Unternehmer ohne Grenzen: Wie Schweizer KMU weltweit expandieren können
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Unternehmer ohne Grenzen: Wie Schweizer KMU weltweit expandieren können

Die Schweiz hatte schon immer viele Unternehmer. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus der Schweiz sind weltweit aktiv und suchen Kunden, Inspiration und Wachstum jenseits der Landesgrenzen. Wir haben einige Unternehmer gefragt, wie sie es bewerkstelligen, ein Schweizer KMU auf globaler Ebene zum Erfolg zu führen, und was Schweizer Qualität für sie bedeutet. 

Gery Colombo, CEO und Mitbegründer von Hocoma, einem Spezialisten für robotergestützte Rehabilitation, hatte eine genaue Vorstellung davon, was er erreichen wollte. «Unsere Vision bestand darin, einen Roboter zu entwickeln, der manuelle Schwerstarbeit übernehmen und so die Therapiequalität verbessern kann.» 

Das in Volketswil im Kanton Zürich ansässige Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt sensorgestützte Geräte für die funktionelle Bewegungstherapie. Diese können neurologischen Patienten beispielsweise dabei helfen, wieder gehen zu lernen.

In den kommenden fünf Jahren wird das Unternehmen an der Vernetzung seiner Geräte und an der Entwicklung umfassender Dienstleistungen arbeiten, um eine Gesamtlösung anbieten zu können. Weltweite Expansion steht auf der Agenda ganz oben. «Wir treiben den Verkauf in China voran. Und in den nächsten fünf Jahren soll der Börsengang folgen», so der 52-jährige Unternehmer.

Gibt es ein Geheimrezept, wie man ein Schweizer KMU in einen Weltmarktführer verwandeln kann? Seiner Meinung nach ist es «wie überall: mit neuen, einzigartigen und revolutionären Ideen. Aber wir als Schweizer profitieren zusätzlich vom hiesigen Netzwerk aus kompetenten Partnern mit hohem Bildungsgrad.» Eine Schweizer Denkweise kann ebenfalls Vorteile bieten. «Schweizer Qualität betrifft die ganze Wertschöpfungskette. Schweizer Unternehmer verstehen, dass das Gesamtpaket nur so gut sein kann wie das schwächste Element; punktuelle Highlights sind kein Zeichen für insgesamt hohe Qualität.»

Umsetzung ist alles

Wie wichtig es ist, die eigenen Produkte durch und durch zu kennen, ist für Nathan Anderson, CEO von ScanTrust mit Sitz in Lausanne, nichts Neues. Er gründete das Unternehmen, nachdem er festgestellt hatte, dass es kein Werkzeug gab, um mehr über ein Produkt zu erfahren: «Als Verbraucher [will man wissen]: Woher kommt es? Wie und wo wurde es hergestellt? Ist es echt und, vor allem, ist sein Konsum sicher?»

Schweizer Qualität betrifft die ganze Wertschöpfungskette. Schweizer Unternehmer verstehen, dass das Gesamtpaket nur so gut sein kann wie das schwächste Element; punktuelle Highlights sind kein Zeichen für insgesamt hohe Qualität.

Gery Colombo, CEO und Mitbegründer von Hocoma, einem Spezialisten für robotergestützte Rehabilitation

Sein Unternehmen bietet Plagiatschutz sowie Lieferkettentransparenz gegen Fälschungen und illegalen Handel. Innerhalb von vier Jahren ist der Mitarbeiterstamm auf 30 angewachsen. Wie wird man als Schweizer KMU Weltmarktführer? «Für uns beginnt alles damit, akzeptierte Normen herauszufordern. Wir ermöglichen Markeninhabern und Verbrauchern eine beispiellose Transparenz in Bezug auf Lieferkette und Vertrieb. Und dafür ist keine spezielle Hardware erforderlich», meint Anderson.

Schweizer Qualität, vorab in Bezug auf den hohen Bildungsgrad und die in der Schweiz verfügbaren Ressourcen, spielte eine wichtige Rolle bei der Expansion seines Unternehmens. «Unser Hauptsitz in Lausanne dient als globales F&E-Zentrum. Der Zugang zu modernen Test- und Forschungseinrichtungen mit Experten für Fälschungssicherheit und Drucktechnologie ist zentral für unsere Entwicklung», erklärt der 35-jährige Unternehmer.

Für ihn ist die Umsetzung einer Idee ausserhalb des heimischen Marktes ein entscheidender Faktor. «In der Welt von Sicherheit und Lieferketten ist Umsetzung alles. Eine grossartige Idee, die nicht kosteneffizient implementierbar ist und leicht benutzt werden kann, wird global kaum Auswirkungen haben», erläutert er.

Neue Ideen kommen durch die weltweite Kommunikation

Was geschieht, wenn einem gar nicht bewusst war, dass die eigene Idee weltweit Erfolg haben würde? Boschung, ein im Kanton Waadt ansässiges Unternehmen, entwickelt, produziert und vertreibt weltweit Produkte zur Erfassung und Bekämpfung von Glatteis und Schnee sowie für die Reinigung von Strassen und Flughäfen. Obwohl seine Geschäftstätigkeit für die alpine Umwelt der Schweiz massgeschneidert zu sein scheint, hat das Unternehmen auch ein Erfolgsrezept für andere Märkte gefunden. «Eine führende Rolle im Weltmarkt haben wir nicht direkt angestrebt. Über Neuentwicklungen und deren weltweite Erfolge entstand in verschiedenen Nischenmärkten automatisch eine Art Weltmarktführung», so die gemeinsamen Eigentümer Marcel Boschung und Gabriel Boschung.

Und die beiden Geschäftsführer von Boschung fügen hinzu: «Neue und alternative Ideen kommen durch die weltweite Kommunikation mit unseren Anwendern – deren Umsetzung ist dann unsere Aufgabe. Die Frage ist immer: Was ist auf dem Markt umsetzbar?»

Dennoch erkennen sie an, dass die Tatsache, dass das Unternehmen in der Schweiz ansässig ist, bei dessen Wachstum auf seine gegenwärtige Grösse mit 550 Mitarbeitenden eine wichtige Rolle gespielt hat. «Schweizer Qualität ist unser Prädikat. Es bedeutet, dass wir in der Schweiz sämtliche Komponenten zusammenführen, um technologisch hochwertige Produkte für die Zukunft entwickeln zu können», so die beiden Firmengründer.

Hilft die Tatsache, in der Schweiz ansässig zu sein, den KMU also? Erfolgreiche Unternehmer wissen, dass die Expansion mutige Ideen, Ausdauer und Aufgeschlossenheit gegenüber Kunden erfordert. Der gute Ruf, den Schweizer Qualität geniesst, ist aber ganz klar das Sahnehäubchen auf der Torte, die bereits alle Zutaten enthält.