Neuste Artikel

Höhere Energieeffizienz – weniger Versorgungsrisiken

Im rapiden Anstieg des Energieverbrauchs konkretisieren sich die Sorgen über die Energievorräte der Erde. Verbesserungen der Energieeffizienz sind zumindest ein Teil der dringend notwendigen Lösung.

Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und stetig zunehmende Einkommen sorgen weltweit für eine rapide wachsende Energienachfrage. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis 2050 von heute knapp 7,3 Milliarden auf 10,5 Milliarden Menschen ansteigt. In den kommenden 35 Jahren dürfte die Urbanisierung um 70 Prozent zunehmen, die aufstrebende Mittelklasse wächst ebenfalls an. Beide Faktoren sind Treiber für den raschen Nachfrageanstieg nach Energie. «Der Pro-Kopf-Energieverbrauch steigt in allen grossen Schwellenländern bereits rasch an. Dieser Trend dürfte sich mit grossen Auswirkungen auf die globale Energienachfrage fortsetzen, wenn keine Energieeffizienzmassnahmen ergriffen werden», sagt Eugène Klerk, Leiter Global Thematic Research bei der Credit Suisse. Der weltweite Energiebedarf hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt. Die USA sind nicht länger der weltweit grösste Energieverbraucher – seit Ende des letzten Jahres nimmt China diesen Platz ein. «Ohne weitere Effizienzgewinne sehen wir bei Konvergenz (auf dem Niveau der Industrieländer) einen zunehmenden Energiebedarf der globalen Schwellenländer voraus, der nahezu das Zweieinhalbfache des heutigen europäischen und US-amerikanischen Bedarfs betragen dürfte» wie Klerk mit Blick auf das Jahr 2050 betont. Das Problem wird immer akuter: Die CO2-Emissionen nehmen stetig zu: im Jahr 2013 war der Anstieg so gross wie seit 30 Jahren nicht mehr. 

Mehr Urbanisierung und höhere Einkommensniveaus treiben den Energieverbrauch in die Höhe

Mehr Urbanisierung und höhere Einkommensniveaus treiben den Energieverbrauch in die Höhe

Phetkeo Poumanyvong, Shinji Kaneko, Shobhakar Dhakal: «Impacts of urbanization on national transport and road energy used: Evidence from low-, middle- and high-income countries», Hiroshima.

Gefährdete Versorgung

Mit dem erwarteten starken Nachfrageanstieg in den nächsten Jahrzehnten dürften auch zahlreiche Energieversorgungsprobleme auftreten. Wichtige Energiequellen wie Öl und Gas erschöpfen sich, und treiben so die Grenzkosten für die Förderung in die Höhe. «Aus einer globalen Energieperspektive sind die Aussichten nach wie vor äusserst unsicher», unterstreicht Eugène Klerk. «Viele wichtige Länder werden wegen ihrer zunehmenden Abhängigkeit von Importen immer anfälliger für politische Risiken und Preisschwankungen. Die Preisvolatilität hat bereits einen historischen Höchststand erreicht.» «Mehr Energieeffizienz trägt auch in diesem Fall zur Minderung von Versorgungsrisiken bei. Zum Glück sind derzeit zahlreiche Initiativen im Gange. Der globale Markt für Energieeffizienz hat laut dem «Energy Efficiency Market Report 2014» der Internationalen Energieagentur (IEA) einen Gesamtwert von über USD 310 Mia. jährlich und wächst weiterhin. Dies macht Energieeffizienz zum «massgeblichen verborgenen» Treibstoff der Welt.

Grösstes Potenzial bei Wohnbauten

Die Endnachfrage nach Energie lässt sich nach Endverbrauchern in drei breite Kategorien einteilen: Gebäude, Verkehr und Industrie. Überraschenderweise sind weder Verkehr noch Industrie die grössten Energieverbraucher, sondern Wohnbauten. Angemessene Energieeffizienzmassnahmen in diesem Bereich dürften den Energieverbrauch weltweit enorm beeinflussen. «Das nicht realisierte Energieeffizienzpotenzial in Gebäuden ist erheblich. Anders als in der Industrie (ca. 40 Prozent) und dem Verkehr (rund 35 Prozent) wurden hier bis dato nur 20 Prozent realisiert.», erklärt Eugène Klerk. «Wenn man dieses Potenzial voll ausnutzt, lässt sich die (weltweite) Energienachfrage um 120 Prozent der gesamten im Schiffs- und Luftverkehr benötigte Energiemenge senken», betont er. Effizienzsteigerungen lassen sich bei Raumheizungen, der Warmwassererzeugung, der Beleuchtung und bei Haushaltsgeräten in Wohngebäuden realisieren. «Gebäude sind nicht nur der Bereich mit den grössten potenziellen Effizienzgewinnen, hier sind auch Effizienzgewinne zu moderaten Kosten für die Gesellschaft möglich», so Eugène Klerk. Die Credit Suisse schätzt das jährliche Einsparpotenzial in Gebäuden durch effiziente Nutzung von Ressourcen auf EUR 200 Mia. in Europa und auf USD 1.9 Bio. in den USA.

Anteile der Endverbraucher am Energieverbrauch

Anteile der Endverbraucher am Energieverbrauch

Quellen: Internationale Energieagentur, Credit Suisse Research

Verkehr – ein enormer und wachsender Markt

In den letzten vierzig Jahren trieb vor allem der Verkehr den Energieverbrauch in die Höhe. Hier lag die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate deutlich über derjenigen von Gebäuden und Industrien. «Der Gesamtverbrauch hat sich aufgrund des starken Verkehrsaufkommens innerhalb von 40 Jahren verdoppelt», erklärt Eugène Klerk. Automobile und Lastwagen fressen von allen Verkehrsmitteln am meisten Energie, nämlich dreimal so viel wie Luftfahrt, Seefahrt und Schienenverkehr zusammen. Derzeit sorgt vor allem die steigende Kaufkraft in den Schwellenländern für Verkehrswachstum. In diesen Märkten werden eindeutig immer mehr Automobile abgesetzt. «Wenn jedes einzelne Schwellenland im Schnitt ebenso viel Energie wie ein durchschnittlicher Industriestaat verbrauchte würde sich der gesamte Energieverbrauch im Verkehr dieser Länder bis 2050 auf das Viereinhalbfache des heutigen Gesamtwerts von Westeuropa, den USA und Japan erhöhen», unterstreicht er. Auf kurze Frist sind Investitionen in strengere Verbrauchsstandards für Automobiltreibstoffe der wichtigste Treiber der Energieeffizienzbranche. Strengere Standards dürften den durchschnittlichen Energieverbrauch in den Bereich 3,9 bis 6,7 Liter Benzinäquivalent pro 100 Kilometer senken. «Standards sind ein starker Anreiz für die Märkte, in den kommenden 20 Jahren effiziente Technologien und Dienstleistungen einzusetzen», so die IEA.

Grosses Potenzial für den Automobilabsatz in Schwellenländern (pro 1000 Einwohner)

Grosses Potenzial für den Automobilabsatz in Schwellenländern (pro 1000 Einwohner)

Quelle: Credit Suisse Research

Industrieller Energiebedarf

Die Energieintensität der Industrie, eine Kennzahl für ihre Energieeffizienz, die in Energieeinheiten pro BIP-Einheit ausgedrückt wird, hat sich in der OECD zwischen 1995 und 2010 jährlich um ca. 2 Prozent verbessert. China, dessen Industrieboom den Bedarf an industrieller Energie in den letzten 25 Jahren antrieb, war imstande, seine Energieeffizienz doppelt so rasch zu verbessern. «Im Jahr 2040 dürfte die durchschnittliche Energieintensität im Vergleich zu 2010 weltweit um 40 Prozent verbessert worden sein», so die Prognose des ExxonMobil-Berichts «The Outlook for Energy: A View to 2040.» Die Prognose der IEA ist allgemeiner gehalten und besagt, dass «im Jahr 2040 die gegenüber heute bessere Energieeffizienz den Aufwand für Öl- und Gasimporte in den fünf grössten energieimportierenden Regionen um nahezu USD 1 Bio. reduzieren dürfte.» Ein effizienterer Umgang mit Energie wird die Energieprobleme der Welt nicht lösen, er ist aber ein Bestandteil der Lösung.