Europa: Die Gelegenheit für Reformen ist günstig
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Europa: Die Gelegenheit für Reformen ist günstig

Die Konjunktur hat sich in Europa aufgehellt und die politischen Risiken sind gesunken. Eine gute Gelegenheit, um Reformen umzusetzen.

In der ersten Jahreshälfte 2017 hat die Konjunktur in Europa an Fahrt gewonnen, und die Arbeitslosenquoten in der Eurozone sind gesunken. Mit der Wahl des pro-europäischen Emmanuel Macron zum Präsidenten Frankreichs und der Wiederwahl von Angela Merkel an der Spitze der grössten Wirtschaftsmacht Europas richtet sich der Fokus der Anleger auf mögliche Strukturreformen in der Währungsunion, die das Duo vorantreiben könnte, um einige der verbliebenen Schwachstellen der Währungsunion zu beheben. Da sich die Stimmung gegenüber der Europäischen Union (EU) in der Bevölkerung seit der Brexit-Abstimmung etwas verbessert hat, sind die Erwartungen in Bezug auf eine weitergehende Integration der Union der 27 Länder gestiegen.

Was der wirtschaftliche Aufschwung für Europa bedeutet, erklärt Michael Strobaek, Global Chief Investment Officer der Credit Suisse [EN]:

Fundamentale Probleme bestehen weiter

Trotz der positiven Nachrichten sind die tiefergehenden Probleme Europas und der Eurozone nicht einfach verschwunden. Die politischen Spannungen innerhalb der EU und mit den osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Polen bestehen weiter. In der Eurozone hat das Regelwerk der Einheitswährung Verbesserungspotenzial. Darüber hinaus werden weitere Reformen in einzelnen Ländern erforderlich sein, insbesondere am französischen Arbeitsmarkt und im italienischen Bankensystem. Die Brexit-Verhandlungen sind seit einigen Monaten im Gang, doch die Fortschritte sind bislang gering; einer der Streitpunkte betrifft die Anerkennung der finanziellen Verpflichtungen durch Grossbritannien. Dies wiederum steigert die Ungewissheit bezüglich des EU-Haushaltsbudgets.

Doch die geringeren politischen Risiken und die nach wie vor lockere Geldpolitik eröffnen die Chance, Reformen durchzusetzen. Allerdings dürfte es eine Herausforderung für die europäischen Staats- und Regierungschefs werden, diese Gelegenheit zu ergreifen. Entweder weil die bessere konjunkturelle Lage den Reformdruck mindert, oder weil der Widerstand gegen Reformen auf nationaler Ebene zu heftig ist.

Europas Wettbewerbsfähigkeit als Herausforderung

Die Wettbewerbsfähigkeit der EU gegenüber dem Rest der Welt stellt weiterhin eine Herausforderung dar. Allgemein sind die europäischen Länder gut aufgestellt, doch in der Innovationskraft beispielsweise bleibt die EU gemäss dem European Innovation Scoreboard 2017 zurück. Die EU war im Jahr 2016 weniger innovativ als die USA, Kanada, Südkorea und Japan. Dieser Index berücksichtigt ein breites Spektrum an Innovationsindikatoren wie Personalkonditionen, öffentliche und private Forschungs- und Entwicklungsausgaben und Patentanmeldungen. 

Während es deutliche Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedern gibt, bietet der Gesamtindex jedoch immer noch einen guten Vergleichswert zu anderen grossen Regionen.

Investitionsbedürfnisse identifizieren

Wo herrscht am meisten Investitionsbedarf, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen? Die Europäische Investitionsbank (EIB) schätzt, dass die EU jährlich 130 Milliarden Euro mehr für Forschung und Entwicklung ausgeben müsste, um das Ziel von 3 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) zu erreichen. Aufgegliedert nach Sektor ist die Investitionslücke am grössten im Maschinenbau, gefolgt von Gesundheit/Pharma und Transport.

Die EIB schätzt, dass EU-Unternehmen zusätzlich 90 Milliarden Euro pro Jahr investieren müssten, um mit dem technologischen Wandel in wertschöpfungsstarken Branchen mithalten zu können. Infrastrukturanlagen müssten ebenfalls aufgerüstet werden. Die jährliche Investitionslücke bei Energienetzen wird mit 100 Milliarden Euro beziffert. Zusätzliche 80 Milliarden Euro müssten in den Transport und 100 Milliarden Euro in Bildung investiert werden. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass diese Lücke geschlossen wird, aber zusätzliche Investitionen in diese Sektoren werden in den kommenden Jahren ein Kernthema sein, um mit dem Innovationstempo anderer globaler Konkurrenten mithalten zu können.