Dominique de Buman: «Die Schweiz ist moderner denn je»
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Dominique de Buman: «Die Schweiz ist moderner denn je»

Dominique de Buman, der neue höchste Schweizer, über seine Sorgen um das Land, die Bedeutung des nationalen Zusammenhalts und seine Ziele als Nationalratspräsident.

Manuel Rybach: Die Schweizerinnen und Schweizer sorgen sich am meisten um Arbeitslosigkeit und AHV sowie Ausländerinnen und Ausländer. Wo orten Sie persönlich die wichtigsten Probleme des Landes?

Dominique de Buman: Ich verstehe die Sorgen der Bevölkerung. Als Politiker sehe ich allerdings andere drängende Probleme. An erster Stelle steht für mich ganz klar die Gesundheitsversorgung: Bis jetzt habe ich noch keinen Vorschlag gehört, wie man die steigenden Prämien der Krankenkassen in den Griff bekommt. Im Gegenteil, die Doppelspurigkeiten zwischen Bund und Kantonen sind frappant, besonders bei der teuren Infrastruktur der Spitäler. Unangenehme Fragen kommen auf uns zu. Was ist ein lebenswürdiges Leben? Wie weit sollen lebenserhaltende Massnahmen gehen? Wird man den Zugang zur Pflege einschränken müssen?

Welche weiteren Sorgen haben Sie?

Der Umweltschutz beschäftigt mich sehr respektive die Frage nach dem Umgang mit der Erderwärmung. Dies ist ein globales Problem, das aber auch uns etwas angeht. Und zuletzt frage ich mich, welche Beziehungen die Schweiz mit der Welt und insbesondere mit Europa künftig pflegen soll. Darauf haben wir noch keine schlüssige Antwort gefunden.

Die Sorge um die AHV hat sprunghaft zugenommen. Ist das allein auf die Berichterstattung im Vorfeld der Abstimmung um die Altersvorsoge diesen September zurückzuführen?

Die Abstimmung spielt eine Rolle – aber eine Zunahme von 16 Prozentpunkten lässt sich allein damit nicht erklären. Die Bevölkerung realisiert, wie sich die Alterspyramide verändert hat. Sogar die Linke akzeptiert heute, dass der Umwandlungssatz sinken muss. Ausserdem spüren die Bürgerinnen und Bürger bei ihren eigenen Bankkonti, wie tief die Zinssätze und damit die Renditen sind. Und vielerorts merkt man, dass Arbeitskräfte fehlen, vor allem gut ausgebildete Fachkräfte – also Beitragszahler. Dieses Bewusstsein war vor fünf Jahren noch nicht vorhanden.

Wenn ältere Menschen gesund und fit sind, ist das eine riesige Chance für uns.

Apropos Langlebigkeit und AHV: Droht der Schweiz aufgrund der Umverteilung von Jung zu Alt ein Generationenkonflikt?

Ich habe die Reform der Altersvorsorge unterstützt. Sie war nicht perfekt, aber jetzt gibt es keinen Plan B. Ich fürchte tatsächlich, dass es zu einem Clash zwischen den Generationen kommen könnte. Der Finanzgraben wird immer grösser und eine Reform in absehbarer Zeit praktisch unmöglich.

68 Prozent geben an, die gesellschaftlichen Auswirkungen des längeren Lebens zu begrüssen. Ist die Langlebigkeit ein Segen für die Schweiz oder überwiegen die dadurch entstehenden Probleme?

Wenn ältere Menschen gesund und fit sind, ist das eine riesige Chance für uns. Beispielsweise dort, wo dank ihrem Einsatz weniger hohe soziale Kosten entstehen, wie in der Kinderbetreuung oder in der Freiwilligenarbeit. Aber auch in der Arbeitswelt selbst: Wir wollen den Inländervorrang, gleichzeitig gibt es einen grossen Fachkräftemangel. Da gibt es nur eine Lösung: Frauen und ältere Menschen müssen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. Wenn jeder eine Rolle in der Gesellschaft hat, ist das auch gut für die nationale Kohäsion.

AusländerInnen und Flüchtlinge/Asyl haben in den letzten zwei Jahren bei der Sorgenwahrnehmung abgenommen. Wie lautet Ihre Interpretation dieses Rückgangs?

Die Anzahl der Einwanderer nahm in diesem Jahr ab, das ist wohl der Hauptgrund. Zudem sind die Bilder des humanitären Dramas auf dem Mittelmeer äusserst präsent. Das Mitleid mit den Flüchtlingen steigt, und man betrachtet sie nicht mehr so stark als «Problem». Darüber hinaus haben die Menschen verstanden, dass eine gewisse Migration unvermeidbar ist. Solange die Entwicklungshilfe nicht richtig funktioniert und die Herkunftsländer wirtschaftlich wenig Fortschritte machen, werden Leute zu uns kommen. In Zukunft noch viel mehr, denn die Geburtenraten in Afrika sind enorm hoch. Wir stehen erst am Anfang dieser Herausforderung.

Eine gegenteilige Entwicklung nahm die Sorge um Verkehr/Neat: Seit 2009 sorgen sich fast viermal mehr Befragte darum. Teilen Sie diese Sorge?

Ja. Der Verkehr in der Schweiz wird immer dichter, die Nutzung der Infrastruktur intensiver. Der öffentliche Verkehr ist überfüllt, die Autobahnen sind verstopft. Das hat mit dem Bevölkerungswachstum zu tun, aber auch mit der zunehmenden Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. Arbeitnehmende werden gezwungen, öfter zu pendeln. All das löst keine positiven Gefühle aus.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Ressourcen hier in der Schweiz optimal nutzen.

Gefragt, wie das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union aussehen soll, sagen 60 Prozent, sie wollten die Bilateralen fortsetzen. Letztes Jahr waren es noch 81 Prozent. Wie erklären Sie das?

Ich bin ein Befürworter der Personenfreizügigkeit, sehe aber auch die damit verbundenen Schwierigkeiten. Ich frage mich zunehmend, ob unsere Wirtschaft wirklich auf Gedeih und Verderb stetig wachsen und damit Arbeitskräfte importieren muss. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob wir die Ressourcen hier in der Schweiz optimal nutzen. In der Tourismusbranche beispielsweise stammen über 50 Prozent der Angestellten aus dem Ausland. Viele Schweizerinnen und Schweizer sind zu gut qualifiziert für diese Jobs oder wollen sie nicht machen. Ich hoffe, dass sich die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung erholt, dank der einfache Aufgaben durch Automation ersetzt werden können.

Im Sorgenbarometer zeigt sich ein grosser Nationalstolz der Befragten. Freut Sie das?

Natürlich. Besonders erfreulich finde ich, dass dies auch für die nächste Generation gilt, wie das Credit Suisse Jugendbarometer im vergangenen Jahr eindrücklich gezeigt hat [siehe Bulletin N° 3/2016, Anm. d. Red.]. Die Jungen reisen viel und realisieren, wie gut wir es hier haben. Es gibt allerdings auch eine Kehrseite: Es drohen Scheuklappen, man schaut nur für sich selbst und vergisst Menschen, denen es weniger gut geht.

Die Demokratie als Stärke der Schweiz hat an Bedeutung verloren über die letzten Jahre. Warum?

Das System funktioniert, keine Frage. Aber die (Nicht-) Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative war sicher nicht gut für den Glauben und das Vertrauen in die Demokratie.

Unser Föderalismus ist ein Trumpf, denn niemand muss auf seine Identität verzichten.

Trotzdem ist das Vertrauen in die Schweizer Politik sehr hoch und im internationalen Vergleich fast unerreicht.

In der Tat. Unser System beruht auf einer hohen Transparenz, auf regelmässigen Wahlen und Abstimmungen und auf einer grossen Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern. Wir haben ein Milizparlament und sogar den Bundesrat trifft man im Zug. Es gibt keine Politiker-Blase oder -Kaste in der Schweiz. Das spürt die Bevölkerung.

Als Politiker eines zweisprachigen Kantons sind Sie besonders für das Thema «Röstigraben» sensibilisiert. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen bezüglich des nationalen Zusammenhalts?

Als Französischsprachiger bin ich im Kanton Fribourg in der Mehrheit, im Nationalrat aber in der Minderheit. Das prägt einen und lehrt, nie überheblich zu werden: Minderheiten müssen immer respektiert werden – denn schon morgen gehörst du selbst zu einer! Unser Föderalismus ist ein Trumpf, denn niemand muss auf seine Identität verzichten. Die grosse Diversität unserer Willensnation ist eine Chance; in einer mehr und mehr globalisierten Welt ist die Schweiz moderner denn je.

Sie sind der neue Präsident des Nationalrats und damit «höchster Schweizer». Was ist Ihr Ziel für dieses Amt?

Mein Präsidialjahr möchte ich unter das Motto der Volksnähe und des Dienstes am Volk stellen. Der rote Faden meiner Politik war stets das Engagement für die Mittelklasse und der nationale Zusammenhalt. Ich möchte, dass wir wieder besser zusammenleben – das war in letzter Zeit nicht mehr immer der Fall. Das Nationalratspräsidium mag eines der höchsten Ämter des Landes sein, aber man hat keine eigentliche Macht. Es geht nicht darum, etwas für sich persönlich zu erreichen, sondern schlicht, der Bevölkerung etwas zurückzugeben.