Welche Rolle spielt Corporate Governance?
Neuste Artikel

Welche Rolle spielt Corporate Governance?

«Wenn Corporate Governance gut umgesetzt ist, wird dem Thema nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn sie jedoch dramatisch versagt, gerät sie unter Beschuss», sagt Michael O'Sullivan, Chief Investment Officer des International Wealth Management der Credit Suisse, in einem neuen Bericht, den das Credit Suisse Research Institute in Davos vorgestellt hat.

Gute Governance als gute Investition

Ein unabhängiger Verwaltungsrat, wirksame Kontrollen, Transparenz und Aktionärsrechte erhöhen den Marktwert im Allgemeinen. Wie sich «gute Governance» konkret auswirkt, lässt sich allerdings nur schwer fassen. Ein konkreter Zusammenhang mit dem Aktienkurs ist häufig nicht erkennbar. Zudem spielt die Governance in bestimmten Phasen eine grössere Rolle und betrifft einige Branchen stärker als andere.

Eine Untersuchung von rund 1200 Unternehmen durch die Credit-Suisse-Analysten Giles Keating und Antonios Koutsoukis zeigt, dass sich ein Fokus auf Corporate Governance für Anleger in einigen Sektoren in Form einer überdurchschnittlichen Wertentwicklung auszahlt. Meist handelt es sich um einen Vorteil von einigen wenigen Bewertungspunkten, die jedoch langfristig einen erheblichen Unterschied ausmachen können.

Einige Branchen reagieren sensibler als andere auf gute Unternehmungsführung, und zwar Telekommunikation, Grundstoffe, Öl und Gas sowie der Finanzsektor. Der Präsident des Verwaltungsrates der Credit Suisse Group, Urs Rohner, hält fest: «Eine starke Corporate Governance ist in jeder Branche unerlässlich. Dies gilt insbesondere im Bankwesen.»

Andere Bereiche, vor allem die Sektoren Konsumgüter und Dienstleistungen, Technologie und Gesundheit, legen ebenfalls viel Wert auf gute Unternehmensführung, erzielen deswegen aber nicht zwingend eine überdurchschnittliche Kursentwicklung. Auch der Einfluss der Governance auf die Wertentwicklung schwankt: Sie scheint in schlechten Zeiten wichtiger zu sein als in guten Zeiten.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

Das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist «scheint», da Governance und ihre Auswirkungen wissenschaftlich noch nicht in Stein gemeisselt sind. Noch werden Definitionen entwickelt und genaue Ursachen und Wirkungen lassen sich oft nicht allzu leicht ermitteln oder verallgemeinern. Die von Keating und Koutsoukis verwendeten aktuellen Definitionen betreffen vier Themen: Unabhängigkeit des Verwaltungsrats, gerechte und transparente Vergütung, Kontrollen, Ausgleichsmassnahmen und Mitsprache in der Unternehmenssteuerung sowie konservative Ansätze in der Rechnungslegung. Diese vier Themen werden auf 96 Faktoren heruntergebrochen.

Die Rechnungslegung wird zum Beispiel danach bewertet, wie offensiv Erträge und Aufwendungen erfasst und wie schnell Goodwill abgeschrieben wird. Keating und Koutsoukis fanden heraus, dass diese Faktoren mit der Aktienkursentwicklung in Zusammenhang stehen können, jedoch nicht immer so, wie erwartet. Sicherlich muss noch mehr Arbeit investiert werden, um Governance zu verstehen, sagt Michael O'Sullivan: «Anleger benötigen ein besseres Verständnis in welchen Sektoren und in welchen Phasen Corporate Governance erheblich bei der Entscheidungsfindung helfen kann?»

Governance aus Staatssicht

Während Anleger und Geldgeber dieses Verständnis von unten aufbauen, versucht man auf staatlicher Seite, oben anzusetzen. Am weitesten ist dabei der Financial Reporting Council (FRC) in Grossbritannien, sagt Bob Parker, Senior Advisor des Investment, Strategy and Research der Credit Suisse. In seinem «Stewardship Code» sind sieben Prinzipien für das Verhalten von Vermögensverwaltern gegenüber Unternehmen dargelegt, an denen sie beteiligt sind. Im Mittelpunkt stehen dabei Offenlegung und Kooperation statt Geheimhaltung und Konflikte. Seit seiner Einführung im Jahr 2010 sind in den meisten westlichen Ländern mit grossen Aktienmärkten ähnliche Codes eingeführt worden, fügt Parker hinzu. In der Zwischenzeit wird auch in akademischen Kreisen versucht, Governance zu definieren. Wie aus dem Bericht hervorgeht, wird bereits an breiter Front dazu geforscht.

Vermögensverwalter nehmen Witterung auf

Auch Vermögensverwalter entwickeln in zweifacher Hinsicht ein immer grösseres Bewusstsein für Governance, wie Bob Parker ausführt. Zum Ersten sind sie immer öfter bereit, einzugreifen und die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. So sind zum Beispiel aktivistische Hedge-Fonds auf dem Vormarsch und haben in den letzten sechs bis sieben Jahren eine deutlich bessere Performance an den Tag gelegt als ihre passiven Mitbewerber.

Zweitens achten Vermögensverwalter zunehmend auf die Effekte von Governance: wer, was, wann und wo. Ein wichtiges Tool ist dabei die HOLT-Governance-Scorecard der Credit Suisse, die 20'000 amerikanische und europäische Unternehmen anhand von 13 Governance-Kriterien bewertet und vergleicht, wie etwa der Transparenz der Vergütungen im Unternehmen oder dem Gleichgewicht zwischen kurz- und langfristiger Leistungsmessung.

In der Wertschöpfungskette

Ein letzter Governance-Ansatz richtet den Blick weniger auf Anleger, Regulatoren und Führungskräfte, sondern vielmehr auf die Lieferkette, d. h. die Qualität der Unternehmensführung von Zulieferern und Abnehmern. Sie kann von entscheidender Bedeutung sein, sagt der Bericht.

Mit Hilfe von PEERs, einem weiteren von der Credit Suisse entwickelten Tool, fanden die Analysten Julia Dawson und Richard Kersley heraus, dass auf dem Gebiet der Governance führende Unternehmen dazu neigen, von ihren Geschäftspartnern, d. h. sowohl von Lieferanten als auch von Kunden, hohe Standards zu verlangen, und als Multiplikatoren von Best-Practice-Ansätzen wirken.

Das Fazit von Michael O'Sullivan: «Bei langsamerem Gewinnwachstum, höheren Kreditspreads und steigenden Zinsen wird Corporate Governance ein noch wichtigerer Faktor für Anleger.»