Trotz Digitalisierung wird uns die Arbeit nicht ausgehen
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Trotz Digitalisierung wird uns die Arbeit nicht ausgehen

Wenn die Geschichte eines zeigt, dann dies: Noch jeder technologische Schub führte langfristig zu mehr Wohlstand und höherer Beschäftigung. Trotz Digitalisierung wird uns die Arbeit nicht ausgehen.

«Die Automatisierung ist nicht unser Feind. Unsere Feinde sind Ignoranz, Gleichgültigkeit und Trägheit», rief der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson geradezu beschwörend aus dem Cabinet Room im Weissen Haus seinen Landsleuten zu: «Automatisierung kann der Verbündete unseres Wohlstands sein, falls wir vorwärts schauen, falls wir verstehen, was auf uns zukommt, und falls wir mit Klugheit die Weichen für die Zukunft stellen.» Mit diesen Worten setzte er im August 1964 eine «Nationale Kommission für Technologie, Automatisierung und wirtschaftlichen Fortschritt» ein.Präsident Johnson reagierte damit auf die beunruhigenden Auswirkungen der Automatisierung. Ein viel zitierter Artikel zweier junger Kanadier, des Physikers und Schriftstellers John J. Brown und des Instrumentenerfinders Eric W. Leaver, hatte die amerikanische Öffentlichkeit aufgeschreckt. Die moderne Technologie, schrieben sie 1946 im Wirtschaftsmagazin «Fortune», werde bald die industrielle Produktion ohne menschliche Arbeitskräfte erlauben. Vor einer drohenden Massenarbeitslosigkeit warnte 1961 das Nachrichtenmagazin «Time»: «In der Vergangenheit haben neue Industriebranchen viel mehr Leuten Arbeit gegeben, als dass sie Arbeitsstellen vernichtet haben. Aber dies ist bei vielen heutigen neuen Industriebranchen nicht mehr der Fall.»

Die Untergangspropheten lagen falsch

Es war, wie wir heute wissen, falscher Alarm. Nur wenig später war die Angst vor den Folgen der Automation verebbt. Die Wirtschaft lief ab den 1960er Jahren auf Hochtouren, es herrschte Vollbeschäftigung. Das globale BIP pro Kopf wuchs zwischen 1965 und 2015 auf das Zwanzigfache.

Gut fünfzig Jahre nach Johnsons Initiative ist die Angst vor dem technologischen Wandel mit Wucht zurück. «Sie sind entlassen!», titelte jüngst das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» und unkte im Untertitel: «Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen». Und gar vor einem «Ende der Arbeit» warnte Jeremy Rifkin, einer der einflussreichsten Ökonomen der USA, in seinem gleichnamigen Buch.

Inzwischen ist es nicht mehr die Automation, sondern die Digitalisierung, die für Unruhe sorgt. Behalten die Untergangspropheten dieses Mal recht? Es könnte ja sein, dass die Digitalisierung eine ganz andere disruptive Qualität als die Automation haben wird. Nur weil man beim letzten Mal falsch lag, müssen nicht alle Ängste unbegründet sein. Gleichwohl ist kaum vorstellbar, dass dieses Mal alles anders sei. Denn die Digitalisierung ist keineswegs eine aussergewöhnlich disruptive technologische Entwicklung, wenn sie in den grossen historischen Kontext gestellt wird.

Seit 1855 ist der Umfang der geleisteten Arbeit stets gestiegen. So hat sich die Zahl der Stellen von 1855 bis 2016 von 11,25 Millionen auf 31,74 Millionen erhöht.

Fabriken waren viel disruptiver

Die Umstellung von der handwerklich basierten Produktion auf die Fabrikindustrie vor zweihundert Jahren war sogar viel einschneidender, sie beendete innerhalb weniger Jahrzehnte jahrtausendealte Traditionen. Disruptiver geht gar nicht. Das Dampfschiff, die Eisenbahn und der Telegraf Mitte des 19. Jahrhunderts vernetzten die Weltwirtschaft und verkürzten die damals gewaltigen Distanzen in relativer Hinsicht viel dramatischer als die Mobiltelefonie, das Internet und verbesserte Schiffscontainer. Das Auto, die Elektrizität und schliesslich das Flugzeug wurden im späten 19.Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert für den Massenmarkt verfügbar. Auch sie haben Wirtschaft und Gesellschaft auf eine revolutionäre Weise umgepflügt.

Man müsste also erwarten, dass bei diesen grossen technologischen Durchbrüchen der Vergangenheit jeweils Massenarbeitslosigkeit entstanden wäre. Davon sehen wir in den Statistiken aber nichts. Datenreihen aus Grossbritannien, wo die Industrialisierung begann, zeigen: Seit 1855 ist der Umfang der geleisteten Arbeit stets gestiegen. So hat sich die Zahl der Stellen von 1855 bis 2016 von 11,25 Millionen auf 31,74 Millionen erhöht. Und die Arbeitslosenquote folgte einem Zyklus, nicht einem langfristigen Aufwärtstrend. Sie betrug 2016 rund fünf Prozent. Die Phasen, in denen sie zweistellige Prozentwerte erreichte, waren selten und immer einer schweren Rezession geschuldet.

So zeigen die britischen Daten, dass sich die verfügbaren Jahreseinkommen zwischen 1760 und 2016 inflationsbereinigt vervierzehnfacht haben – trotz Industrialisierung, Motorisierung, Automatisierung, Digitalisierung.

Drei Gründe für Optimismus

Wie und warum ist es gelungen, die disruptiven Wirkungen abzufedern? Der Blick auf die historische Evidenz lässt drei Mechanismen identifizieren:

  • Erstens wirkten sich neue Technologien immer mit einer grossen Zeitverzögerung auf andere Branchen aus. So führte die Elektrizität nicht zur Elimination der Kohle. Noch in den 1970er Jahren gehörte die Kohle zu den wichtigsten Energieträgern in vielen OECD-Ländern. Auch die Digitalisierung scheint ein langsamer Prozess zu sein. Der Computer ist längst erfunden, aber entfaltet erst jetzt seine Wirkung im Alltag. Zudem ist das Buch oder das Telefon keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: Noch nie wurden so viele Buchtitel veröffentlicht wie heute.
  • Zweitens hat der technologische Wandel nur bestimmte traditionelle Berufe zerstört, andere hingegen in ihrer Bedeutung vorübergehend gestärkt, was neue Beschäftigungsmöglichkeiten schuf. So hat die Verbreitung der Eisenbahn den Kutschenverkehr zunächst massiv ausgeweitet, weil die Verbilligung der Transporte zwischen den grossen Zentren den Umfang der Feinverteilung der Güter enorm erhöhte. Dafür brauchte man bis zur Erfindung des Autos Kutschen und Pferde. Denselben Mechanismus beobachten wir heute bei der Verbreitung des E-Commerce. Die Zahl der Lastwagenfahrten hat zugenommen, weil das Volumen des Paketverkehrs stark ausgeweitet wurde. Der Online-Versandhändler Amazon beschäftigt derzeit 560000 Leute und ist einer der grössten Arbeitgeber der Welt. Damit ist zumindest vorübergehend eine Nachfrage nach wenig qualifizierten Arbeitskräften entstanden, die kompensatorisch wirkt.
  • Drittens haben die wohlhabenden Länder Institutionen entwickelt, die helfen, die negativen Auswirkungen des technologischen Wandels abzufedern. Die Schulpflicht wurde Ende des 19. Jahrhunderts in allen europäischen Ländern und Nordamerika etabliert. Die Arbeitslosenversicherung wurde im Lauf des 20. Jahrhunderts realisiert. Schliesslich sichert das allgemeine Wahlrecht den Verlierern des technologischen Wandels eine Stimme. In der Demokratie kann auch die Debatte über die neuen Technologien offen geführt werden. Damit erhöht sich die Chance, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber rechtzeitig auf die neuen Technologien einstellen.

Kurzfristig wird es Verlierer geben

Unbestritten ist aber auch, dass es bei jedem technologischen Schub kurzfristig Verlierer gibt. Viele Berufe verschwinden. Darunter fallen nicht nur Berufe mit tiefen Qualifikationsniveaus, sondern auch typische Berufe des mittleren Kaders, zum Beispiel im Bereich der Buchhaltung oder Kreditprüfung [siehe Artikel ab Seite 34]. Aber es ist nicht zu erwarten, dass ein abrupter Niedergang zu struktureller Massenarbeitslosigkeit führen wird. Die meisten Arbeitskräfte haben genug Zeit, einen neuen Beruf zu finden, und für die anderen wird es Möglichkeiten der Umschulung geben.

Die Mehrheit der heute bestehenden Jobs sind zudem kaum oder überhaupt nicht gefährdet, weil der personalintensive Dienstleistungssektor am meisten Stellen anbietet. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen, da der industrielle Sektor weiterhin grosse Produktivitätsfortschritte erzielen und Arbeitskräfte einsparen wird. Man darf auch davon ausgehen, dass intelligentere Maschinen die Arbeit eher produktiver machen, als sie zu ersetzen.

Die realen Einkommen sind gestiegen und gestiegen

Die Geschichte zeigt, dass die technologischen Fortschritte der letzten 200 Jahre langfristig immer zu höherer Beschäftigung und Wohlstand geführt haben. Mit der höheren Produktivität sinken die Preise und steigen die Löhne. Dies führt dazu, dass die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen steigt, wodurch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit dem steigenden Wohlstand entstehen neue Bedürfnisse und schliesslich neue Märkte. So zeigen die britischen Daten, dass sich die verfügbaren Jahreseinkommen zwischen 1760 und 2016 inflationsbereinigt vervierzehnfacht haben – trotz Industrialisierung, Motorisierung, Automatisierung, Digitalisierung.

Der Strukturwandel mag erbarmungslos weiterschreiten, aber damit sind wir seit 200 Jahren gut zurechtgekommen. Es ist nicht einzusehen, warum dieses Mal alles anders sein soll.