Energiewende: wie finanzieren?

Die Welt steht vor einer Umwälzung im Energiesektor, und die Schweiz will bis 2050 ihr System umbauen – bei Kosten von 200 Milliarden. Eine Diskussion am Lifefair-Forum in Zürich.

Am 20. März 2015 fand in Europa ein Naturspektakel statt. Eine Sonnenfinsternis verdunkelte kurzzeitig den Morgenhimmel, mit der richtigen Ausrüstung liess sich das seltene Schauspiel bei klarem Wetter beobachten. Sonnenfinsternisse gibt es seit Milliarden von Jahren, eine Frage aber wurde zum ersten Mal aufgeworfen: Wird der vorübergehende Ausfall des Sonnenlichts die Energieversorgung beeinträchtigen? Seit der letzten europäischen Sonnenfinsternis 1999, erklärte Bruno Bischoff, Sustainability Affairs bei der Credit Suisse, sei zum Beispiel nur schon in Deutschland die Leistung der Solarenergie von 70 Megawattstunden auf 39 Gigawattstunden gestiegen – um mehr als das 500-Fache.

Das Statement war der Auftakt zum 18. Lifefair-Forum (siehe Box), in dessen Rahmen am 24. März 2015 im Forum St. Peter in Zürich das Thema «Energiewende: Wie finanzieren?» diskutiert wurde. Die Angst vor einem Ausfall der Stromversorgung zum Frühlingsauftakt mag mehr in medialer Spekulation als in wissenschaftlichen Szenarien gegründet haben – dennoch illustriert sie, dass der Umbau unserer Energieinfrastruktur voranschreitet. Nicht nur Solarkollektoren auf Hausdächern gehören zur technologischen Landschaft des 21. Jahrhunderts, sondern auch Windräder, Energiesparlampen und Elektroautos wie der Tesla.

Historisch tiefe Preise

Dass die klimatischen und demografischen Herausforderungen der Gegenwart ein Umdenken bei Energieverbrauch und -herstellung notwendig machen, ist hinreichend bekannt. Wie genau aber soll man reagieren? Wer sind die Gewinner und Verlierer des Strukturwandels, wie und wie schnell muss dieser stattfinden? Und eben: Wie wird er bezahlt? Jasmin Staiblin, CEO der Schweizer Stromanbieterin und Energiedienstleisterin Alpiq, hielt in ihrem einleitenden Referat am Lifefair-Forum fest: Die Grosshandelspreise für Strom würden stetig sinken, weil es zu viele Kraftwerke in Europa gebe, weil Deutschland Strom aus Sonne und Wind mit über 20 Milliarden Euro pro Jahr subventioniere und weil gleichzeitig die Wirtschaft nicht mehr wachse. Hinzu kämen die Renaissance der Kohlekraft in Europa und ein starker Schweizer Franken. «Unter dieser Entwicklung leidet insbesondere die Schweizer Wasserkraft.» Die Grosshandelspreise seien seit 2008 um insgesamt rund 60 Prozent gefallen, was direkte Auswirkungen auf die Einnahmen der Energieproduzenten habe. Die Haushalte allerdings spürten nichts von den tieferen Grosshandelspreisen. Im Gegenteil, die durchschnittlichen Endkundenpreise stiegen sogar um fünf bis zehn Prozent.

200 Milliarden für dem Umbau

Wie in dieser verworrenen Situation finanziell und technologisch die Energiewende gemeistert werden soll, war Gegenstand einer Paneldiskussion, die auf Jasmin Staiblins Referat folgte. Konkret nannte Lifefair-Moderator Dominique Reber die Energiestrategie 2050 des Bundes und stellte eine grosse Zahl in den Raum: 200 Milliarden. So viele Schweizer Franken  sollte es nämlich kosten, die Infrastruktur umzubauen und die Wende im Energiesektor herbeizuführen – inklusive Ausstieg aus der Kernenergie und weit geringerer Nutzung fossiler Quellen.

Ist diese Zahl realistisch? Wie kann so viel investiert werden? Die Diskussionsteilnehmenden betrachteten die Thematik aus verschiedenen Perspektiven. Daniel Aebli, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Stahl Gerlafingen unterstrich die wirtschaftlichen Anliegen: «Wir sind keinesfalls gegen die Energiewende, aber bei gewissen Modellen kann die Rentabilität zum Problem werden.» Rentable Modelle zu kreieren, mittels derer Kapital in nachhaltige Energie investiert wird, ist wiederum Dominik Bolliers Fachgebiet. Bollier, Managing Partner der Credit Suisse Energy Infrastructure Partners AG, hielt fest: «Die bestehenden Akteure können die Energiewende aller Voraussicht nach nicht alleine finanzieren, ob sie jetzt 200 Milliarden kostet, oder auch etwas mehr oder weniger.» Deshalb sei sein Ziel, institutionellen Investoren den Zugang zu entsprechenden Anlageklassen zu ermöglichen.

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, betonte hingegen die Abhängigkeit der Schweizer Energieversorgung von ausländischen Lieferanten. «Wir zahlen zwölf Milliarden Franken pro Jahr für den Import von Erdöl, Gas oder Uran», meinte sie, «diese sollten wir durch einheimische Produktion substituieren.» Zudem müssten Kunden die tiefen Preise auf dem Strommarkt spüren – «sie sind immer noch die Gefangenen». Und, ergänzte Hansjörg Sidler, der bei Siemens Schweiz als Sales Director tätig ist, es müsse spürbar und messbar sein, wo wie viel Energie tatsächlich durch moderne Infrastruktur eingespart wird. «Viele Gebäude etwa halten in diesem Bereich nicht, was sie versprechen.»

Unbestrittener Handlungsbedarf, offene Fragen

Die Energiewende, das zeigte auch diese Diskussion auf, ist eine mehrschichtige Angelegenheit und bildet ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten und offener Fragen. Unbestritten bleibt, dass Infrastruktur und Versorgung, Produktion und Vertrieb, in Zukunft neu gedacht werden müssen. Offen bleiben Fragen wie etwa, welche Energieträger eine wie grosse Rolle spielen sollen oder in welchem Tempo der Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien und der Ausstieg aus der Kernenergie stattfinden soll. Offen bleibt letztlich auch die Finanzierung – 35 Jahre sind eine lange Zeit und 200 Milliarden sind viel Geld. Es braucht beträchtliche Investitionen von verschiedenen Seiten, um die Energiewende zu vollziehen.