Der Traum von der Ewigen Jugend
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Der Traum von der Ewigen Jugend

Im Silicon Valley wollen immer mehr Wissenschafter, Unternehmer und Investoren das Alter heilen. Extreme Langlebigkeitsoptimisten wollen den Tod sogar ganz abschaffen.

Hier, mitten im Silicon Valley, tüfteln Forscher an einem Menschheitstraum: dem Altern ein Schnippchen zu schlagen. Wir befinden uns in einem unscheinbaren grauen Flachbau in San Bruno, eingeklemmt zwischen dem achtspurigen Highway 101 und einer bei warmem Wetter übel riechenden Recycling-Anlage. Bei Alkahest, einem vor drei Jahren gegründeten Start-up, wird mit Blutplasma junger Spender experimentiert, dank dem – so die Hoffnung – das Gehirn von Alzheimerkranken regenerieren könnte.

Alkahest basiert auf der spektakulären Arbeit von Tony Wyss-Coray, einem der Mitbegründer der Firma. Der Schweizer Neurologieprofessor steht dem wissenschaftlichen Beirat von Alkahest vor, ausserdem lehrt und forscht er an der nahen Stanford University. Das Team um Wyss-Coray machte zuletzt im April 2017 Schlagzeilen: In «Nature» veröffentlichte, zuvor eineinhalb Jahre lang von Gutachtern des renommierten Wissenschaftsmagazins geprüfte Forschungsergebnisse zeigten erstmals, dass Substanzen aus dem Blut junger Menschen die Gehirnfunktion in alten Mäusen verbessern können.

Ob das auch bei greisen Menschen helfen könnte, versuchen Alkahest-Wissenschafter herauszufinden. In ihrem Labor in San Bruno durchforsten sie über 10'000 Proteine in Blutplasma – auf der Suche nach der richtigen Kombination aus Verjüngungssubstanzen für mögliche Behandlungen von Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen. Das Start-up ist noch Jahre von der Markteinführung eines ersten Produkts entfernt. Sein langfristiges Ziel sind individuelle Moleküle, welche die verjüngenden Effekte im Blut auslösen, und andere, welche die schädlichen Effekte im alten Plasma blockieren. Sie sollen das Einsetzen von Alterskrankheiten wie Alzheimer hinauszögern und die Krankheitsphase drastisch verkürzen.

«Unser Ziel ist nicht das ewige Leben», sagt Alkahest-Mitbegründer Joe McCracken in seinem aufgeräumten Büro mit Blick auf den Zaun der Recycling- Anlage. Der 64-Jährige arbeitete jahrzehntelang bei grossen Pharmafirmen wie Genentech, Roche und Aventis. Jetzt leitet er bei dem Start-up das Business Development. «Wir möchten entweder die gesunde Lebensdauer ausdehnen oder einige der altersbedingten Krankheiten eliminieren, die zum Tod führen.»

Theoretisch ist es möglich, das Altern zu stoppen, zu verlangsamen oder rückgängig zu machen – ob es durchführbar ist, ist eine andere Frage.

Tony Wyss-Coray

Das Alter besiegen – die Idee mag anderswo als leicht grössenwahnsinnige Utopie abgetan werden, im Silicon Valley nimmt man sie ernst. Immer mehr Neugründungen suchen nach Wegen, mit denen der Alterungsprozess gesteuert und hinausgezögert werden kann, Technologiemilliardäre und Risikokapitalgeber investie­­­­­ren immer mehr Geld, und nirgendwo sonst in Amerika befassen sich so viele Wissenschafter mit dem Thema Altersforschung wie im Technologietal am Pazifik.

«Den meisten geht es sowohl um Eigeninteresse und neue Märkte als auch um Weltverbesserung», sagt Robert Nelsen. Der Mitbegründer von Arch Venture Partners ist einer der erfolgreichsten Risikokapitalgeber im Biotechsektor, investiert in viele Anti-Alters-Start-ups und konsumiert täglich eine ganze Reihe Pharmazeutika und Nahrungsergänzungsmittel, die womöglich verjüngend wirken. Wissenschaftlich gestützt ist das nicht, sagt Nelsen selbst, aber er fühlt sich trotzdem besser.

Reparaturset für den Körper

Nelsens bisher umfangreichste Investition im Verjüngungsbereich ging an Unity Biotechnology.

Das Start-up aus der südlich von San Francisco gelegenen Kleinstadt Brisbane gehört wie auch die Google- Schwester Calico zu den grössten Anti-Aging-Hoffnungsträgern im Silicon Valley. Es tüftelt an Therapeutika zur selektiven Entfernung sogenannter seneszenter Zellen und damit an einer Art Reparaturset für den menschlichen Körper. Diese Zellen verlieren mit zunehmendem Alter ihre Funktionsfähigkeit, werden nicht mehr vom Immunsystem beseitigt und akkumulieren sich im Körper, was Entzündungsreaktionen fördert. Zu den Folgen gehören typische Alterserkrankungen wie Diabetes, Niereninsuffizienz oder Krebs. Bei Studien an Mäusen konnten die negativen Auswirkungen von Altersleiden mit der Beseitigung dieser Zellen deutlich gesenkt und die Lebensdauer um ein Viertel erhöht werden.

Unity hat in Tiermodellen gezeigt, dass mit der Beseitigung seneszenter Zellen Krankheiten wie Osteoarthritis, Arteriosklerose sowie Augen- und Nierenerkrankungen rückgängig gemacht oder verhindert werden und die Lebensdauer der Versuchstiere sogar um 35 Prozent erhöht werden kann. Die klinischen Studien sollen Mitte 2018 starten, ein erstes marktreifes Produkt wird frühestens in sieben Jahren erwartet. «Wir glauben, dass unsere Medikamente ein Drittel der Krankheiten beseitigen können, an denen Menschen in der entwickelten Welt leiden», zitiert das Magazin «The New Yorker» den hoffnungsfrohen Unity-Mitbegründer Ned David. Der Biochemiker ist ein sogenannter Healthspanner – er strebt wie fast alle Altersforscher eine Verlängerung der gesunden Lebenszeit an.

Die Unity-Forscher suchen – noch – nicht nach einem Allheilmittel gegen das Altern, sondern nach Verfahren gegen anerkannte Altersleiden, mit denen eine vom Verfall betroffene Körperstelle nach der anderen behandelt werden kann. Das Start-up hat bisher 154 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt. Zu ihnen gehören unter anderem Amazon-Chef Jeff Bezos sowie PayPal-Gründer und Facebook-Investor Peter Thiel.

Thiel gehört zu den aktivsten Langlebigkeitsoptimisten. Er finanziert Wissenschaftler und Start-ups und unterstützt mit Millionensummen Organisationen wie die Methuselah Foundation, eine Stiftung, die vor allem Bestrebungen in den Bereichen Gewebezüchtungen und Therapien für regenerative Medizin fördert, sowie die Anti-Aging-Stiftung Sens Research Foundation. Während Leute wie Thiel von der Lebensverlängerung bis hin zur Unsterblichkeit träumen, propagiert etwa Googles Chef-Futurist Ray Kurzweil den Transhumanismus – die Verschmelzung von Menschen mit Maschinen und künstlicher Intelligenz. Die Extremisten heissen in der Szene «Immortalists».

«Wenn wir den Leuten Unsterblichkeit ermöglichen könnten, sollten wir es unbedingt tun», sagt Thiel, der Wachstumshormone schluckt und die Steinzeitdiät befolgt, um sein Wunschalter von 120 Jahren zu erreichen. Technologen wie er betrachten Errungenschaften der IT-Branche wie Chips, Software, Algorithmen und Big Data als Werkzeuge, um den menschlichen Körper zu verstehen und zu verbessern.

So verfolgt eine Reihe von Start-ups einen Big-Data-Ansatz, also die Verknüpfung und Analyse riesiger Datenmengen, in der Hoffnung, Erkenntnisse für die Entwicklung von Therapien gegen Alterskrankheiten zu gewinnen. Die Bio-Informatikerin Kristen Fortney zum Beispiel gründete vor zwei Jahren BioAge, diesen Sommer sammelte sie bereits knapp 11 Millionen Dollar von Investoren wie der prominenten Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz ein.

Das in Berkeley ansässige Start-up koppelt Genomik- und andere biomedizinische Daten mit Maschinenlernen, um zu messen, wie Menschen altern, und um die Arzneimittelentwicklung zu beschleunigen. «Wir kombinieren einen rechnerischen mit einem experimentellen Ansatz, um die für den Alterungsprozess verantwortlichen molekularen Signaturen zu identifizieren», sagt Fortney. Ähnlich wie ein Fingerabdruck einmalig für jeden Menschen ist, ergeben diese Moleküle je nach Zusammensetzung in Blut und Gewebe eine spezifische Signatur für eine bestimmte Krankheit. In den kleinen Büros in einem angejahrten Gebäude unweit der University of California, Berkeley, hält man vergeblich nach einem Labor Ausschau. Die Experimente mit Mäusen sollen mit Partnern an Universitäten und aus der Pharmabranche durchgeführt werden. Namen will die BioAge-Chefin noch keine nennen.

Die Forscher suchen – noch – nicht nach einem Allheilmittel gegen das Altern, sondern nach Verfahren gegen anerkannte Altersleiden.

Junges Blut

Wem all diese Verfahren nicht schnell genug gehen, kann sich bereits heute einer Blutplasmakur unterziehen. Seit September 2016 bietet das Start-up Ambrosia sowohl kranken als auch gesunden Probanden an, sich Blutplasma von unter 25-jährigen Spendern in die Venen spritzen zu lassen. Kostenpunkt: 8000 Dollar.

Gegründet wurde Ambrosia von Jesse Karmazin, der in Stanford Medizin studierte, aber keine Arztzulassung hat. Dass die Probanden die Kosten der Teilnahme an seiner ersten Studie gleich selbst übernehmen, dass sie auf dieser Basis ausgewählt werden und dass es keine Kontrollgruppe gibt, hat ihm viel Kritik eingebracht. «Anders bekomme ich die Studie nicht finanziert», verteidigt sich Karmazin. Bisher haben etwa 90 Personen teilgenommen, er hat eine Zulassung für bis zu 600. Einen Monat nach der Transfusion seien bei älteren Teilnehmern weniger Biomarker festgestellt worden, die auf Herz- und gewisse Krebserkrankungen hindeuteten, sagt Karmazin, warnt aber sofort, dass diese Ergebnisse «extrem vorläufig» seien.

Investoren habe er bisher noch nicht überzeugen können, sagt der 33-Jährige, der sein Start-up selbst finanziert. Entsprechend bescheiden führt er seine Geschäfte – aus seiner Einzimmerwohnung bei Washington D.C. heraus. Die Transfusionen werden derzeit lediglich in zwei Arztpraxen angeboten, eine befindet sich in Pacific Grove südlich des Silicon Valley, die andere in Tampa in Florida. «Ich habe viele Ärzte kontaktiert, aber die meisten sind sehr skeptisch und wollen nichts mit der klinischen Studie zu tun haben», sagt Mediziner Jesse Karmazin.

Anrufe von alten Männern

Auch Alkahest-Mitbegründer Wyss-Coray verfolgt die Anti-Aging-Bewegung mit grosser Skepsis – trotz seiner eigenen Entdeckungen. «Immortalists» und Transhumanisten würden ein schlechtes Licht auf seriöse Forscher werfen, sagt der Neurologieprofessor, der laut eigenen Angaben immer wieder Anrufe «von alten Männern mit dem Wunsch nach ewiger Jugend» bekommt. «Theoretisch ist es möglich, das Altern zu stoppen, zu verlangsamen oder rückgängig zu machen – ob es durchführbar ist, ist eine andere Frage», sagt er im Gespräch in seinem engen Labor auf dem weitläufigen Stanford-Campus. «Und ob dieses Ziel überhaupt erstrebenswert ist – das ist noch mal ein Thema für sich.»