Wirtschaftliche Normalisierung vs. politische Polarisierung
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Wirtschaftliche Normalisierung vs. politische Polarisierung

Die Weltwirtschaft scheint einen soliden Start in das Jahr 2017 zu geniessen. Konjunkturumfragen wie die Einkaufsmanagerindizes (PMIs) lassen erkennen, dass die Dynamik in fast allen grossen Volkswirtschaften zum Jahresende 2016 zugenommen hat.

Weiterhin niedrige Zinsen, stabile Rohstoffpreise sowie ein allgemein stärkerer US-Dollar dürften vielen Ländern in den nächsten Monaten erneut Rückenwind verschaffen. Dennoch bleibt die Wirtschaftspolitik der neuen US-Regierung ungewiss, und auch wenn einige Aspekte (wie die Pläne für finanzpolitische Stimulationsmassnahmen) den globalen Ausblick potenziell weiter verbessern können, steigern andere – beispielsweise die protektionistischen Neigungen – die Abwärtsrisiken für das globale Wachstum.

Globales Wachstum durch eine Reihe positiver Faktoren unterstützt

  • In den USA, wo die Konjunktur bereits sehr nahe an der Vollbeschäftigung ist, dürften das hohe Konsumentenvertrauen, die guten Arbeitsmärkte und die Aussicht auf Steuersenkungen in den kommenden Quartalen die Konsumausgaben gut unterstützen. Zudem dürften die Investitionsausgaben der Unternehmen zunehmen.
  • In der Eurozone dürfte die zum Jahresende 2016 erlebte Beschleunigung der Wirtschaftsaktivität weiterhin anhalten, da niedrige Zinssätze, ein schwacher Euro und eine langsam sinkende Arbeitslosigkeit die Grundlage für eine zunehmend umfassendere und sich selbst tragende Erholung in vielen Ländern bilden.
  • Die britische Wirtschaft sieht sich einer schwierigeren Zukunft gegenüber, da einige negative Auswirkungen der Entscheidung zum Austritt aus der EU langsam den Arbeitsmarkt zu erreichen scheinen, was sich etwas verzögert auch auf den Privatkonsum auswirken dürfte.
  • Japan scheint unter anderem vom schwächeren Yen und der Stabilisierung in China zu profitieren, und wir gehen davon aus, dass das Wachstum weiterhin das Potenzial übersteigen und weitgehend wie im letzten Jahr bleiben wird.

Sinkende Energiepreise heben Inflation nur langsam an

Die Basiseffekte aus Erdölpreisen sind bereits positiv, dürften jedoch im ersten Quartal 2017 ihren Höhepunkt überschreiten. Das Diagramm weist ausserdem darauf hin, dass die Basiseffekte aus Energiepreisen selbst nach ihrem Spitzenwert im ersten Quartal für den Grossteil des Jahres positiv bleiben dürften. In den meisten Industrieländern erreicht die Gesamtinflation daher wahrscheinlich ihren Höhepunkt Anfang 2017 und übersteigt die Kerninflationsrate, bevor sie dann im späteren Jahresverlauf sinkt und wieder näher an den Kernraten liegt.

Die Kerninflation dagegen dürfte in Japan und der Eurozone nur langsam steigen. Das bedeutet, dass die Ziele bezüglich der Gesamtinflation von sowohl der Bank of Japan (BoJ) als auch der Europäischen Zentralbank (EZB) in absehbarer Zukunft nicht erreicht werden.

In den USA liegt die Kerninflation bereits über 2 Prozent und dürfte noch steigen, wenn sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch weiter anspannt. Im Vereinigten Königreich treibt die starke Abwertung des britischen Pfunds nach der Brexit-Abstimmung die Kerninflation wahrscheinlich noch weiter nach oben. In Anbetracht dieser Trends bei der Kerninflation dürfte die Gesamtinflation in beiden Volkswirtschaften nach der Überschreitung des Höhepunkts im ersten Quartal wieder zu einer allmählichen Aufwärtsbewegung zurückkehren.

Geldpolitik: grösstenteils in Wartestellung aufgrund der Zinsanhebung der US-Notenbank

Die Unterschiede in den Inflationsaussichten widerspiegeln sich ebenfalls in Unterschieden in den geldpolitischen Aussichten. Die US Federal Reserve (Fed) hat bereits im Dezember 2016 angedeutet, dass sie eine Straffung der Geldpolitik von 75 Basispunkten bis Ende 2017 für ein angemessenes Vorgehen hält. Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen wiederholte diese Einschätzung in ihren letzten Reden, in denen sie auch eine positivere Einschätzung zum Arbeitsmarkt erkennen liess. Wir stimmen der Einschätzung zu, dass eine Anspannung auf dem Arbeitsmarkt, eine nahe am Ziel liegende Inflation und die Aussicht auf erhebliche finanzpolitische Stimulationsmassnahmen eine Anhebung der Leitzinsen rechtfertigen. Dennoch bleiben wir angesichts der Ungewissheiten bezüglich der zukünftigen US-amerikanischen Wirtschaftspolitik vorsichtig, da die protektionistische Haltung ein Abwärtsrisiko für die Wirtschaft darstellt.

Steigende US-Zinsen sind in der Regel gute Nachrichten für die meisten anderen wichtigen Zentralbanken, da sie normalerweise zu einer Schwächung der jeweiligen Währungen gegenüber dem US-Dollar führen, ohne dass die anderen Zentralbanken noch expansivere Massnahmen ergreifen müssen, um ein ähnliches Ziel zu erreichen.

  • Wir gehen davon aus, dass die EZB und die BoJ ihre Geldpolitik im Jahresverlauf grösstenteils unverändert lassen.
  • Hinsichtlich der Haltung der Bank of England (BoE) herrscht eine relativ hohe Unsicherheit. Momentan sind die Konjunkturdaten weiterhin robust, und die Inflation wird das Ziel der BoE übertreffen. Die Frage ist, ob diese Trends so bestehen bleiben.
  • In den Schwellenländern müssen die meisten Zentralbanken ihre Aufmerksamkeit wahrscheinlich vor allem auf Währungstrends richten. Das gilt insbesondere für Länder mit schwächeren Fundamentaldaten wie Mexiko, die Türkei oder Südafrika. Andere Zentralbanken lockern ihren geldpolitischen Kurs möglicherweise weiter, wie beispielsweise in Brasilien oder Russland. In China wird das Hauptaugenmerk auf der anhaltenden Stabilisierung des Renminbi bleiben.

Schwellenländer: zwischen USD-Stärke, besserem globalem Wachstum und protektionistischen Risiken

Der Ausblick für die grossen Schwellenländer ist allgemein relativ positiv, angesichts der Heterogenität innerhalb dieser Gruppe gibt es jedoch Ausnahmen.

  • China wird seine beherrschte Konjunkturabkühlung vermutlich weiterführen, wobei die Daten aus dem vierten Quartal 2016 ein weiteres Quartal erfolgreicher Stabilisierung des BIP-Wachstums zeigen. Da diese Stabilisierung vor allem mithilfe einer erheblichen Steigerung öffentlicher Investitionsausgaben erreicht wurde, bleibt das Risiko bestehen, dass sich das Wachstum im Jahresverlauf noch weiter wesentlich verlangsamen wird.
  • In Indien wirkte sich die Geldentwertung im November 2016 bedeutend auf die Wirtschaft aus. Diese negative Auswirkung dürfte sich als vorübergehend erweisen, und wir gehen davon aus, dass sich die Wirtschaft schnell erholen wird.
  • Russland scheint die Rezession am Jahresende 2016 abgeschüttelt zu haben, wobei die Stabilisierung der Rohstoffpreise ein Hauptfaktor war. Der neue US-Präsident Donald Trump hat die Möglichkeit der Aufhebung westlicher Sanktionen gegen das Land bereits angedeutet, was ein weiterer kurzfristiger Rückenwind für die russische Wirtschaft sein könnte.
  • Die Rezession in Brasilien scheint länger anzuhalten als erwartet. Die Wachstumsschätzungen für 2017 sind in den vergangenen Monaten bereits stark gesunken (unsere Prognose liegt bei nur 0,5 Prozent im Vorjahresvergleich), aber die Risiken sind immer noch abwärts gerichtet. Da die Inflation relativ schnell sinkt und die Regierung weiter wichtige Reformen umsetzen dürfte, wird die brasilianische Zentralbank die Leitzinsen in diesem Jahr sehr wahrscheinlich relativ stark senken.
  • Mexiko ist von der Änderung in der US-Politik und dem Risiko einer wesentlich stärker protektionistischen Haltung seines nördlichen Nachbarn stark betroffen. Während die starke Abwertung des mexikanischen Peso bereits zum Anstieg der Inflation beigetragen hat, dürfte die deutliche Erhöhung der Energiepreise zu Jahresbeginn die Inflation sogar noch höher treiben. Unserer Ansicht nach wird die mexikanische Zentralbank daher keine Alternative zur weiteren Anhebung der Leitzinsen haben.