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Unternehmertum – Nicht nur für Helden

Viele Firmen sind bestrebt, unternehmerisches Denken in ihren Reihen zu fördern. Doch geht das überhaupt? Credit Suisse untersucht die Rolle der Bildung bei der Entwicklung der Denkweisen der Wirtschaftsführer von morgen.

Sie sind unglaublich reich und führen ein traumhaftes Leben: Howard Schultz, der mit seiner Leidenschaft für Kaffee den Weg aus der extremen Armut geschafft hat, der mittlerweile verstorbene Steve Jobs, der von seiner alleinerziehenden Mutter zur Adoption freigegeben wurde, und Jack Ma, der sich in seiner Jugend auf 30 Stellen bewarb und für alle eine Absage kassierte.

Viele berühmte Unternehmer, die es zu schwindelerregendem Reichtum gebracht haben und beeindruckende Lebensgeschichten vorweisen können, sind Überflieger, die sich am eigenen Zopf aus dem sprichwörtlichen Sumpf gezogen haben. Sie bestreiten ihre riskanten Missionen alleine und werden vom Rest der Welt für ihre Erfolge bestaunt.

Da solche Erfolgsgeschichten immer für eine grosse Schlagzeile gut sind, überrascht es kaum, dass viele Menschen glauben, man müsse zum Unternehmer geboren sein. Diese Annahme gerät jedoch durch eine zunehmende Anzahl an Forschungsbelegen von Universitäten und Wirtschaftshochschulen aus aller Welt mehr und mehr ins Wanken. Diese vertreten immer häufiger die Ansicht, dass man Unternehmertum und Unternehmergeist durchaus lehren kann.

Der erste Schritt zur Förderung unternehmerischen Denkens bestehe darin, den Mythos des «heldenhaften» Unternehmers zu entlarven, sagt Professor Dietmar Grichnik, Inhaber des ersten Lehrstuhls für Entrepreneurship an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Eine Aufgabe, die er sehr ernst nimmt.

«Bei meinen Studenten – ganz gleich, ob sie einen Executive MBA, MBA, Master oder ein Doktorat, ein grundständiges oder weiterführendes Studium absolvieren – versuche ich, das Unternehmertum zu entmystifizieren und ihnen vor Augen zu führen, wie falsch die vorherrschende Vorstellung vom heldenhaften Unternehmer ist. Unsere eigene Forschung und auch die anderer Institute belegt eindeutig, dass man Unternehmertum lernen kann. Die Erfolgsfaktoren für Unternehmertum sind Wissen und Erfahrung.»

Grichnik, Autor des Buches Entrepreneurial Living, möchte auch all diejenigen wachrütteln, die seine Kurse nur wegen der Aussicht auf finanziellen Erfolg belegen.

«Erfolgreiche Unternehmer werden nicht primär durch Geld angetrieben, sondern durch die Leidenschaft für ihr Produkt und den Wunsch, etwas zu bewirken und die Welt zu verändern», so Grichnik. «Die heutigen Studenten möchten zwar vielleicht eines Tages einen Ferrari fahren, sie wollen jedoch auch etwas bewirken.»

Ein weiteres Missverständnis, das Grichnik ausräumen möchte, ist die weitverbreitete Vorstellung, dass es bei Unternehmertum nur um Konsumgüter oder Dienstleistungen gehe – der Mark-Zuckerberg-Effekt, der jeden davon träumen lässt, das nächste Facebook zu gründen.

«Schaut man sich die 500 wachstumsstärksten Unternehmen der USA an, wird man feststellen, dass nur 10 bis 15 Prozent von ihnen Business-to-Consumer-Geschäfte betreiben. Das Gros dagegen stammt aus dem Business-to-Business-Bereich», erläutert Grichnik.

Kompetenz statt Persönlichkeitsmerkmal

Auch Professor Stelios Kavadias, Leiter des Centre for Entrepreneurship an der britischen Judge Cambridge Business School, stellt den Mythos vom heldenhaften Unternehmer in Frage. Er geht sogar so weit zu sagen, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens keine zwingende Voraussetzung für Unternehmertum sei. Kavadias stellt fest, dass immer mehr Studenten keinen Alleingang anstreben, sondern innerhalb eines Unternehmens neue Wege beschreiten oder den Status quo verändern möchten, , um so zum Motor für Innovation zu werden.

«Einige unserer Studenten werden Start-ups gründen, andere werden zu grossen Unternehmen gehen», erklärt Kavadias. «In Gesprächen mit grossen Unternehmern höre ich regelmässig, dass sie sich von ihren Mitarbeitenden mehr Unternehmergeist, mehr Eigeninitiative und Kreativität wünschen. An der Judge Cambridge Business School betrachten wir Unternehmertum als erlernbare Kompetenz und nicht als Persönlichkeitsmerkmal. Wir bilden keine Unternehmer aus, sondern Menschen mit Unternehmergeist. Das ist es, was die Welt heute braucht.»

Kavadias zieht Parallelen zwischen dem neuen Verständnis von Unternehmertum und der Demokratisierung der Kreativität seit der Jahrhundertwende. Er verweist darauf, dass Kreativität heute nicht mehr als begrenztes Gut verstanden wird, das nur Künstlern, Designern und Musikern gegeben ist, sondern als etwas, das jeder Mensch in sich trägt und das gefördert, gesteigert und erkundet werden kann.

Wenn Unternehmen die Prozesse hinter den Innovationen genau verstehen und ihren Ansatz für Forschung und Entwicklung weiter fassen, sind sie besser in der Lage, ihre Geschäftsmodelle anzupassen und Entscheidungen bezüglich des Managements von Ressourcen und der Festlegung ihrer Leitlinien zu treffen.

«Man kann unternehmerisches Denken und Handeln lernen, ebenso wie man Finanzen oder Marketing lernen kann», sagt Kavadias. «Wenn wir akzeptieren, dass es viele Menschen gibt, die nicht zum Unternehmer geboren wurden, aber unternehmerisch denken und handeln können, verfügen wir schlagartig über einen viel grösseren Auswahlpool an Kandidaten, die in der Lage sind, ein Unternehmen zu gründen oder innerhalb eines grossen Unternehmens unternehmerisch zu agieren.»

Ein weiterer Irrglaube besteht darin, dass Unternehmer über eine hohe Risikobereitschaft verfügen würden, so Professor David Mawhinney, Executive Director am Swartz Center for Entrepreneurship der Tepper Business School an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh.

«Die Leute nehmen oft fälschlicherweise an, dass Unternehmer gerne Risiken eingehen. Die wirklich grossen Unternehmer verstehen es jedoch, Risiken zu managen», erklärt Mawhinney. «Sie identifizieren Risiken und entwickeln Pläne, um diese zu mindern, sodass sie trotz der Risiken über mehr Freiraum für Kreativität und Innovation verfügen.»

Grosse Unternehmen hingegen nutzen Hierarchien und Unternehmensstrukturen, um ihre Risiken zu managen. Dieser traditionelle Ansatz kann laut Mawhinney ungewollt dazu führen, dass die Mitarbeitenden dieser Unternehmen Risiken zunehmend scheuen, da sie für das Eingehen von Risiken jenseits der starren Strukturen bestraft werden.

Die eigenen Stärken nutzen

Das Lehrangebot im Bereich Unternehmertum wurde in den letzten 15 Jahren stetig ausgebaut. Parallel dazu haben sich auch die Lehrmethoden weiterentwickelt. Heute setzen führende Wirtschaftshochschulen erfahrene Unternehmer als Tutoren oder Mentoren ein. An der multinationalen Graduate Business School INSEAD gibt es mehrere «Entrepreneurs in Residence», die den Studenten Inspiration und Orientierung aus erster Hand bieten.

Steve Blank, ein Unternehmer aus dem Silicon Valley, unterrichtet an der University of California, Berkeley, an der Columbia University und an der Stanford School of Engineering. Er vertritt einen stark praxisorientierten Geschäftsansatz und empfiehlt Start-ups, auf Markttests statt auf 5-Jahres-Geschäftspläne zu setzen. «Ganz gleich, wie sorgfältig ein Geschäftsplan auch ausgearbeitet ist – den ersten Kontakt mit der realen Welt überlebt er nur in den wenigsten Fällen», so Blank.

Von diesem Ansatz könnten auch grosse Unternehmen profitieren, sagt Blank. Er räumt jedoch ein, dass sich sein Verhältnis zur Vermittlung von unternehmerischem Denken und Handeln in den letzten zehn Jahren verändert hat: Früher sah er darin eine methodische Wissenschaft, heute eher eine Art kreative Kunst.

«Wenn man über die Lehre vom unternehmerischen Denken und Handeln spricht, lautet die erste Frage: ‹Um wen geht es, wer wird unterrichtet und warum?›», so Blank. «Es gibt Kleinunternehmer, die Lebensmittelgeschäfte eröffnen, und Kleinunternehmer, die Apps entwickeln. Manche möchten grosse, skalierbare Unternehmen gründen, um zum nächsten Google oder Apple zu werden, andere übernehmen ein Familienunternehmen und wieder andere möchten innerhalb einer grossen Firma als sogenannte Corporate Entrepreneurs etwas bewirken. Jeder von ihnen benötigt eine andere Finanzierung, eine andere Ausbildung und andere Kompetenzen.»

Unternehmensgründer seien mit ihrer «Vision, Leidenschaft und Motivation» mitunter näher am Künstlerberuf als an irgendeinem anderen Profession, so Blank. Mitarbeitende, die in etablierten Unternehmen mit der Aufgabe betraut sind, Innovationen voranzutreiben oder neue Projekte in Angriff zu nehmen, müssen ebenfalls von Unternehmergeist beseelt sein, jedoch in einem ganz anderen Kontext.

«Die Kompetenzen, die wir unseren Studenten vermitteln, sind nicht falsch, sehr wohl aber die Annahme, dass jeder die gleichen Kompetenzen benötigt», erklärt Blank. «Ähnlich wie Künstler oder Komponisten haben Unternehmensgründer eine einzigartige Idee und holen dann unternehmerisch denkende Mitarbeitende ins Boot, die mit ihrem Talent dazu beitragen, diese Idee auszureifen und zum Leben zu erwecken.»

Das bedeutet jedoch nicht, dass Unternehmertum nur für Unternehmensgründer relevant ist. «Wir unterrichten Musik, Kunst und Kunstverständnis an unseren Schulen, aber das bedeutet ja auch nicht, dass später jeder Künstler wird – genauso wenig. wie jeder Violinschüler unbedingt an die Juilliard School möchte», erklärt Blank.

Ein anderer Bildungsansatz

Die Carnegie Mellon University bietet einen der weltweit renommiertesten Entrepreneurship-Studiengänge an. Bereits 1971 wurde er ins Leben gerufen. Professor Mawhinney gründete sein erstes Unternehmen, nachdem er an der Carnegie Mellon einen MBA abgeschlossen hatte. Heute ist er dort Leiter des Swartz Center, das der gesamten Universität zur Verfügung steht. Er ermutigt seine Studenten auf Grundlage eines Notensystems mit Creditpoints, an ihren eigenen Projekten zu arbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen.

«Unser Ansatz besteht darin, den Studenten die bewährtesten Kompetenzen und Grundkonzepte zu vermitteln und dann Unternehmer aus der Praxis einzubeziehen, die ihnen reale Fallstudien vorstellen», legt Mawhinney dar.

INSEAD, die Business School mit Standorten in Frankreich, Singapur und Abu Dhabi, reagiert auf die unterschiedlichen Regulierungspraktiken, Kulturen und Gewohnheiten in verschiedenen Ländern, indem sie Wahlfächer mit einem geografischen Schwerpunkt anbietet, zum Beispiel Geschäftsgründung in China oder Indien.

Professor Urs Peyer, Dean of Degree Programmes an der INSEAD, sieht bei Start-ups die Tendenz, sich auf das Land zu konzentrieren, in dem ihr Gründer lebt. Es sei jedoch auch wichtig zu verstehen, wie die Dinge in anderen Teilen der Welt laufen, in denen das Start-up möglicherweise Märkte erschliessen könnte.

Die Präsentation von Ideen vor potenziellen Investoren und Kunden ist ein wesentlicher Bestandteil der Studiengänge an der INSEAD. «Wir möchten, dass unsere Studenten kluge Geschäfte anpacken, und sehen es als unsere Pflicht an, ihre schlechten Ideen abzuschiessen. Sie sollen ihr Geschäftsmodell so lange ändern, bis sie schliesslich eine Idee entwickeln, für die eine Nachfrage besteht und die skalierbar ist», erläutert Peyer.

Der neue Schwerpunkt auf Mentoring und Unterstützung verändert auch die Lehrmethoden der Studiengänge: Viele Wirtschaftshochschulen bieten flexible Online-, Präsenz- oder Mischkurse an. Ihre Absolventen profitieren nach dem Abschluss nicht selten sogar von einem fortlaufenden, persönlichen Mentoring, um sie in der frühen und schwierigsten Phase eines Start-ups zu unterstützen.

In China vollzieht sich ein Wandel weg vom Mythos des enorm reichen, «heldenhaften» Unternehmers hin zur Entwicklung von Unternehmergeist zum Wohl der Gesellschaft. Er spiegelt sich auch in den chinesischen Wirtschaftshochschulen.

Die Tsinghua Universität in Beijing erhielt für ihren Start-up-Incubator x-Lab Fördermittel vom chinesischen Staat, der Innovationen fördern und die Wirtschaft des Landes stärken und diversifizieren möchte. Pearl Donghui Mao, Executive Director des Tsinghua x-Lab, unterscheidet zwischen dem «geborenen Unternehmer» wie Jack Ma und dem «ausgebildeten» Unternehmer. Letzterer Typus sei in China sehr häufig, sagt sie.

«Es gibt viele Arten von Unternehmern, denn Menschen mit unterschiedlichem Talent und Potenzial schlagen auch unterschiedliche Wege ein», erklärt Mao. «Unserer Ansicht nach ist es erforderlich, allen jungen Menschen die Chance und Mittel zum Lernen mit auf den Weg zu geben. Wir haben intensiv an der Entwicklung von projektbezogenen, handlungsorientierten Lernmethoden gearbeitet, um Kompetenzen wie Problemlösung, laterales Denken und Teamwork zu fördern.»

Nach Maos Einschätzung besteht eines der grössten Probleme der Entrepreneurship-Studiengänge darin, dass sie irgendwann zu Ende sind: An den meisten Einrichtungen erhalten Absolventen nach Abschluss des Studiums kaum Unterstützung. Das Tsinghua x-Lab hingegen unterstützt seine Alumni aktiv in den kritischsten Phasen der Unternehmensgründung und steht fortlaufend als Ansprechpartner für Feedback und als Ressource zur Verfügung.

Am anderen Ende der Welt, an der Wharton School der University of Pennsylvania, veröffentlichten die Professoren Karl T. Ulrich und Christian Terwiesch 2014 den Aufsatz «Will Video Kill the Classroom Star?». Dieser befasst sich mit der Frage, wie sich Wirtschaftshochschulen im Zuge des technischen Fortschritts verändern könnten. Unter anderem schlagen die Autoren einen Lehrplan vor, der den Absolventen während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn auf Abruf zur Verfügung steht, anstatt lediglich innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren.

Ulrich und Terwiesch sind der Meinung, dass es in der heutigen schnelllebigen Welt schwierig ist, vorherzusagen, welches Wissen und welche Kompetenzen selbst in der nahen Zukunft gefordert sein werden. Die Professoren vergleichen den Abschluss an der Wharton School mit einem Schweizer Sackmesser: «Man kauft es, um es irgendwann zu benutzen, weiss aber weder, wann das sein wird, noch welchen Teil des Messers man als Erstes verwenden wird.»

Wer weiss, vielleicht wird sich unsere Vorstellung vom Unternehmer künftig sogar noch weiter vom Image des heldenhaften, unabhängigen Autodidakten wegbewegen und der eines ewigen Studenten weichen, der sein Leben lang im Kontakt mit einer Universität steht.