Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft befeuert Auslandsexpansionen
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Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft befeuert Auslandsexpansionen

Die «Go-Global»-Strategie steigert den Einfluss Chinas auf Unternehmen in aller Welt. Chinesische Firmen haben in diesem Jahr USD 128,3 Milliarden für Zukäufe ausgegeben. Dies ist ein Anstieg von 185 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Es ist ein alter chinesischer Glaube, dass in jeder Krise eine Chance steckt. Heute erhält dieser Glaube eine vollkommen neue Bedeutung für viele chinesische Unternehmen. Diese betreiben im Westen einen aggressiven Expansionskurs. So können sie den Auswirkungen des schwachen Binnenmarkts entgehen und zudem neue staatliche Anreize im Rahmen der «Go-Global»-Strategie nutzen.

«Go-Global»-Strategie

Im Jahr 2015 erreichten die Investitionen chinesischer Firmen in den USA und Europa ein Rekordniveau. Dem Nachrichtendienst Bloomberg zufolge haben chinesische Unternehmen in diesem Jahr USD 128,3 Milliarden für Zukäufe ausgegeben. Das entspricht einem Anstieg von 185 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Gemäss einer breit angelegten Erhebung des Finanzdatenanbieters Dealogic zur globalen M&A-Aktivität gingen 30 Prozent des gesamten M&A-Volumens von USD 4,2 Billionen auf das Konto asiatischer Gesellschaften. In den Jahren zuvor lag dieser Anteil noch zwischen 10 und 15 Prozent. Diese neue «Go-Global»-Strategie wirkt sich auf fast alle wichtigen Branchen aus – von Chemie über Luftfahrt, Versicherungen und Technologie bis hin zu Immobilien.

Analysten sind der Meinung, dass viele chinesische Betriebe aufgrund sinkender Gewinnmargen am Heimatmarkt, hauptsächlich aufgrund der chinesischen Konjunkturabschwächung, zur Expansion ins Ausland gezwungen sind. Gleichzeitig entwickelt sich China zu einer konsumgestützten Wirtschaft. Daher sind viele chinesische Firmen stark an Übernahmen interessiert, durch die sie auf neue Technologien, bekannte Marken und Produktionsprozesse zugreifen und diese für sich nutzen können.

Die chinesische Regierung schafft zudem Anreize, um die Expansionsbereitschaft zusätzlich zu fördern. Zu Beginn dieses Jahres präsentierte sie ihr Programm «Made in China 2025». Das Konzept basiert auf einer umfassenden Aufrüstung der chinesischen Industrie mit einer Fokussierung auf den Technologie-Sektor. Die strategische Ausrichtung sieht jedoch auch vor, dass chinesische Hersteller ihre globalen Marken ausbauen und in der internationalen Wertschöpfungskette im verarbeitenden Gewerbe nach oben klettern.

Übernahmen vor der eigenen Haustür

Die dadurch ausgelöste Übernahmewelle ist enorm weitreichend, und in einigen Fällen sogar vor der eigenen Haustür zu beobachten. Beispielsweise im Fall des USD 41,6 Milliarden schweren Übernahmeangebots der China National Chemical Corporation für den Schweizer Pestizidhersteller Syngenta AG. Ein Deal mit Syngenta würde China eine führende Position in der globalen Agrarindustrie verschaffen. Diese wird angesichts der steigenden Lebensmittelimporte immer wichtiger für das Land. Kommt der Deal zustande, wäre dies die bislang grösste Übernahme durch ein chinesisches Unternehmen.

Im November genehmigte die Europäische Union überdies die Übernahme von Swissport International, einem der grössten Anbieter von Bodenabfertigungsdiensten für europäische und globale Fluggesellschaften, durch Chinas viertgrösste Airline, die HNA Group, für USD 2,7 Milliarden. Swissport hat seinen Firmensitz in Opfikon.

Asiatische Versicherer richten den Blick stärker auf das Ausland

Anfang des Jahres kündigte die vom chinesischen Milliardär Guo Guangchang geführte Beteiligungsgesellschaft Fosun International Ltd. an, den auf den Bermudas ansässigen Versicherer Ironshore Inc. für USD 1,84 Milliarden zu übernehmen.

«Asiatische Versicherer richten ihren Blick definitiv stärker auf das Ausland, als dies früher der Fall war. Dennoch konzentrieren sich die meisten von ihnen weiterhin auf ihren Heimatmarkt, in dem noch viel Wachstumspotenzial steckt», so Arjan van Veen, Leiter Asian Insurance Equities Research. «Wir erwarten, dass diese Entwicklung auch künftig nur von wenigen Unternehmen in kleinen Schritten vorangetrieben wird. Es dürfte jedoch zu mehr Aktivitäten als in der Vergangenheit kommen.»

Immobilien profitieren von der chinesischen Expansion

Auch Gewerbe- und Wohnimmobilien, insbesondere in den USA, wo es viele chinesische Einwanderer gibt, profitieren von der chinesischen Expansion. Schätzungen des Immobilienmaklers JLL zufolge werden chinesische Unternehmen dieses Jahr mehr als USD 5 Milliarden für Investitionen in ausländische Hotels ausgeben. Im vergangenen Jahr sowie 2012 war diese Summe mit USD 920 Millionen beziehungsweise USD 130 Millionen noch deutlich niedriger.

Laut Immobilienmaklern und -analysten sehen chinesische Unternehmen Luxushotels, insbesondere in globalen Hauptstadtmetropolen, als langfristige Anlagen, die im derzeitigen Niedrigzinsumfeld konstante Renditen abwerfen. Einige sagen, dass der Erwerb einer solchen Immobilie für manche Käufer auch eine Frage des Prestiges sei. China Vanke Co. Ltd., einer der grössten Wohnimmobilienentwickler auf dem chinesischen Festland, hat bereits acht Immobilienprojekte in den USA umgesetzt. Darunter ein 61-stöckiges Wohnhochhaus in Manhattan. Und die in Schanghai ansässige Greenland Group investiert USD 5 Milliarden in ein Gemeinschaftsprojekt zum Bau von Wohnimmobilien in der Nähe des neuen Sportstadions Barclays Center im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Auch viele chinesische Versicherungsgesellschaften haben sich in den letzten Jahren auf die Übernahme von Hotels auf der ganzen Welt konzentriert. Dabei sind Luxushotels in New York besonders gefragt.

So übernahm Anbang im vergangenen Oktober das bekannte New Yorker Luxushotel Waldorf Astoria für USD 1,95 Milliarden, und im Februar zahlte die chinesische Sunshine Insurance Group USD 230 Millionen für Baccarat Hotel & Residences in Midtown Manhattan. Das entspricht einem Preis von USD 2 Millionen pro Zimmer.

Viele Analysten gehen davon aus, dass dieser Kaufrausch anhalten wird. Grund für diese Annahme ist die Tatsache, dass die chinesische Regierung jüngst die zuvor strengen Regeln für Unternehmensinvestitionen im Ausland gelockert hat. Chinesische Unternehmen können nun bis zu USD 1 Milliarde ohne staatliche Genehmigung investieren. Vor den Änderungen im letzten Jahr lag diese Grenze noch bei USD 100 Millionen.