Unternehmenssteuerreform III: Waadt und Genf rollen das Feld von hinten auf
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Unternehmenssteuerreform III: Waadt und Genf rollen das Feld von hinten auf

Die Unternehmenssteuerreform III schmälert die Möglichkeiten der Kantone Unternehmen durch Steuerprivilegien anzuziehen. Stattdessen wird der Wettbewerb künftig vermehrt über die ordentlichen Steuersätze stattfinden: Die Hochsteuerkantone Genf und Waadt stehen besonders unter Zugzwang. Die neue Regionalstudie der Credit Suisse untersucht die möglichen Auswirkungen dieses grundlegenden Umbaus der Unternehmensbesteuerung.

Mit der Unternehmenssteuerreform III steht das Schweizer Steuersystem vor grossen Veränderungen. Auf Druck der OECD und der G20 soll die tiefere Besteuerung von ausländischen Unternehmensgewinnen abgeschafft werden. Das Bassin Lémanique ist als Standort zahlreicher globaler, privilegiert besteuerter Konzerne besonders betroffen. Die Kantone Waadt und Genf beabsichtigen deshalb, die steuerliche Attraktivität für Unternehmen durch eine deutliche Senkung der ordentlichen Gewinnsteuern zu erhalten: in Genf von rund 24 Prozent auf 13 Prozent, in der Waadt von 22 Prozent auf 13.8 Prozent (jeweils inkl. direkte Bundessteuer). 

Grosse Abstände zwischen ordentlichen und privilegierten Steuersätzen

Grosse Abstände zwischen ordentlichen und privilegierten Steuersätzen

Effektive Gewinnsteuersätze für ordentlich sowie privilegiert besteuerte Unternehmen, sowie Mittelwert für alle juristischer Personen, 2009-2011, geplanter ordentlicher Satz nach USR III gemäss kantonalen Behörden

Quelle: Eidgenössische Steuerverwaltung, Kantone, Credit Suisse

Genf und Waadt setzten auf die privilegierte Besteuerung

In der Schweiz profitierten Unternehmen, deren Gewinne zu einem grossen Teil im Ausland anfallen, jahrelang von steuerlichen Vorzügen. Diesen sogenannten Statusgesellschaften gewährten die Kantone weit tiefere Gewinnsteuersätze als gewöhnlichen Unternehmen. Unter dem Strich resultierte für Statusgesellschaften ein mittlerer Gewinnsteuersatz (Bund, Kantone und Gemeinden) von rund 4 Prozent in der Waadt und 11 Prozent im Kanton Genf (Durchschnittswerte 2009-2011) – weit geringer als die ordentlichen Gewinnsteuersätze von 22 Prozent beziehungsweise 24 Prozent. Insbesondere der Kanton Waadt zählte für solche Unternehmen im nationalen wie internationalen Vergleich zu den attraktivsten Standorten. Zahlreiche Unternehmen sind zugezogen; die Gewinnsteuereinnahmen sind gestiegen.

Höhenflug der Gewinnsteuern in der Waadt

Höhenflug der Gewinnsteuern in der Waadt

Gewinnsteuereinnahmen indexiert, 100 = 2000; bereinigte Zahlen (EFV) bis 2013, ab 2014 Zahlen der Kantone

Quelle: EFV, Kantone, Credit Suisse

Mit den geplanten Einheitssteuersätzen dürfte sich die Steuerbelastung für gewöhnliche, ordentlich besteuerte Unternehmen stark verringern. Für heutige Statusunternehmen in Genf und besonders im Kanton Waadt bringen diese aber eine deutliche Erhöhung (von ca. 11 Prozent auf 13 Prozent in Genf bzw. 4 Prozent auf 13.8 Prozent in der Waadt). Was bedeutet dies für die kantonalen Finanzen? Gemäss unseren Schätzungen vermag die höhere Besteuerung der Statusunternehmen die Mindereinnahmen von ordentlich besteuerten Unternehmen nicht zu kompensieren. In der Waadt resultiert ein Minderertrag von rund CHF 170 Mio., in Genf von CHF 330 Mio. Nicht berücksichtigt sind dabei allfällige Reaktionen der Unternehmen auf die neuen Gewinnsteuersätze. Da die Steuererhöhung für Statusgesellschaften in der Waadt deutlich stärker ausfällt als in Genf, ist die Gefahr der Abwanderung von privilegiert besteuerten Unternehmen hier höher einzuschätzen. Abhängig vom internationalen Steuerumfeld könnte die Steuersatzsenkung in den Kantonen Genf und Waadt aber längerfristig auch zur Ansiedlung von Unternehmen und Steuersubstrat führen.

Steuersenkungen erhöhen Standortqualität in Genf und Waadt deutlich

Die hohe Verfügbarkeit von Hochqualifizierten sowie die Nähe zum Flughafen Genf tragen zur Attraktivität für Unternehmen bei. Unser Standortqualitätsindikator zeigt aber auf, dass die Kantone Genf und Waadt bezüglich der anderen Dimensionen der Standortqualität heute nicht zu den Spitzenreitern gehören. Dies liegt hauptsächlich an der im Schweizer Vergleich relativ hohen Besteuerung von Unternehmen, die nicht in den Genuss von Steuerprivilegien kommen.

Basierend auf den bereits angekündigten Anpassungen bei den kantonalen Gewinnsteuern haben wir den Standortqualitätsindikator neu berechnet. Bei Reduktion des Gewinnsteuersatzes auf 13 Prozent käme der Kanton Genf neu auf Rang 3 zu liegen, eine Verbesserung um 13 Positionen. Im interkantonalen Standortwettbewerb würde er damit auch für ordentlich besteuerte Unternehmen auf einen Schlag zur Spitze gehören. Der Kanton Waadt könnte sich durch eine Reduktion des Gewinnsteuersatzes auf 13.8 Prozent um 6 Ränge auf Rang 13 verbessern, was ungefähr dem Schweizer Mittel entspricht. Die Steuersenkungen stellen eine Investition in die Standortqualität dar, die sich langfristig lohnen dürften. Das Bassin Lémanique bliebe einerseits für heutige Statusunternehmen im internationalen Vergleich attraktiv. Andererseits würde die Region mit den neuen tieferen Einheitssteuersätzen im interkantonalen Standortwettbewerb deutlich vorrücken. Damit erhöhen sie die Chancen auf Ansiedelungen sowie Wachstum und erhöhte Investitionen ansässiger Firmen.

Standortqualität der Schweizer Kantone 2015 und nach geplanten Steueranpassungen infolge USR III

Standortqualität der Schweizer Kantone 2015 und nach geplanten Steueranpassungen infolge USR III

Standortqualitätsindikator (SQI), Synthetischer Index, CH = 0, 2015 und nach Neuberechnung des Teilindikators für die Steuerbelastung der juristischen Personen

Quelle: Credit Suisse