Deflation im Alltag: Eine japanische Familie berichtet

1989 platzte Japans Immobilienblase. Das beeindruckende, rasante Wachstum kam zu einem abrupten Ende. Deflation – ein Begriff, den man früher nur aus dem Lehrbuch kannte – wurde zur bitteren Realität. Auch für Hiroyuki Sugano aus Tokio.

Dass etwas nicht stimmte, merkte Hiroyuki Sugano nur langsam. Das Unternehmen, für das der heute 54-Jährige lange arbeitete, stellt mobile Bestellsysteme für die Gastronomie her. Hatten früher die Kunden die Geräte alle drei Jahre ausgetauscht, wurden die Zyklen immer länger: zuerst fünf, dann sieben Jahre, schliesslich behielten viele Restaurants die Geräte, solange diese noch funktionstüchtig waren. Für Suganos Firma wurde es immer schwieriger, im Geschäft zu bleiben. Die Belegschaft schrumpfte von über 4000 Mitarbeitern auf fast die Hälfte.

Aus einem verlorenen Jahrzehnt wurden zwei

1989 platzte Japans Immobilienblase. Das beeindruckende, rasante Wachstum, welches das Land zwischenzeitlich zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt machte, kam zu einem abrupten Ende. Ein Wort, das die meisten Menschen wenn überhaupt nur aus dem Lehrbuch kennen, wurde Realität: Deflation. Preise und Löhne stagnierten oder sanken. Die Firmen drosselten ihre Produktion, die Wirtschaft schrumpfte. Japan schlitterte immer wieder in eine Rezession. Aus einer «Lost Decade» von 1990 bis 2000 wurden nach einer kurzen Erholung 2003/04 gleich zwei «verlorene Dekaden».

Für die meisten Menschen schlichen sich die Veränderungen im Kleinen ein. So seien etwa Schritt für Schritt Zulagen gestrichen worden, erinnert sich Sugano, auf Geschäftsreisen wurden die Hotels billiger, das Essen schlechter. Und auch sein Gehalt ging zurück, um immerhin 20 Prozent.

Abenomics: Das «historische Experiment»

Als Ende 2012 die Liberaldemokratische Partei an die Macht zurückkehrte, erklärte Regierungschef Shinzo Abe die Wirtschaft zur obersten Priorität seiner Politik. Die «Abenomics», eine Kombination aus lockerer Geldpolitik, Konjunkturprogrammen sowie Strukturreformen, sollten wieder Wachstum ermöglichen. Anstelle von Deflation soll es künftig eine jährliche Inflation von zwei Prozent geben. Die japanische Zentralbank wolle sie innerhalb von zwei Jahren erreichen, sagte ihr neuer Chef Haruhiko Kuroda im Frühjahr 2013. Er begann zu diesem Zweck, Japan mehrfach mit grossen Geldmengen zu überschwemmen, zuletzt Ende Oktober 2014.

Ein «historisches Experiment» nennt dies der Wirtschaftswissenschafter  Franz Waldenberger, der das Deutsche Institut für Japanstudien in Tokio leitet. «Moderne Volkswirtschaften haben seit der Grossen Depression von 1929/30 nur das Problem gehabt, die Inflation durch die Geldpolitik begrenzen zu müssen. Keine Währungsbehörde hat bisher versucht, ein Inflationsziel gewissermassen von unten zu erreichen», sagt der Ökonomie-Professor.

Junge Leute drosseln ihren Konsum

Nach der anfänglichen Euphorie zeigt sich immer deutlicher, dass es bis zum angestrebten Inflationsziel noch ein langer Weg ist. Zuletzt rutschte Japan in die fünfte Rezession seit 2000. Die Nachfrage kommt nicht in Schwung. Das liegt auch daran, dass viele junge Leute, wie Hiroyuki Suganos ältester Sohn Kohei, 21, Angst vor der Zukunft haben und ihren Konsum einschränken. Er ist überzeugt: «Egal, welche Partei an der Macht ist, die Wirtschaft wird sich nicht von heute auf morgen ändern.» Kohei hat die Wirtschaftslage seines Landes nie anders als angespannt erlebt. Seit einem abgebrochenen Studium jobbt er in einem DVD-Verleih. Er wisse nicht, was er sonst tun könne oder wolle. Nur, dass er möglichst bald irgendeine feste Stelle finden müsse, dessen sei er sich bewusst.

Sorgen um die Kinder

Wie schwierig die Jobsuche ist, sah Kohei am Beispiel seines Vaters. Mit gut 50 nahm Hiroyuki Sugano das Abfindungsangebot seines strauchelnden Unternehmens an und verliess es. Doch bis er eine neue Stelle fand, dauerte es ein ganzes Jahr. Nun arbeitet er bei einer kleinen Importfirma im Einkauf. Doch der schwache Yen, ein Effekt der Abenomics, verteuert die Wareneinfuhr. Immerhin, so macht sich Sugano Mut, bisher sei der Umsatz stabil.

Planungssicherheit ist dem dreifachen Familienvater wichtig. Denn grosse Ausgaben stehen noch bevor, vor allem für die Ausbildung: Seine jüngste Tochter Mami, 15, geht noch in die Mittelschule. Ihre Schwester Kumi, 19, hat ihr Studium begonnen. Und wie es mit Sohn Kohei weitergeht, ist unklar. Sugano macht sich Sorgen um seine Kinder.

Bei allen Unsicherheiten stand die Familie selbst während Suganos Arbeitslosigkeit nie ganz ohne Einkünfte da. Wenigstens die Stelle seiner Frau Kazuko ist krisensicher: Die 51-Jährige arbeitet für eine Firma, die Sauerstoffgeräte herstellt – ein Geschäft mit Zukunft in der rapide überalternden Gesellschaft. Die Konjunkturlage ändert daran kaum etwas.

Die Wirtschaft schrumpft, die Gesellschaft altert

Doch die japanische Gesellschaft überaltert nicht nur, sondern wird auch kleiner. Das sei einer der Gründe, warum viele Firmen vor dem Ausbau ihrer Produktionskapazitäten zurückschreckten, sagt Wirtschaftsexperte Franz Waldenberger. Er zweifelt daran, dass es vor diesem Hintergrund überhaupt sinnvoll sei, über eine lockere Geldpolitik weitere Investitionen anzuregen. Statt auf Wachstum sollte das Land seiner Meinung nach eher auf eine höhere Produktivität setzen.

Immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter werden in den kommenden Jahrzehnten für immer mehr alte Menschen aufkommen müssen. Nicht alle sind so fit wie Hiroyuki Suganos Mutter Kieko. Die 81-Jährige arbeitet noch immer täglich vier Stunden in einer kleinen Keksmanufaktur. Nicht, weil sie unbedingt muss. Sie habe einfach Spass daran und könne sich auf diese Weise kleine Einkaufsbummel mit ihren Freundinnen leisten, sagt sie. Über Dinge wie Inflation und Deflation habe sie sich nie Gedanken gemacht. «Ich hatte immer Arbeit und war damit komplett ausgefüllt.» Zukunftssorgen hätten sie nie geplagt. In den siebziger und achtziger Jahren habe sich niemand solche Gedanken gemacht, sagt ihr Sohn Hiroyuki. Erst als es der Wirtschaft schlecht ging, hätten die Leute begonnen, sich zu fragen, was die Zukunft wohl bringen möge.

Der Familie Sugano gehört zwar ihr kleines Grundstück im Nordosten Tokios, aber das Haus darauf, für das sie in der Hochkonjunktur einen Kredit aufnahm, muss weiter abbezahlt werden. Geld sparen können die Suganos kaum. Aus finanziellen Gründen gehen sie weniger aus, Restaurantbesuche seien selten geworden. Früher hätten sie nie über die Wasser-, Strom- und Gasrechnung nachgedacht. Das habe sich geändert, sagt das Ehepaar.

Gestiegen ist nur die Konsumsteuer

Wie das Gros der Bevölkerung spürt die Familie Sugano nichts vom Versprechen der Abe-Regierung: Danach hätten dank der Abenomics die Gewinne der Unternehmen wachsen und die Löhne der Mitarbeiter ansteigen sollen. Das hätte die steigenden Preise in der Inflation neutralisiert. Doch bisher haben nur wenige Grossfirmen die Gehälter angehoben. Die meisten Japaner arbeiten aber in kleinen und mittleren Unternehmen, wo die Saläre stagnieren. Im April 2014 wurde zusätzlich die Konsumsteuer von fünf auf acht Prozent erhöht. Seither müssen immer mehr Japaner den Yen öfter umdrehen. Denn die Wirtschaft nahm dies zum Anlass, um nach Jahren der Deflation die Preise zu erhöhen – oft gleich um acht Prozent.

Andere wählten den indirekten Weg, wie Kazuko erfahren musste, die für die Dreigenerationenfamilie einkauft. Sie mag eine bestimmte Sorte Natto, fermentierte Sojabohnen, zum Frühstück. «Ich freute mich, als ich sah, dass der Preis dafür gesunken war. Doch dann merkte ich, dass in der Packung einfach weniger drin war als zuvor.»