Dany Ryser: «Es war kein Wunderjahrgang»

Dany Ryser geht nach 18 Jahren beim SFV in den Ruhestand. Der U17-Weltmeister-Coach über Wunderkinder, Egoismus und den historischen Titelgewinn. 

Mit Xhaka, Rodriguez, Seferovic und Kasami stehen vier U17-Weltmeister im aktuellen Kader der A-Nationalmannschaft. Sie können stolz abtreten.

Dany Ryser: Stolz bin ich deswegen nicht, denn sie haben ihren Weg alleine gemacht. Es ist eher eine Genugtuung. Ebenso oft muss ich aber an alle jene Spieler denken, die es nicht gepackt haben. Mit einigen bin ich bis heute in Kontakt.

Überrascht, dass es genau diese vier geschafft haben?

Nein, schliesslich waren sie ja auch alle in unserem Footuro-Programm für potentielle A-Nationalspieler. Dazu zählen müsste man auch noch Ben Khalifa und Drmic. Letzterer hätte damals ebenfalls zum WM-Kader gehört, wäre er termingerecht eingebürgert worden. Wirklich überraschend ist nur, dass es so viele so weit gebracht haben. Denn die 1992er waren kein Wunderjahrgang.

Wie bitte?

Als ich den Jahrgang übernahm, meinten meine Trainerkollegen vor der WM-Qualifikation: «Dany, da hast Du keine leichte Aufgabe. Das ist kein Superjahrgang». Und als dann die WM begann, stufte uns ein Fachgremium als zweitschwächste Mannschaft ein.

Warum wurde die Sensation möglich?

Weil wir zusammenwuchsen, uns nur auf das nächste Spiel fokussierten und immer auf Sieg spielten. Im dritten Spiel gegen Brasilien wusste ich: Ein Sieg würde uns im Achtelfinal den Turnierfavoriten Deutschland bescheren; eine Niederlage hingegen die scheinbar kleinere Hürde Neuseeland. Ich entschied mich für Deutschland, denn ich wollte den Schwung ausnutzen. Das Risiko hat sich gelohnt.

Wie wichtig war der Titel für die weitere Entwicklung der Spieler?

Er hat sie zutiefst geprägt. Im Sport braucht es nicht nur Talent, sondern auch positive Erfahrungen wie dieser Titel. Die Spieler haben dadurch realisiert, dass sie im Fussball sehr weit kommen können. Als Ottmar Hitzfeld einige U17-Weltmeister in die A-Nati einberief, stellte er fest: «Diese Spieler gehen mit der tiefen Überzeugung auf den Platz, jeden Gegner schlagen zu können».

Das Fussballgeschäft hat sich sehr verändert, die Spieler sicher auch.

Früher hat man befohlen, heute muss man erklären. Die Spieler wollen wissen, warum sie etwas tun müssen. Man muss sie dazu bringen, dass sie sich selber Ziele setzen.

Hören die Spieler heute mehr auf ihre Berater als auf den Trainer.

Natürlich ist der Einfluss der Spielerberater enorm gestiegen. Wir Trainer müssen den Jugendlichen aufzeigen, wo sie wirklich stehen, und welche Interessen jene verfolgen, die sie permanent hochloben. Wird ein Berater einmal zu mächtig, dann sage ich das dem Spieler.

Brauchen Spieler heute einen Berater?

Im Fussball geht es zunehmend ums schnelle Geld statt um den längerfristigen Erfolg. Das gilt auch für gewisse Sportchefs und Klubpräsidenten. In solchen Momenten ist es von Vorteil, einen guten Berater zu haben. Leider gibt es davon nur ganz wenige.

Wie in der Wirtschaft wird der Kampf um die besten Talente immer härter.

Allerdings. Standen früher eine Handvoll Scouts am Spielfeldrand, so sind es heute bis zu 50 und mehr. Das ist zwar ein Kompliment für unsere Ausbildungsarbeit, aber trotzdem könnte ich darauf verzichten.

Warum?

Werden 14-jährige Burschen von den Scouts von Manchester United oder Chelsea kontaktiert, dann sind diese oft heillos überfordert. Und ihre Eltern auch. Dann werden Fehler gemacht, die erfolgreiche Karriere verhindern.

Was raten Sie diesen Spielern?

Bleibt hier! Wir haben weltweit eine der besten Ausbildungen. Profitiert davon und spielt noch ein, zwei Saisons in der Super League. Danach ist die Zeit für den Sprung Ausland gekommen.

Trotzdem gibt es Gegenbeispiele. Spieler wie Pajtim Kasami, der mit 16 eine Irrfahrt durch Europa antrat und trotzdem erfolgreich wurde.

Pajtim ist nun mal ein sehr spezieller Typ. Ich habe damals erst gar nicht versucht, ihm diesen Auslandwechsel auszureden. Das wäre sinnlos gewesen. Aber ich habe mich ihm zusammengesetzt und zwei Stunden lang diskutiert. Ich habe ihm gesagt: «Pajtim, Du kannst uns helfen, und wir können Dir helfen». Und ich habe ihm klar gemacht, was ich von ihm erwarte, wenn er bei uns ist. Dann habe ich ihn fürs erste Trainingslager eingeladen und gespürt, dass er mitzieht. Seine Entwicklung ist ausserordentlich und sein Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Aber meistens gehen solche Karrieren schief.

Gibt es Wunderkinder?

Dieser Ausdruck wird heute inflationär gebraucht wird und meist werden Supertechniker hochgejubelt. Aber auf dem Weg nach oben zählen auch Faktoren wie Leistungsmotivation, Umgang mit Druck oder Stressmanagement. Ich halte es für absolut unmöglich, über die Karriereaussichten eines 13-Jährigen zu urteilen. Das ist unseriös. Und wir dürfen uns nicht auf die Offensivkünstler konzentrieren. Jogi Löw sagte kürzlich zu mir: Wir haben ein Problem, weil wir zu viele Mittelfeldspieler und Stürmer ausbilden und dabei die anderen vergessen.

Spieler wie Linkverteidiger Ricardo Rodriguez, der 2009 nicht im Mittelpunkt stand, aber heute der erfolgreichste U17-Weltmeister ist?

Ja. Er stand allerdings zu Unrecht im Schatten der anderen. Er hat ein ausgezeichnetes Turnier gespielt und auch gegen Gegner wie Neymar gut ausgehen. Aber richtig ist: Ricardo ist kein Zauberer, sondern macht immer das, was er am besten kann.

Das Rollenmodell für junge Spieler ist David Beckham. Man braucht eine auffällige Frisur, Tattoos – und ein Model als Freundin. Stört Sie dieser Starkult?

Fussball ist das Spiegelbild der Gesellschaft und das Individuum ist heute nun mal das Wichtigste. Ich versuche einfach jedem klar zu machen: «Alleine wirst du niemals eine grosse Karriere machen. Du brauchst dazu immer ein Team». Und jeder sollte sich bewusst sein, dass das Team knallhart auf Egoismus reagiert. Unsere Schweizer Mannschaften werden immer nur Erfolg haben durch eine geschlossene Teamleistung. Wir sind zu klein, um gleichzeitig elf herausragende Individualisten hervorzubringen.

Das Wichtigste, das ein Talent braucht ist ...

Fussballerisches Potenzial, Leidenschaft und ganz viel Spielpraxis. Wer auf der Bank sitzt, der stagniert. Womit wir wieder bei der richtigen Karriereplanung wären...

Leiden Sie mit, wenn Karrieren von ehemaligen Schützlingen bachab gehen?

Leiden ist übertrieben. Ich bedauere es. Aber häufig gibt es dafür gute Gründe. Etwa wenn einer glaubt, er müsse nicht mehr an sich arbeiten, kaum hat er den ersten Profivertrag unterschrieben. Ohne Unterstützung aus dem familiären Umfeld ist eine erfolgreiche Karriere ganz schwierig. Die einen werden zu wenig unterstützt, die anderen zu viel.

Sie mussten selbst harte Entscheidungen treffen und den jungen Spielern mitteilen.

Das sind nicht die angenehmsten Momente in diesem Beruf. Aber schlussendlich geht es bei unserer Ausbildung um die Spitze und es ist ein unerbittlicher Ausscheidungsprozess. Ich war mit jedem Spieler immer offen und ehrlich. Bei mir wusste jeder ganz genau, woran er ist. Und ich habe immer versucht, mitzuhelfen, dass jene, die aussortiert wurden, nicht ganz auf der Strecke bleiben, sondern Perspektiven haben.

Wie veränderte der WM-Titel Ihr Leben?

Ohne den Titel wäre ich niemals um die halbe Welt gereist, um über Nachwuchsförderung zu referieren. Ich wäre niemals vor Wirtschaftsvertretern aufgetreten, um über Coaching und Teambuilding zu berichten. Aber ich habe immer versucht, mich selbst zu bleiben. Man sah mich nie an Anlässen, um am nächsten Tag mit einem Cüpli-Glas in der Zeitung zu erscheinen.

Gab es Jobangebote, die sie sich ernsthaft überlegt haben.

Nach dem WM-Titel erhielt ich viele ausländische Angebote als Nationaltrainer, U21-Trainer oder Technischer Direktor. Aber ich bin hier sehr verwurzelt und auch der SFV hat mir seine Wertschätzung entgegengebracht, deshalb bin ich geblieben.

Später hatten Sie auch Anfragen aus der Super League.

Ja, und sportlich hätte mich der Profi-Bereich auch gereizt. Aber mit dem ganzen Zirkus tue ich mich schwer. Ich halte Wertschätzung und Respekt für wichtig. Dinge, die im Umgang mit Trainern aus der Mode gekommen sind...

... aber in den Trainer-Gehältern eingepreist sind.

Dann verzichte ich gerne auf mehr Geld.

Wo sehen Sie noch Potenzial für die Optimierung der sehr erfolgreichen SFV-Nachwuchsförderung?

Es braucht keine Revolution, aber wir müssen uns ständig weiterentwickeln. Letzten Sommer haben wir das Projekt Footeco etabliert für die 12- und 13-Jährigen. Als nächstes gilt es das Footuro-Programm zu modernisieren. Wir müssen die Zusammenarbeit mit den Vereinen intensivieren, wir brauchen Talentmanager, um die Top-Spieler noch intensiver betreuen zu können. Solche Dinge werden vom neuen Team um Laurent Prince und Heinz Moser in Angriff genommen.

Ist ein neuer Jahrgang in Sicht, der uns noch Freude machen wird?

Die 2000er scheinen interessant zu sein.Aber wir haben in allen Altersklassen Talente. Unser Ziel bleibt immer dasselbe: Wir wollen pro Jahrgang ein bis zwei Spieler in die A-Nati bringen.

Bleiben Sie für alle Zeiten der einzige Schweizer Weltmeister-Coach?

Ich halte weitere Titel für absolut möglich. Es muss einfach alles zusammenpassen. Warum nicht auch einmal bei der A-Nati?