Ölpreis bremst Schwellenländer und beflügelt Industrieländer

Während viele Ökonomen deflationäre Schocks befürchten, sieht ein neuer Bericht der Credit Suisse keine Hinweise auf eine globale Verlangsamung. Allerdings bewirkt der niedrige Preis für Erdöl eine Verschiebung des Wachstums weg von den Schwellenländern und hin zu den Industrieländern.

Der kürzlich unter dem Titel «Lost in Transition» veröffentlichte Bericht des Credit Suisse Economics Research kommt zum Schluss, dass sich die Weltwirtschaft «inmitten eines Prozesses befindet, bei dem sich das Wachstum von den Schwellenländern zu den Industrieländern verschiebt, und dass der niedrigere Ölpreis ein zentraler Mechanismus dieser Veränderung ist».

Öl als ausschlaggebender Faktor

Die Auswirkungen des gesunkenen Ölpreises werden zurzeit noch verarbeitet, doch in vielen Schwellenländern stellt sich bereits eine Verlangsamung des Wachstums ein. Dies wird das Umfeld für Schwellenländer schwieriger machen und wahrscheinlich «das solide Wachstum in den Industrieländern in diesem Jahr unterstützen».

Die Verschiebung dürfte sich am stärksten auf ölexportierende Länder wie Russland und Venezuela auswirken. Was die Regionen betrifft, so ist Lateinamerika wegen des geringen Wachstums, der hohen Inflationsrate und des Haushaltsdefizits offenbar «besonders anfällig», insbesondere Brasilien. Auch andere Exporteure aus der Region wie Kolumbien, Ecuador und Mexiko werden möglicherweise in Schwierigkeiten geraten. Ebenso verlangsamt sich das Wachstum in Asien, jedoch sind dem Bericht zufolge einige asiatische Volkswirtschaften besser aufgestellt als andere, um mit einer Wachstumsverlangsamung fertig zu werden.

Gleichzeitig führen die niedrigeren Ölpreise in den Entwicklungsländern zurzeit zu einem Anstieg der Realeinkommen der Haushalte und der Unternehmenserträge. Dies dürfte der Prognose des Berichts zufolge mit der Zeit «zu einem Anziehen der Nachfrage und des BIP-Wachstums» und nachlassenden Deflationssorgen führen.

Marktturbulenzen sind nicht ausgeschlossen

Diese Anpassung dürfte zwar begrüsst werden, doch der Bericht weist darauf hin, dass Verschiebungen in der Zusammensetzung des globalen Wachstums selten geordnet verlaufen. Das ist auch im derzeitigen Szenario nicht anders. «Die Märkte werden in erster Linie mit den Prozessen und Schwierigkeiten einer solchen Veränderung befasst sein, es ist jedoch wichtig, die Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren», so der Bericht. «Es sieht so aus, als ob die Marktvolatilität dauerhaft höher sein wird, da es infolge der Verarbeitung des stärkeren Wachstums in den G3-Ländern und der Deflationsängste zu starken Schwankungen kommen wird.»

Ein entscheidendes Risiko besteht darin, dass es in einigen Schwellenländern zu finanziellen und wirtschaftlichen Verwerfungen kommt, die «ausreichen werden, die Konvergenz der Wachstumsraten von Schwellenländern und Industrieländern über das Ziel hinausschiessen zu lassen und Deflationsängste am Leben zu halten».

Eine Top-down-Betrachtung des globalen Wachstums zeigt, dass trotz des Rückgangs der Ölpreise die jüngste Volatilität als gering anzusehen ist, wenn man die letzten zehn Jahre als Vergleichszeitraum heranzieht. Die Weltwirtschaft ist 2014 um 2,6 Prozent gewachsen. Zurzeit steht die Wachstumsdynamik noch unter dem Eindruck der Verlangsamung, die Ende letzten Jahres eingetreten war. Der Bericht prognostiziert jedoch eine moderate Beschleunigung und ein BIP-Wachstum von über 3 Prozent in der zweiten Jahreshälfte. Das globale Wachstum dürfte also auch in Zukunft im Bereich seiner langfristigen Durchschnittsrate moderat schwanken.

Weniger Deflationsängste

Gleichzeitig dürften die Deflationsängste in den Industrieländern abklingen, wenn sich Hinweise auf die von den niedrigeren Ölpreisen ausgehenden Wachstumsimpulse in vielen Industrieländern verstärken und die Inflationsraten auf weit über Null zurückgetrieben werden.

Ein Blick auf die einzelnen Länder zeigt, dass die Deflation in den meisten grösseren Industrieländern weltweit rückläufig ist:

In Japan hat die Konjunktur wieder Fahrt aufgenommen, nachdem die Nachfrage nach der letzten Anhebung der Konsumsteuer im April zurückgegangen war. Bis vor Kurzem war die Handelsbilanz der Hauptimpulsgeber für die Aufwärtsentwicklung, doch laut dem Bericht gibt es zunehmend Hinweise, dass die bislang hinterherhinkende Binnennachfrage aufholt. Insbesondere die Investitionen von Unternehmen dürften sich angesichts einer Zunahme der Profitabilität erholen. Die expansive Geldpolitik dürfte sich fortsetzen und es besteht die Gefahr einer weiteren Lockerung in diesem Jahr, möglicherweise durch die Einführung eines Negativzinses für Kredite an Banken des privaten Sektors.

Während das Wachstum in der Eurozone im letzten Jahr enttäuschend ausgefallen war, gibt es laut dem Bericht zunehmend Hinweise, dass sich die Binnennachfrage als Reaktion auf die geldpolitische Lockerung und einen Rückgang der Energiepreise gerade beschleunigt. Die Umsätze im Einzelhandel und in der Automobilbranche sind gestiegen und die Anlagepläne von Unternehmen haben sich von ihrer Schwächephase nach der unsicheren Lage in Russland und der Ukraine in der Jahresmitte wieder erholt.

«Zwar ist fraglich, inwieweit das aggressive quantitative Lockerungsprogramm der EZB zur Verbesserung der Binnennachfrage beitragen wird, doch die Abwertung des Euro war stark genug, um die Auslandsnachfrage zu stützen», heisst es in dem Bericht. «Daher gibt es unserer Ansicht nach gute Gründe für die Annahme, dass das Wachstum des BIP und der Binnennachfrage dieses Jahr für eine positive Überraschung sorgen könnte.»

Ende der Eiszeit

In den USA dürfte das aussergewöhnlich kalte Wetter am Anfang dieses Jahres als Wachstumsbremse wirken. Ausserdem sieht es so aus, als ob sich die Ende 2014 heissgelaufene Industrieproduktion abkühlt.

«Die auf die Nachfrage bezogenen Fundamentaldaten präsentieren sich allerdings bemerkenswert stark: Die Arbeitsmarktlage verbessert sich schnell und zusammen mit niedrigeren Energiepreisen bedeutet dies, dass die Realeinkommen der Beschäftigten um mehr als 5 Prozent steigen könnten», stellt der Bericht fest. «Der Beginn der geldpolitischen Normalisierung in den USA könnte eine starke Korrektur an den Zinsmärkten bewirken, an denen Besorgnis hinsichtlich der Deflation herrscht. Sie dürfte auch dem Thema geldpolitische Divergenz wieder Schützenhilfe leisten und dazu beitragen, dass diese nicht nur in den Prognosen erwähnt, sondern Realität wird.»

Darüber hinaus sind dem Bericht zufolge einige Schwellenländer im Hinblick auf die Bewältigung dieser Herausforderungen besser aufgestellt als andere. Die Fundamentaldaten vieler asiatischer Volkswirtschaften sehen vielversprechend aus, da die Inflation zurückgeht und die Nachfrage sich (teilweise infolge der restriktiveren Fiskalpolitik) verlangsamt hat, was eine gewisse geldpolitische Lockerung ermöglicht. Verbesserte Leistungsbilanzpositionen, stärkeres Wachstum in Europa sowie eine starke handelsgewichtete Währung deuten darauf hin, dass die Region über eine gewisse Flexibilität verfügt, um auf das Anziehen der geldpolitischen Zügel durch die US-Notenbank und die Stärke des Dollar zu reagieren.

Die Abwärtsrisiken für das Wachstum in China hätten zweifellos auch Auswirkungen auf die restliche Region. Die Wachstumsprognosen der Credit Suisse für dieses Jahr (6,8 Prozent) sind bereits pessimistisch, die laufende Kampagne zur Bestechungsbekämpfung dürfte allerdings noch zusätzlich auf dem Investitions- und Konsumwachstum lasten.