John Kerry: «Der Geist der Globalisierung lässt sich nicht in die Flasche zurückbannen»
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John Kerry: «Der Geist der Globalisierung lässt sich nicht in die Flasche zurückbannen»

Beim 19. Credit Suisse Salon in Dubai am 9. Mai 2017 diskutierte der frühere US-Aussenminister John Kerry mit dem ehemaligen britischen Premierminister Sir John Major über «Leben in unsicheren Zeiten: die Zukunft des Nahen Ostens». Themen waren der Klimawandel, das Iran-Abkommen, Syrien, die Ursachen für zunehmende öffentliche Unzufriedenheit, die Rolle der Regierungen und des Privatsektors.

Die Märkte schienen eher auf Stimmungen als auf wirtschaftliche Fundamentaldaten zu reagieren, sagte Iqbal Khan, CEO International Wealth Management der Credit Suisse und Gastgeber des Salons, in seiner Eröffnungsrede. Die Industriestaaten erlebten ebenso schwierige Zeiten wie die Schwellenländer einschliesslich des Nahen Ostens.

Michael O'Sullivan, CIO International Wealth Management, stellte die These zur Diskussion, dass der Weg in die Zukunft auch für den Nahen Osten in immaterieller Infrastruktur wie Technologie, Bildung, Entwicklungsstand, Rechtsstaatlichkeit und dem Aufbau von Institutionen liege. Aus seiner Sicht bilden diese Faktoren das Rückgrat eines Landes und «generieren tendenziell gut verteiltes, stabiles und integratives Wachstum».

Über Diversifizierung nachdenken

John Kerry äusserte sich zunächst zum Klimawandel. «Man kann die Bedeutung des Umgangs mit dem Klimawandel und den Paradigmenwechsel im Energiebereich nicht aussen vor lassen», sagte er. Kerry räumte ein, dass es sich um ein für den Nahen Osten heikles Thema handelt, begrüsste aber, dass die meisten Staatschefs über eine Diversifizierung nachdenken. Ferner betonte er, dass die Bekämpfung des Klimawandels eine der grössten Chancen für Wachstum, Entwicklung und «Geldverdienen» sei, die die Welt je gesehen habe.

Die komplexe Situation in Syrien, in der so viele Akteure so viele Stellvertreterkämpfe führten, erfordert aus Sicht des ehemaligen US-Aussenministers eher eine politische denn eine militärische Lösung. Obwohl er Russland als Teil des Problems betrachtete, war Kerry sicher, dass das Land auch Teil einer Lösung sein werde.

Auf wahrgenommene Bedürfnisse reagieren

Ausführlich äusserste sich Kerry darüber, was in den kommenden 25 Jahren getan werden müsse, um die grundlegenden Probleme zu lösen, die grössere öffentliche Unruhen wie etwa jene des Arabischen Frühlings hervorrufen könnten. «Jede Politik ist eine Reaktion auf wahrgenommene Bedürfnisse», zitierte er seinen Professor aus Yale. Für Kerry ist es kein Geheimnis, dass weite Teile der Bevölkerung sich zunehmend als rechtlos und als Opfer der Globalisierung betrachten. Sie sehen ein immer grösseres Wohlstandsgefälle und realisieren, dass sie nicht dieselben Chancen haben; dank moderner Technologien wissen sie jederzeit genau, was andere haben und ihnen vorenthalten wird.

Kerry war jedoch der festen Überzeugung, dass kein Land stärker werden und sich besser entwickeln könne, wenn es nicht am globalen Handel teilnehme. «Der Geist der Globalisierung lässt sich nicht in die Flasche zurückbannen. Es ist jedoch möglich, ihre negativsten Folgen in den Griff zu bekommen.» Kerry sprach er sich leidenschaftlich für einen «sensiblen, umsichtigen, fortschrittlichen und nachhaltigen» Kapitalismus aus – im Gegensatz zum «Raubritterkapitalismus».

Transparentere und nachvollziehbare Regierungsgewalt

Laut dem ehemaligen US-Aussenminister muss die Regierungsführung viel schneller besser werden. Die Zukunft, so Kerry, liege in einer agileren, transparenten und nachvollziehbaren Regierungsgewalt und einem langfristig orientierten Führungsstil. In einer Welt mit 200 Millionen Kindern, die nicht einmal die Grundschule besuchen, müssten Regierungen Bildung für alle sicherstellen und mehr Chancen schaffen. Mit Begeisterung merkte er an, dass einige Staatschefs im Nahen Osten bereits in vielerlei Hinsicht Vorreiter seien.

Auch betonte er die Rolle des Privatsektors beim Umgang mit den Folgen von Arbeitsplatzverlusten in Branchen, in denen künstliche Intelligenz und Robotik nach und nach bestehende Jobs ersetzen, und lenkte die Aufmerksamkeit auf die aussergewöhnlichen Chancen, die sich durch all die anstehenden Aufgaben ergeben – beim Bau von Krankenhäusern und Schulen ebenso wie bei modernen Transportsystemen und im Gesundheitswesen. Er beklagte die Tatsache, dass 12 bis 13 Billionen Dollar mit negativen Zinsen belegt sind, und betonte, dass der Privatsektor mehr bewirken kann als alle anderen Akteure. Ferner ermahnte er diejenigen Zuhörer, die «entscheiden, wohin das Kapital fliesst», das politische System zu schnellerem Handeln und zu stärkerer Bedarfsorientierung zu drängen.

Erfrischend optimistisch

Insgesamt verbreitete Kerry, wie Sir John Major treffend formulierte, eine «erfrischend optimistische» Stimmung. Er fühlte sich ermutigt, etwa durch die Trends bei der Verringerung der Armut (laut Sir John Major schaffen täglich rund eine Viertelmillion Menschen den Aufstieg aus absoluter Armut), durch den Nutzen der Technologie, eine höhere Lebenserwartung und die Fortschritte bei der Verbesserung der Gesundheit und der Heilung von Krankheiten. «Für eine schwangere Frau irgendwo auf der Welt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind überlebt, zu Essen bekommt und zur Schule geht, heute höher als jemals zuvor.» Worte, die in unsicheren Zeiten den richtigen Ton trafen.