«Die CS wäre ohne starken Heimmarkt nicht denkbar»
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«Die CS wäre ohne starken Heimmarkt nicht denkbar»

Ein Jahresendgespräch mit Urs Rohner, dem Verwaltungsratspräsidenten der Credit Suisse Group, über die wachsende Bedeutung des Schweizer Marktes, über das gestiegene Ansehen des Finanzplatzes und über die richtige Balance zwischen Regeln und Selbstverantwortung.

Daniel Ammann: Herr Rohner, mit der neuen Strategie, die Sie im Oktober angekündigt haben, scheint der Fokus der Credit Suisse wieder stärker auf der Schweiz zu liegen.

Urs Rohner: Das ist richtig. Nachdem wir in der Vergangenheit etwas stärker im Ausland engagiert waren, werden wir unsere Präsenz in der Schweiz in den kommenden Jahren gezielt ausbauen. Ich bin der Überzeugung, dass die Credit Suisse ohne den starken Schweizer Heimmarkt nicht denkbar wäre, gleichzeitig wäre die Schweiz ohne die Credit Suisse sicher eine andere. Immerhin sind wir nächstes Jahr seit 160 Jahren erfolgreich hier tätig und unser Erfolg als die erste Unternehmerbank der Schweiz ist uns eine wichtige Verpflichtung. Sie sehen, es gibt viele Gründe, uns mehr einzubringen, und dies werden wir auch tun.

Was heisst das konkret?

Wir haben 400 Millionen Franken vorgesehen, die in der Schweiz investiert werden, dies unter anderem in den Personalausbau, in die Compliance und nicht zuletzt in die Digitalisierung. Insgesamt möchten wir uns noch mehr vor Ort einbringen, für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter. 

Das Credit Suisse Sorgenbarometer zeigt dieses Jahr sehr positive Resultate in Bezug auf den Finanzplatz. Fast jeder fünfte Schweizer sieht die Banken als eine Stärke unseres Landes an – der höchste Wert seit Anfang der Finanzkrise. Ihre Einschätzung?

Es freut mich natürlich sehr, dass das Engagement der Finanzbranche positive Resonanz in der Öffentlichkeit findet. Tatsächlich konnte unser Finanzplatz einige Herausforderungen bewältigen, seien es Altlasten im Private Banking oder das anspruchsvolle «Too big to fail»-Regime für systemrelevante Banken. Auch haben die meisten Institute in Innovation und neue Technologien investiert – wir richten uns auf die Zukunft aus und bereiten unser Geschäft auf neue Kundenbedürfnisse vor. Die deutlich verbesserte Wahrnehmung des Finanzplatzes ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dennoch ist es kein Grund, in Selbstzufriedenheit zu verfallen.

Zum Beispiel in Bezug auf die Branchenkultur? Letztes Jahr kam der Verhaltensökonom Ernst Fehr zum Schluss, die Bankenindustrie sei teilweise durch falsche Werte geprägt.

Ich gehe mit Professor Fehr völlig einig: Es ist wichtig, dass ganz klare Wertvorstellungen innerhalb der Unternehmen kommuniziert und auch gelebt werden. Das gilt für das Banking ebenso wie für andere Branchen. Wenn ich mich richtig erinnere, hat diese Studie der Universität Zürich einen Hinweis darauf geliefert, dass die Unternehmenskultur bei Bankmitarbeitenden in gewissen Bereichen Unehrlichkeit begünstigen könnte. Es wäre jedoch ziemlich weit gegriffen, diese Schlussfolgerung auf die gesamte Industrie auszudehnen.

Reichen unternehmensinterne Verhaltensvorschriften denn wirklich aus?

Entscheidend ist die richtige Balance zwischen Regeln und Selbstverantwortung, vor allem, wenn man gleichzeitig das Engagement der Mitarbeitenden fördern möchte. Verhaltensvorschriften sind Voraussetzung, aber noch lange keine Erfolgsgarantie. Aus meiner Sicht darf der Einfluss einer Unternehmenskultur auf den Einzelnen nicht unterschätzt werden. Dabei ist es die Aufgabe des Managements und des Verwaltungsrates, die richtigen Werte und Verhaltensweisen vorzugeben und diese auch konsequent vorzuleben. In den Unternehmen können innovative Technologien eingesetzt werden, um allfällige Abweichungen von dem gewünschten Verhaltenskodex festzustellen. Doch wie gesagt, ein gewisses Mass an Verantwortlichkeit des Einzelnen ist unverzichtbar und wir fördern diese auch aktiv.

Der Trend scheint aber in eine andere Richtung zu weisen – es gibt immer mehr Gesetze und Vorschriften.

Regulierung kann durchaus notwendig sein, vor allem bei der Festlegung des Handlungsspielraums der Wirtschaftsakteure. Schwierig wird es aus meiner Sicht, wenn die Vorschriften so weit ins Detail gehen, dass sie für die Betroffenen nahezu unverständlich werden oder bei der Umsetzung mit anderen Regelwerken in Konflikt geraten. Doch prinzipiell schafft Regulierung – besonders im Banking, aber auch in anderen Industrien – eine gewisse Sicherheit für Anleger und Investoren. Auf der anderen Seite wirken sich die dadurch stark gestiegenen operativen Kosten nachteilig für die Unternehmen aus.

Was halten Sie vor diesem Hintergrund von den Überlegungen der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht, «FinTech»-Startups regulatorische Erleichterungen zu gewähren?

Ich bin davon überzeugt, dass Innovation ganz branchenunabhängig zu den wichtigsten Treibern der Wettbewerbsfähigkeit und des Wachstums gehört. Dementsprechend muss man sie fördern, das steht völlig ausser Frage. Ob Erleichterungen im Hinblick auf existierende gesetzliche Vorschriften, beispielsweise im Bereich der Geldwäschereikontrolle, unbedingt zielführend sind, das muss der Regulator abwägen. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, mehr innovative Jungunternehmen in der Schweiz zu sehen, dies wäre für den Finanzplatz und letztendlich für die Kunden sicher von Vorteil.

Wo findet man die jungen innovativen Köpfe, wenn nicht in der Schweiz?

Führend im Bereich der Gründung und Förderung junger Unternehmen bleibt mit Abstand Kalifornien, also das Silicon Valley. Interessanterweise hat sich London durch eine gezielte Zusammenarbeit von Politik und Industrie zum zweitwichtigsten Standort für die sogenannten «FinTech»-Jungunternehmen entwickelt. Gerne würde ich ähnliche Erfolge auch in der Schweiz sehen. Denn neue Ideen und Talente könnte unser Finanzplatz sicher noch viel mehr vertragen.

Wenn wir von der Zukunft sprechen: Sie haben aktuell eine ausserordentliche Generalversammlung hinter sich. Was passiert als Nächstes?

Ja, wir konnten vor wenigen Wochen eine bedeutende Kapitalerhöhung durchführen. Nun wird die Kapitalallokation unter unseren Geschäftsbereichen angepasst. Das heisst, das Vermögensverwaltungsgeschäft und die wichtigsten Wachstumsmärkte werden künftig mehr Kapital zur Verfügung haben – dies wird den Effekt der bereits bekannten Massnahmen weiter verstärken. Mit diesen Veränderungen wollen wir ein nachhaltiges, profitables Wachstum und für unsere Aktionäre messbaren Mehrwert erzielen, welcher sich über die Zeit auch in der Dividendenausschüttung bemerkbar machen wird.