E-Bikes – eine lautlose Revolution auf der Strasse

Leise wie sie sind, haben E-Bikes die Strassen der Welt erobert. Neue schöne Modelle sprechen immer mehr Geschäftsleute und Berufstätige an. Wir wollen die Gründe für diesen Marktboom beleuchten.

In vielen Städten Europas zeigt sich ein Trend weg vom Auto hin zum Fahrradfahren. «Etwa 80 Prozent der europäischen Bevölkerung werden bald in Städten leben. Um verstopfte Städte zu vermeiden, werden zukunftsgerichtete Mobilitätslösungen von zentraler Bedeutung sein. Zu diesen Lösungen gehören auch die E-Bikes», sagt Robert Ruttmann, Gründer des in Zürich ansässigen Unternehmens Urban Connect. Das Start-up-Unternehmen bietet einen gebündelten One-Stop-Service für Unternehmen, der zum Beispiel das Leasing, die Versicherung und regelmässige Wartung eines Pools von E-Bikes umfasst. Zwar ist der Anteil der Strecke, die täglich mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, von Land zu Land unterschiedlich, doch wird in Westeuropa für 5 bis 10 Prozent aller Fahrten das Fahrrad benutzt. Doch es ist durchaus möglich, dass sich diese Situation in den kommenden Jahren ändert, da von staatlicher Seite verstärkt Strategien zugunsten des Fahrrads umgesetzt und Fahrradfahrer stärker in der Strasseninfrastruktur berücksichtigt werden – und infolge der boomenden Nachfrage nach stromangetriebenen Fahrrädern auch die E-Bikes. «Doch nicht nur neue Technologien, sondern auch ökonomische und ökologische Marktkräfte prägen das weltweite Umfeld für E-Bikes», sagt Ryan Citron, Research-Mitarbeiter bei Navigant Research.

Marktmotor

Auf jedes neue Auto, das jedes Jahr in der Europäischen Union (EU) verkauft wird, kommen fast zwei verkaufte Fahrräder. E-Bikes machen einen grossen Teil dieser starken Nachfrage aus und können als «Marktmotor» bezeichnet werden», schreibt Bike Europe. Laut dem europäischen Industrieverband der Fahrrad- und Teilehersteller (Coliped, siehe Abb. 1) hat sich die Zahl der verkauften E-Bikes zwischen 2006 und 2013 fast verzehnfacht und ist auf über 907'000 gestiegen. Aber warum stürzen sich Verbraucher auf dem ganzen Kontinent auf E-Bikes, die wie traditionelle Fahrräder gebaut, aber zusätzlich noch mit einem Motor und einer kleinen aufladbaren Batterie ausgestattet sind?

Schneller und weitere Strecken fahren

E-Bike-Fahrer werden Ihnen zahlreiche Gründe nennen, die dafür sprechen, auf ein Fahrrad mit Motorantrieb umzusteigen. Ein Grund ist, dass das Bergauffahren erträglicher wird. Wo es viele Steigungen gibt, macht dies für den durchschnittlichen Fahrradfahrer einen grossen Unterschied. Die meisten Nutzer werden auch antworten, dass im Durchschnitt höhere Geschwindigkeiten erreicht werden, trotzdem aber noch Fahrradwege genutzt werden können und der Weg nicht mit Autofahrern geteilt werden muss. Mit einem E-Bike können in der Regel Geschwindigkeiten zwischen 15 und 30 Kilometern in der Stunde und in manchen Fällen sogar bis zu 45 Kilometern in der Stunde erreicht werden. Darum legt man in einer verstopften Grossstadt in der Hauptverkehrszeit eine Fahrt von Tür zu Tür mit dem E-Bike häufig schneller zurück als mit dem Auto. Die Hilfe, die das E-Bike leistet, ermöglicht auch längere Fahrten, von denen man früher dachte, dass sie nur mit anderen Beförderungsmitteln zu bewältigen sind. E-Bike-Fahrer legen im Durchschnitt Strecken von 6,3 Kilometern zurück, Fahrer konventioneller Fahrräder dagegen 3,6 Kilometer.

Billiger und umweltfreundlich fahren

Aus wirtschaftlicher Sicht sind die Betriebskosten gering. Die Anschaffungskosten sind zugegebenermassen zwar höher als bei einem konventionellen Fahrrad, der mechanische Verschleiss ist aber ähnlich und die Kosten der Batterieaufladung sind nicht der Rede wert. Den Grossteil der Betriebskosten machen potenzielle Reparaturen des Fahrradmotors und der Wertverlust der Batterie aus. Die Lithium-Ionen-Batterie eines E-Bike hat eine Lebensdauer von ungefähr 1000 Aufladungen. Ein weiterer nicht zu übersehender Kostenpunkt besteht darin, dass E-Bikes aus regulatorischer Sicht trotz ihres Motors immer noch Fahrräder sind – es gibt also weder Führerschein noch Fahrzeugversicherung noch Steuern! Zudem ist Fahrradfahren mit einem ökologischen Aspekt verbunden: Es werden so gut wie keine CO2-Emissionen produziert. (Siehe Abb. 2) «E-Bikes sind aber nicht nur schnell, sauber und gut für die Gesundheit. Der Lärmaspekt ist ein weiterer positiver Faktor», so Ruttmann.

Westliche Autohersteller zeigen Interesse

Der weitaus grösste Teil der heute produzierten E-Bikes kommt aus China. Auch Japan, Taiwan und Vietnam gehören zu den Lieferanten. Und auch in der Schweiz mit ihren zahlreichen anspruchsvollen Steigungen wurden einige bekannte Modelle wie Stromer, Swiss Flyer, TDS und Smike konzipiert. «Angesichts des rapiden Anstiegs der Nachfrage nach E-Bikes werden zurzeit mehr nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltete E-Bike-Modelle entwickelt. Diese sind für junge karrierebewusste Menschen in Grossstädten interessant», sagt Ruttmann. Es ist interessant festzustellen, dass die meisten westlichen Autohersteller in den vergangenen zehn Jahren ein gewisses Interesse am E-Bike-Markt gezeigt haben. Audi, BMW, Ford, Honda, Lexus, Mercedes und Porsche, um nur ein paar wenige zu nennen, haben hochwertige Prototypen entwickelt. Trotzdem ist das Segment für die Branche weitgehend unbedeutend geblieben, und die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Wachstums ist gering.

E-Bike-Markt im Aufwind

«Da sich die Innovationen im Bereich der Zweirad-Fortbewegung mit Motorantrieb beschleunigen, wird davon ausgegangen, dass der E-Bike-Markt wachsen wird», sagt Navigant Research. Prognosen des Marktforschungsunternehmens zufolge wird der weltweite Umsatz mit E-Bikes bis 2023 jährlich auf über 360 Millionen steigen (siehe Abb. 3). Der grösste Markt der Welt ist natürlich China, wo 2013 32 Millionen E-Bikes verkauft wurden. Auf Chinas Strassen sind zurzeit mehr Elektrofahrräder als Autos unterwegs: Die Zahl der E-Bikes, die momentan im Verkehr sind, wird auf insgesamt 200 Millionen geschätzt. Im Vergleich dazu hinkt der Rest der Welt in absoluten Zahlen weit hinterher, doch als Anteil am gesamten Fahrradumsatz betrachtet sind die E-Bike-Umsätze am Wachsen. In den Niederlanden und in Belgien sind fast ein Fünftel aller verkauften Fahrräder E-Bikes und in Deutschland, Österreich, Luxemburg und Grossbritannien sind es ein Zehntel. In Japan ist die Zahl der verkauften E-Bikes 2011 nach dem Erdbeben und Tsunami, als der Zug- und U-Bahnverkehr zum Erliegen gekommen und die Strassen im Raum Tokio unbefahrbar waren, rapide gestiegen. Auch die alternde Bevölkerung im Land und billige Preise sorgen für mehr Käufer. «Manchmal zahlt man für ein neues E-Bike genauso wenig wie für ein Parkticket oder einen Strafzettel», meint Bike Taiwan. Einen grossen Markt gibt es allerdings, auf dem der E-Bike-Trend sich noch nicht durchgesetzt hat: die USA. New York zum Beispiel hat aus Sicherheitsgründen ein komplettes Verbot verhängt. Bei einem Verstoss drohen theoretisch sogar Strafen von bis zu 1'000 US-Dollar, in der Realität aber scheint es, als ob das seit 2004 bestehende Verbot in weiten Teilen nicht durchgesetzt wird.