Kunstausstellung – Goya: The Portraits

Rund ein Drittel aller Werke von Goya waren Porträts, 150 sind erhalten. In der von der Credit Suisse unterstützten Ausstellung Goya: The Portraits zeigt die National Gallery nun rund 70 dieser Werke.

Wer war Goya?

Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828) war einer der bedeutendsten Künstler Spaniens. Berühmte Zeitgenossen waren Mozart und Goethe, beide schillernde Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts, sowie Napoleon, der nur wenige Jahre vor ihm starb. Goya war Zeitzeuge zahlreicher dramatischer Ereignisse, die den Lauf der Geschichte Europas verändert haben. Vieles widerspiegelt sich in den Werken des Künstlers.

Nach der Ausbildung in seiner Heimatstadt Saragossa zog Goya nach Madrid. Dort avancierte er zum beliebtesten Porträtmaler der spanischen Aristokratie und wurde dank einflussreicher Mäzene zum Ersten Hofmaler von Karl IV. ernannt, eine Rolle, die ihm gefiel, zumal sein Vorbild Velázquez über 150 Jahre zuvor eine ähnliche Stellung genossen hatte.

Während des spanischen Unabhängigkeitskrieges blieb Goya in Madrid. Ernüchtert von der Besatzung unter Joseph Bonaparte und der Herrschaft von Ferdinand VII. entschied er sich 1824 für das französische Exil, wo er nur vier Jahre später im Alter von 82 Jahren starb.

Goya, der revolutionäre Porträtmaler

Goya war ein begnadeter Maler, der viele Traditionen hinter sich liess und das Genre der Porträtmalerei zu neuen Höhen führte. Bereits zu Lebzeiten galt er als scharfsinniger Gesellschaftskritiker, der hinter die Fassade seiner Modelle blicken und ihre Persönlichkeit auf subtile Art und Weise im Bild enthüllen konnte.

Dieses innovative, unkonventionelle und oft subversive Element in seiner Kunst sowie sein souveräner Umgang mit Farben inspirierten Künstler späterer Generationen, insbesondere Édouard Manet, Pablo Picasso und Francis Bacon.

Obwohl Porträts rund ein Drittel des Œuvres von Goya ausmachen, wurde dem Porträtmaler Goya erstaunlicherweise noch nie eine eigene Ausstellung gewidmet. Das ändert sich diesen Herbst, wenn in der National Gallery in London knapp die Hälfte der 150 heute noch existierenden Porträts zu sehen sein wird.

Der Graf von Floridablanca

Seinen ersten offiziellen Auftrag für ein Porträt erhielt Goya 1783 von dem Grafen von Floridablanca. Dieses Gemälde befindet sich heute in der Banco de España in Madrid. Floridablanca war Premierminister und gefiel sich in der Rolle des Reformers und Mäzens.

Das Porträt zeigt den Minister bei der Arbeit in seinem Büro. Bei ihm sind sein Sekretär und Goya selbst. Gerade befasst sich der Graf mit Plänen für den Canal Imperial de Aragón, ein Projekt, das den Handel erleichtern und wesentlich zum Aufschwung der Wirtschaft in der Region beitragen sollte. Der Foliant von Palominos «Práctica de la Pintura» zu Füssen des Grafen zeugt vom Interesse Floridablancas an der Kunst. Goya verleiht dem Porträtierten eine Aura der Modernität – ein Mann der Tat, im Einklang mit den damals hochaktuellen Ideen der Aufklärung.

Mit diesem Porträt begann Goyas Weg nach ganz oben. Floridablanca stellte ihn dem Infanten Don Luis vor, der vom spanischen Hof verbannt worden war – seine ständigen Liebesaffären hatten den Unmut seines erzkatholischen Bruders, des Königs, erregt. Das beeindruckende Gruppenportrait «Die Familie des Infanten Don Luis» (Magnani Rocca Foundation, Parma) wird ebenfalls, erstmals gemeinsam mit einigen anderen Porträts, die Goya von der jungen Familie des Infanten anfertigte, in London zu sehen sein.

Die Herzogin von Alba

Die berühmte «Herzogin von Alba» (Hispanic Society of America, New York) wird zweifellos ein Höhepunkt der Ausstellung sein. Sie hat nur ein einziges Mal die USA verlassen und war noch nie in Grossbritannien.

Doña María del Pilar Teresa Cayetana de Silva stand in der Hierarchie des Adels direkt unter dem König. Sie war unbestritten von grosser Schönheit, doch an ihrer Persönlichkeit schieden sich die Geister: Während einige sie als sensibel und grosszügig priesen, hielten andere sie für kindisch und schwierig.

Über die Beziehung zwischen Goya und der Herzogin wurde viel Tinte vergossen. Die von einigen unterstellte Liebesbeziehung konnte jedoch nie bewiesen werden. Sicherlich standen sie sich nahe – an manchen Tagen trug Goya das Make-up der Herzogin auf.

Das in der Ausstellung gezeigte Porträt aus dem Jahr 1797 zeigt die Herzogin in Trauer. Sie trägt eine schwarze «Mantilla» und zeigt resolut auf den Fussboden, auf den sie die Worte «Solo Goya» (Nur Goya) geschrieben hat – es ist, als wolle Goya uns mitteilen, dass allein er diese feurige und unberechenbare Frau darzustellen vermag.

Die grosse Zusammenführung in London

«Die Gräfin von Altamira und ihrer Tochter, María Agustina», ein Porträt, das noch nie einem anderen Land als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde, tritt «ihre» Reise nach London von der Lehman Collection im Metropolitan Museum of Art, New York an. Hier wird «sie» erstmals mit ihrem Gatten vereint sein, dem «Grafen von Altamira» (Banco de España, Madrid). Goya hatte keine Hemmungen, die kleine Statur des Grafen zu betonen, was bei seinen Zeitgenossen ein grosses Echo auslöste. Doch Goyas Bild zeigte auch unmissverständlich, dass sich dieser Mann, der mehr Titel als jeder andere Adlige in Spanien hatte (u. a. sieben Herzogtümer, elf Markgrafschaften und siebzehn Grafschaften), nicht von seinen körperlichen Schwächen beirren liess. Auch der Sohn des Paares, «Manuel Osorio Manrique de Zuñiga» (The Metropolitan Museum of Art, New York), wird zu sehen sein. Das Porträt zeigt ihn in einem modernen und teuren Anzug, wie er mit einer Elster (mit einer Visitenkarte des Malers im Schnabel) spielt.

Das kürzlich konservierte Porträt des Staatsbeamten «Francisco de Saavedra» (Courtauld Gallery, London) aus dem Jahr 1798 wird zum ersten Mal nach über 50 Jahren neben seinem Pendant aus demselben Jahr ausgestellt, das seinen Freund und Kollegen «Gaspar Melchor de Jovellanos» (Museo del Prado, Madrid) zeigt.

Porträtmaler der königlichen Familie

Insbesondere in den Porträts der königlichen Familie fing Goya die ganze Persönlichkeit seines Modells – oft wenig schmeichelhaft – in einem einzigen subtilen Blick oder in einer einzigen Geste ein. In dem «Porträt Karls III. im Jagdanzug» (Duquesa del Arco) – einer ungeschönten Darstellung eines wettergegerbten, von Falten durchzogenen Gesichts, kombiniert mit einer leicht ironischen Geste – offenbart sich die Persönlichkeit des Königs: ein Mann, der die Ideen der Aufklärung begrüsste, die Natur und sein Volk liebte und der so wie vor seiner Krönung behandelt werden wollte. Ähnlich lässt sich beim Betrachten des Porträts von «Ferdinand VII». (Museo del Prado, Madrid) erahnen, mit welchem Misstrauen Goya dem eitlen und selbstsüchtigen Monarchen begegnete, der die Verfassung abschaffte und die Wiedereinführung der spanischen Inquisition veranlasste. Das Bildnis zeigt den König in seinem Ornat, das Zepter in der Hand und mit leerem Gesichtsausdruck – und hält exakt fest, wie Goya über ihn gedacht haben muss.

Der Künstler und seine Familie

Als Kontrast zu den formellen Porträts der königlichen Familie zeigt die National Gallery in dieser Ausstellung auch Selbstporträts des Malers, auf denen Goya sich ungeschönt dargestellt hat. Sie bietet auch Gelegenheit, Menschen zu «treffen», die ihm nahestanden: seine Frau «Josefa Bayeu» (Abelló Collection, Madrid), seinen Sohn «Javier Goya» (Metropolitan Museum of Art, Private Collection; Museo de Bellas Artes, Saragossa) und seinen langjährigen Freund aus Kindertagen und treuen Brieffreund «Martin Zapater» (Bilbao Fine Arts Museum). Die Ausstellung zeigt auch sein letztes Werk, ein Bild seines einzigen und geliebten Enkels Mariano Goya (Meadows Museum, SMU, Dallas). Dieses letzte Porträt, das nur wenige Monate vor Goyas Tod am 16. April 1828 entstand, zeugt von dem Genie, den Fertigkeiten und der unbändigen Kreativität eines Künstlers, der sich bis zum letzten Atemzug seiner Kunst verschrieben hatte.