für Europas Wirtschaftswachstum bedeutet

In Europa stehen entscheidende Wahlen bevor. Je nach Ausgang haben sie Einfluss auf die Konjunktur und die Finanzmärkte.

Die diesjährige politische Agenda Europas birgt Zündstoff. In Deutschland, den Niederlanden und Frankreich stehen Wahlen an. Sie haben das Potenzial, die politische Landschaft ebenso umzupflügen, wie dies Donald Trump in den USA zu tun gedenkt. Vor allem der Wahlausgang in Frankreich würde die Zukunft der Europäische Union als Ganzes infrage stellen, sollte Marine Le Pen gewinnen.

Dennoch schätzen wir die Wahrscheinlichkeit als gering ein, dass es in einem dieser Länder zu einem Wahlresultat kommt, das einen politischen oder wirtschaftlichen Schock auslöst. Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass die europäische Wirtschaft dieses Jahr gut übersteht und das Wachstum noch Aufwärtspotenzial besitzt.

Europas Trump-Momente

Die Unterstützung für radikale und populistische Parteien sowie Politiker hat in Europa markant zugenommen. Im Süden hat sich vor allem der Linkspopulismus breitgemacht, während im Norden rechtsgerichtete Parteien Fuss gefasst haben. Die Finanzmärkte werden denn auch sensibel auf einen weiteren Vormarsch dieser politischen Bewegungen reagieren. Gemeinsam ist diesen Tendenzen vor allem eines: der schwindende Rückhalt in der Bevölkerung für Freihandel, Globalisierung und Migration.

Frankreich als grösstes Risiko

Stellt die politische Radikalisierung eine existenzielle Gefahr für die Eurozone und die EU dar? Nun, kurzfristig nicht. Von all den Urnengängen 2017 hat keiner das Potenzial, ein radikales Resultat hervorzu­bringen. Das grösste Risiko birgt zweifellos der Wahlausgang in Frankreich: Falls der Front National mit Marine Le Pen gewinnt, wäre der Zusammenhalt der EU und der Eurozone in Gefahr. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ausgangs beträgt zwar nicht null, doch wir schätzen sie als gering ein – selbst wenn die Umfragen die Zustimmung für den Front National massiv unterschätzen würden.

Zwar dürfte es Le Pen in die zweite Runde schaffen, doch wir rechnen mit einem Ausgang ähnlich wie 2002, als der Mitte-rechts-Kandidat Jacques Chirac mit grossem Mehr gegen Jean-Marie Le Pen gewann, obwohl der Vorsprung dieses Mal geringer ausfallen dürfte. Verschiedene Gründe sprechen dagegen, dass Marine Le Pen wider Erwarten die Franzosen hinter sich zu scharen vermag, wie es Trump in den USA gelang: Le Pen ist, anders als Trump, Teil des politischen Establishments. Ihre Fähigkeit, mehr als den bereits hohen Anteil der Bevölkerung für sich zu gewinnen, scheint begrenzt zu sein. Zudem reduziert das Wahlsystem in zwei Runden die Gefahr eines «Fehlers», da die Wähler die Möglichkeit haben, das ursprüngliche Resultat zu korrigieren.

Dies bedeutet nicht, dass wir keine Gefahr im Aufstieg populistischer Parteien sehen. Die Gefahr ist sehr real, doch nicht in den nächsten Monaten, sondern eher in langfristiger Hinsicht.

Widerstandsfähige Wirtschaft

Im Hinblick auf das Wirtschaftswachstum der Eurozone sind wir daher für dieses Jahr optimistisch. Die allgemeinen Einschätzungen betreffend Wirtschaftswachstum haben sich in den letzten zwei Jahren stets als zu pessimistisch herausgestellt. Die Wachstumsrate hat sich in den vergangenen Jahren trotz einer Reihe politischer und ökono­mischer Störungen auf 1,5 Prozent p. a. stabilisiert.

Verhaltenes, aber stabiles Wachstum (BIP Eurozone, jährliche Veränderung in %)

Verhaltenes, aber stabiles Wachstum (BIP Eurozone, jährliche Veränderung in %)

Quelle: Eurostat, Credit Suisse

Angesichts der traumatischen Erfahrung während der Eurokrise ist es nachvollziehbar, dass Investoren an der Nachhaltigkeit des Wachstums zweifeln und zurückhaltend sind. Doch verschiedene Gründe sprechen dafür, dass sich das Wachstum beschleunigt. Die Dynamik der letzten Jahre basierte auf der steigenden inländischen Nach­frage, während sich die Exporte seitwärts entwickelten. Dies bedeutet, dass die Konjunktur in der Eurozone fast ausschliesslich dank inländischer Konsumausgaben Fahrt aufgenommen hat und auf einem soliden Fundament fusst. Zwar werden die treibenden Faktoren allmählich schwächer, da sich die Effekte sinkender Energiepreise und eines besseren Kreditzugangs nicht wiederholen werden. Weniger Konsumausgaben dürften aber von steigenden Unternehmensinvestitionen wettgemacht werden.

Nachfragewachstum getrieben von inländischem Konsum (Gesamtnachfrage der Eurozone, jährliche Veränderung in %)

Nachfragewachstum getrieben von inländischem Konsum (Gesamtnachfrage der Eurozone, jährliche Veränderung in %)

Schätzungen für Q3 2016

Quelle: Eurostat, EZB, Credit Suisse

Vorsicht Wachstumsbeschleunigung

Zusätzliche Impulse sind von den Exporten zu erwarten. Sie haben sich in den vergangenen zwei Jahren ungewöhnlich schwach entwickelt, doch die Chancen stehen gut, dass sie das Wachstum in den kommenden Monaten unterstützen werden. Erstens dürfte sich die seit zwei Jahren anhaltende Schwäche im globalen Handel dem Ende zuneigen, wie verschiedene vorlaufende Indikatoren suggerieren. Zweitens hat sich die Nachfrage aus Russland, die Mitte 2015 eingebrochen war, stabilisiert. Zudem wird, drittens, der schwächere Euro den Produkten aus der Eurozone zu einem Wettbewerbsvorteil verhelfen und ihnen Marktanteilsgewinne verschaffen.

Gegenwärtig prognostizieren wir für die Eurozone ein Wachstum von 1,6 Prozent. Sollten die Exporte aus der Eurozone wachsen und sollte die inländische Nachfrage auf stabilem Niveau verharren, würde sich das Wirtschaftswachstum beschleunigen. Das ist wichtig für die Europäische Zentralbank (EZB): Zieht die Konjunktur weiter an, nimmt das der EZB die Argumente, die quantitative Lockerung aufrechtzuerhalten. Die Sorge um ein Ende der ultralockeren Geldpolitik würde dann die Finanzmärkte unerwartet früh treffen.

Für den vollständigen Ausblick 2017 besuchen Sie die Website des Investment Outlook 2017.