Erziehung: Verdirbt Geld den Charakter?

Die Wissenschaft sagt: Finanzielle Verantwortung ist für Kinder wichtig, pro Schuljahr reicht ein Franken Sackgeld pro Woche und Shoppen macht glücklich – selbst wenn man gar nichts kauft.

Ich bereue nichts. Für ein junges Meerschweinchen bekam ich einen Franken. Für ein ausgewachsenes zwei. Es war der Bäcker des Nachbardorfs, der damals in unregelmässigen Abständen vorbeikam, mir die Tiere abkaufte und neue Abnehmer fand. Und ich wusste auch an wen – ungefähr.

Nein, ich bereue nicht, dass ich mir als Achtjähriger einen finanziellen Zustupf verdiente und lernte, wozu Fachleute heute raten: Kinder sollen, egal ob reich oder arm, erfahren, dass Geld nicht aus einer ewigen Quelle sprudelt, sondern in Zusammenhang mit Arbeit steht. Füttern, ausmisten, einige Nager verkaufen, andere sich weiter fortpflanzen lassen, einen Teil des Erlöses in Futter investieren – Gewinne erzielen. Mein Stundenlohn lag bei etwa 10 Rappen.

Bares als Wirkstoff

Wichtiger noch: So habe ich mir erstes Grundwissen über das Wirtschaften angeeignet. Zum ökonomischen Reifeprozess gehörte auch das Sackgeld, das «langfristig im Sinne einer sinnvollen pädagogischen Gelderziehung» wirken soll, wie es das Deutsche Jugendinstitut ausdrückt. Geld ist Gegenstand der Pädagogik. «Man kann darauf nicht wirklich verzichten», sagt der Zürcher Entwicklungspsychologe Moritz Daum. Andererseits birgt der Umgang mit Geld Gefahren. Da unterscheidet sich Bares aus erzieherischer Sicht nicht gross von Medikamenten und Drogen, von Fahrzeugen, von Unterhaltungselektronik oder von Küchengeräten, die bei unsachgemässer Handhabung gefährlich sein können.

Gefahr geht von seiner unmittelbaren, oft extremen Anziehungskraft aus. Als Wirkstoff ist Geld erstaunlich vielseitig: Ein Scheinchen taugt als Stimmungsaufheller. Oder es verursacht Nervosität und Hyperaktivität. Es erzeugt Neid. Aufgrund seines Verführungs- und Suchtpotenzials verdirbt der Stoff – falsch dosiert – den Charakter. Zumindest sagt man ihm das nach.

Unbezahlbare Wünsche müssen warten

Moritz Daum glaubt allerdings nicht, dass Geld «per se» den Charakter beeinträchtigt. Allerdings hält der Professor am Psychologischen Institut der Universität Zürich es für «etwas so Abstraktes», dass Kinder in jungen Jahren «kaum ein Verständnis dafür» entwickeln könnten. Er rät daher dazu, Kindern früh (aber langsam) den Umgang mit Geld zu ermöglichen: «Durch Taschengeld, für welches die Kinder die Verantwortung haben.» Sie lernen, dass Geld nicht auf der Strasse liegt und man es nicht rumliegen lässt. Dass man damit Bedürfnisse befriedigen kann – aber Wünsche warten müssen, solange sie nicht bezahlbar sind.

Sackgeld ist Lerngeld

Während Monopoly-Scheine Spielgeld sind, ist Sackgeld effektives Lerngeld, für Anfänger und Fortgeschrittene: Es zeitigt spürbare Folgen, wenn am Ende des Geldes viel Monat übrig bleibt. Laut Definition der deutschen Soziologin Christine Feil, Autorin mehrerer Bücher über die «Kommerzialisierung der Kindheit», ist Taschengeld kein Arbeitslohn, keine Entschädigung, kein Almosen, sondern eine persönliche Ressource, deren «Verwendung der elterlichen Kontrolle entzogen» ist.

«Sprechen Sie über reale Lebenskosten»

Trotzdem können Autoritäten damit erzieherisch einwirken. Denn sie bestimmen die Höhe des Taschengeldes – und anhand der Höhe lernt das Kind Werte kennen. «Sprechen Sie mit Jugendlichen über reale Lebenskosten», rät Moritz Daum deshalb, «über Miete, Autokosten, Essenskosten, Versicherungen, Steuern und über das, was sie sich schon lange wünschen, aber nicht leisten können.» Der Psychologe ist überzeugt: «Werden Jugendlichen alle Informationen über effektive Lebenskosten vorenthalten, träumen sie vom Leben im Hotel, von Managerlöhnen und Lottogewinnen und orientieren sich an den eigenen Konsumwünschen, fernab von jeder Realität.»

Vier Franken pro Woche in der vierten Klasse

Wie viel von der realitätsechten Übungsressource ein Kind braucht, ist orts- und kulturabhängig. Als Faustregel empfiehlt die Budgetberatung Schweiz pro Schuljahr wöchentlich einen Franken, also zum Beispiel vier Franken in der vierten Klasse. Danach sollte das Geld monatlich ausbezahlt werden, der Betrag wächst bis zum elften Schuljahr auf 50 bis 80 Franken.

Sei das Kind selbst für Anschaffungen verantwortlich, überlege es sich den Kauf teurer Markenartikel, sagt Daum. Wer Verantwortung trage, lerne Sorgfalt: «Das Velo wird besser behandelt, Bücher gehen weniger verloren, das Handy funktioniert länger, das Snowboard ist eine Occasion, oder ein Sandwich von zu Hause wird wieder geschätzt.»

Jugendlohn ist mehr als Sackgeld

Diesem Konzept entspricht die zurzeit oft diskutierte Idee vom Jugendlohn. Der Familientherapeut Urs Abt entwickelte dieses Erziehungsmodell bereits in den 1970er Jahren. Viele Schuldenpräventionsstellen empfehlen es. Jugendlohn ist mehr als Sackgeld. Ab dem 12. Lebensjahr etwa soll das Kind monatlich einen fixen Betrag zur eigenen Verwaltung bekommen und damit einen Teil seiner Lebenskosten finanzieren: Kleider, Coiffeur, Velo, Handy, Sport. Dem Taschengeld entspricht in diesem Konzept ein zusätzlicher «Freibetrag für Konsumwünsche».

Shoppen macht glücklich

Dieser ermöglicht zum Beispiel das gemeinsame Shoppen – ein sozialer Event, der erwiesenermassen glücklich macht, wie Neurowissenschafter bestätigen. Allerdings schüttet das Gehirn vor allem in der Vorfreude auf den Erwerb Glückshormone aus. Forscher der britischen Brunel University haben ermittelt, dass allein schon beim «Window-Shopping» (beim stundenlangen Fast-Kaufen) Dopamine ausgeschüttet werden – Glückshormone. So beeinflusst die Geldmenge zwar die Kaufmöglichkeiten – aber nicht zwingend das Glück.

Disziplin lässt sich trainieren

Nun wissen wir seit Paracelsus, dass die Menge das Gift macht. Beim Psychopharmakon Geld ist die Sache verworrener. Es sei wichtig, Tricks in Routinen umzuwandeln, sagt der österreichische Volkswirt Matthias Sutter. Im Rahmen seiner «experimentellen Wirtschaftsforschung» konnte er den langfristigen Nutzen erzieherischer Massnahmen bestätigen: Studenten, die einige Monate lang ein Haushaltsbuch führten, gaben weniger Geld aus als andere. Sie sparten selbst dann noch, als sie längst nicht mehr Buch führten. Disziplin, schliesst Sutter daraus, lässt sich trainieren.

Sie ist letztlich der Faktor, der entscheidet, ob Geld den Charakter verdirbt oder nicht – unabhängig vom Vermögen der Eltern. «Auch beim reichen Kind ist entscheidend, dass es den Bezug zur Realität bewahrt», sagt Entwicklungspsychologe Daum. Gelingt ihm das, verdirbt es nicht.

Armut ist schädlicher als Reichtum

Ob viel Geld für Kinder grundsätzlich gut ist oder nicht, lässt sich nicht ergründen. Sparen können auch Begüterte. Empirisch belegt ist aber, dass Armut dem Menschen häufiger schadet als Reichtum. Eine US-Studie ermittelte 2012, dass ein tiefes Einkommen der Eltern von Kleinkindern in Zusammenhang steht mit ihrer späteren Gesundheit: Als junge Erwachsene entwickelten sie häufiger Bluthochdruck und Arthrosen. Untersuchungen ermittelten Defizite in der kognitiven Entwicklung – als Folge von Kinderarmut. Sozial stark benachteiligte Kinder, sagt der Zürcher Psychologe Daum, hätten oft einen substanziell kleineren Wortschatz.

In einer Langzeitstudie an 2300 Frauen zeigte sich, dass die ärmsten Mütter mit der grössten Wahrscheinlichkeit von Symptomen einer Angststörung betroffen waren – sie sorgten sich, litten an Schlafstörungen und Ruhelosigkeit. Die Studienleiterin Judith Baer, Psychiaterin an der Rutgers University in New Jersey, hält diese Angststörungen für einen «Reflex auf die schlechten Lebensverhältnisse».

Nachteilig könne auch einfach sein, vermutet Daum, wenn sich die Gedanken der Eltern stark darum drehten, woher man Tag für Tag das Geld nähme: «Insofern kann Armut die Aufmerksamkeit für die Kinder vermindern. Ausserdem können sich die Sorgen der Eltern auf die Kinder übertragen.»

Reichtum kann Träume untergraben

Kann sich genauso ein reiches Elternhaus nachteilig auswirken? «Armut ist besser untersucht als Reichtum», sagt Daum. Aber natürlich gebe es den (selteneren) Gegeneffekt, dass Masslosigkeit im superreichen Elternhaus das Kind verderbe. Das Bewusstsein, alles zu besitzen, kann Träume untergraben. Vereinfacht gesagt: Wer alles hat, hört auf, für den Erfolg zu arbeiten. «Doch gerade diese Erfahrung, ein Arbeiter unter Arbeitern zu sein», sagt Daum, «braucht auch das privilegierte Kind – es sehnt sich danach.»

13-Jähriger mit Schulden

Der florierende Meerschweinchenhandel hat mich damals nicht reich gemacht. Und ab 13 häufte ich Schulden an – ich wollte am sozialen Leben teilnehmen. Aber offenbar ahnte ich, dass auch Schulden nicht grundsätzlich etwas Schlimmes sind – sie kurbeln schliesslich die Konjunktur an. Ich machte mir also keine zu grossen Sorgen, übertrieb es aber auch nicht.

Der Handel mit Kleingetier hatte mich gelehrt, dass sich mit seriöser Arbeit Geld verdienen lässt. Aber: Meine finanzielle Früherziehung gereichte den kleinen Kreaturen nicht unbedingt zum Wohl. Der Bäcker aus dem Nachbardorf hat meine Zuchttiere an die Pharmaindustrie verkauft, die Meerschweinchen endeten in Testlaboren.

Immerhin – so sehe ich das – hat mich meine frühkindliche Herzlosigkeit zu einem verantwortungsvollen Kapitalisten gemacht. 

Urs Willmann ist Wissenschaftsjournalist bei der «Zeit».