Diversität in der Chefetage

Der Bericht «The CS Gender 3000: Women in Senior Management» zeigt, dass Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil im Verwaltungsrat höhere Renditen und bessere Ergebnisse auf dem Aktienmarkt erzielen. Jedoch sind in Europa noch weitere 400 Frauen in Verwaltungsratspositionen zu berufen, um Diversitätsquoten und -ziele zu erreichen.

Die kürzlich von der Credit Suisse zu europäischen Diversitätszahlen durchgeführte Studie bestätigt, dass auf dem Gebiet der Geschlechtergleichstellung noch ein grosser Handlungsbedarf besteht. Um nationale Diversitätsquoten und -ziele zu erreichen, müssen in Europa allein 400 Frauen in Verwaltungsratspositionen von Unternehmen in Benchmark-Aktienindizes berufen werden. Es geht jedoch nicht nur um Prozentsätze und die Einhaltung von Quoten, es steht wesentlich mehr auf dem Spiel.

Vielfalt sorgt für bessere Ergebnisse

Das Research-Team der Credit Suisse analysiert das Thema Gleichstellung der Geschlechter und Unternehmensergebnisse seit 2012. Der ursprüngliche Bericht stellte fest, dass Unternehmen mit einer höheren Frauenquote im Verwaltungsrat bessere Ergebnisse erwirtschaften. Da die Studie gleich nach einer Periode der Instabilität und wirtschaftlicher Schwierigkeiten durchgeführt worden war, musste nun noch eine Frage beantwortet werden: Werden sich die Ergebnisse in einem freundlicheren Wirtschaftsumfeld bestätigen? Die Antwort lautet: ja. Die aktuelle Studie «The CS Gender 3000: Women in Senior Management» unterstrich die ursprünglichen Ergebnisse. Es stellte sich heraus, dass bereits die Anwesenheit einer Frau im Verwaltungsrat einen grossen Unterschied bewirkt: «Unternehmen mit einer Frau im Verwaltungsrat verzeichneten eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 14,1 Prozent (mit Sektoranpassung) seit 2005, während Unternehmen mit einem rein männlichen Verwaltungsrat einen Wert von 11,2 Prozent auswiesen.» [Abb. 1]

Ziel in weiter Ferne

Alle börsenkotierten Unternehmen sind laut EU-Recht verpflichtet, Diversitätsquoten einzurichten und bis 2020 einen Frauenanteil von 40 Prozent im Verwaltungsrat vorzuweisen. Das heisst, die Anzahl der insgesamt zu berufenden Frauen liegt tatsächlich wesentlich höher als die Zahl 400, die für Unternehmen in einem Aktienindex gilt. Wenn sich die Diversitätsverbesserung verlangsamt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass einige Länder wie Frankreich, Deutschland, Belgien und Spanien ihre Fristen nicht einhalten können. Insbesondere Spanien liegt am Ende der Diversitätsleiter. Um die Quote von 40 Prozent zu erreichen, müssten die Spanier 121 Frauen in die Verwaltungsräte der Unternehmen des IBEX 35, des spanischen Aktienmarktindex, berufen. Bislang kommen, was Indexunternehmen anbelangt, die Unternehmen des British Financial Times Stock Exchange 100 Index (FTSE 100) ihrem Ziel am nächsten. Die Frauenquote im Verwaltungsrat liegt bei bis zu 23 Prozent. Das Ziel für 2015 sind 25 Prozent.

Sind alle Führungspositionen gleich?

Zwar entspricht der Frauenanteil in Geschäftsleitungen in etwa dem Frauenanteil in Verwaltungsräten, dennoch ist eine andere Trennlinie erkennbar. Der Bericht der Credit Suisse deckte auf: «Die Beteiligung von Frauen in der obersten Führungsetage beläuft sich eher auf Bereiche mit weniger Einfluss und schlechteren Aufstiegschancen.» Den höchsten Frauenanteil erreicht Shared Services, der niedrigste wird auf CEO-Ebene verzeichnet [Abb. 2]. Es scheint, dass Frauen eher eine Aufsichtsfunktion als eine Rolle mit direktem Einfluss übernehmen. Die Frage, ob dies mit ihren beruflichen Vorstellungen zusammenhängt oder andere Gründe dafür verantwortlich sind, bleibt offen.

Die grössten Hindernisse

Das Research-Team zählte die drei grössten Hindernisse für die Erreichung einer besseren Geschlechterdiversität auf: kulturelle Vorurteile, arbeitsplatzbedingte Vorurteile sowie strukturelle/politische Probleme, wobei das erste Hindernis am schwierigsten zu überwinden ist. Die Einführung von Diversitätsrichtlinien, -quoten und -zielen kann eine Diskussionsgrundlage schaffen und das Thema einem breiteren Publikum zugänglich machen, es gibt aber auch einen weiteren mächtigen, jedoch stummen Verbündeten: die Globalisierung. Das Research-Team ist der Ansicht, dass eine engere Vernetzung der Weltwirtschaft zusammen mit einem globaleren Kundenstamm und -management eine wesentliche Kulturveränderung herbeiführen wird: «Die Internationalisierung von Bildung, zugegebenermassen für Eliten, sollte zusammen mit grenzübergreifenden Arbeitserfahrungen nach und nach dazu beitragen, eine liberalere und offenere Haltung gegenüber Frauen am Arbeitsplatz zu fördern.»

Vorteile für alle

Die Zunahme der Diversität bedeutet eine Fülle von Ideen und Konzepten, verschiedene Standpunkte, Kompetenzen und Erfahrungen, die eine Diskussionsgrundlage bilden oder zu innovativen Lösungen führen können. Der Bericht kommt zu folgendem Schluss: «Es geht nicht um die grösseren Fähigkeiten der Geschlechter im Vergleich, sondern um die bessere Entscheidungsfindung und die höheren Unternehmensergebnisse einer vielfältigeren Gruppe.»