Naturschutzfinanzierung als ungenutzte Anlagechance
Neuste Artikel

Naturschutzfinanzierung als ungenutzte Anlagechance

«Naturschutzfinanzierung stellt eine ausbaufähige und äusserst vielversprechende Anlagemöglichkeit im Privatsektor dar», so Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse, in einem neuen Bericht.

Was ist Naturschutzfinanzierung?

Naturschutzfinanzierung (Conservation Finance) lässt sich als Mechanismus definieren, durch den eine indirekte oder direkte Finanzinvestition getätigt wird, um einen oder mehrere Cashflows zu generieren. Ein Teil der Renditen fliesst in den langfristigen Erhalt von Ökosystemen, während der Rest den Anlegern eine finanzielle Rendite liefert. 

Vor zwei Jahren veröffentlichten die Credit Suisse, der WWF und McKinsey mit einem Thought-Leadership-Report den ersten Bericht, der sich mit dem Thema Naturschutzfinanzierung aus Anlegersicht befasste. In dem Bericht wurden der ungedeckte Bedarf an Geldern für den Naturschutz, zugängliche Cashflows sowie das Anlagekapital hervorgehoben, das in grossem Umfang verfügbar wäre. In dem darauf aufbauenden, kürzlich veröffentlichten Report mit dem Titel «Conservation Finance – From Niche to Mainstream: The Building of an Institutional Asset Class» (Naturschutzfinanzierung – Von der Nische zum Mainstream: Aufbau einer institutionellen Anlageklasse) befasst sich die Credit Suisse gemeinsam mit dem McKinsey Center for Business and Environment insbesondere mit spezifischen Paradigmenwechseln, welche die nächste Wachstumsphase im Bereich Naturschutzfinanzierung einleiten könnten. 

Die schrittweise Zerstörung der noch verbliebenen, intakten Ökosysteme unseres Planeten ist keine Neuigkeit mehr. So liegt die Rate des Artensterbens laut einer im Fachmagazin Conservation Biology erschienenen Studie der Brown University heute rund 1000-mal höher als während des vormenschlichen Zeitalters. Es wird damit gerechnet, dass dieser Wert in Zukunft sogar um das 10'000-Fache höher liegen könnte. Ein grosses Problem auf dem Weg hin zu besserem Naturschutz sind die fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten. Zum Erhalt intakter Ökosysteme sind laut Schätzungen 300 bis 400 Milliarden US-Dollar pro Jahr nötig. «Um die Finanzierungslücke für den Erhalt der wertvollsten Ökosysteme der Erde zu schliessen, werden 200 bis 300 Milliarden US-Dollar an zusätzlichem Kapital benötigt. Privates Anlagekapital dürfte hierbei die einzige Quelle sein», so Thiam im Vorwort des Berichts. Es könnte gut sein, dass Naturschutzfinanzierung Teil der Lösung ist.

Wachstumsmöglichkeiten für Naturschutzfinanzierung

Zurzeit besteht ein umfassender und bislang ungedeckter Bedarf an Naturschutzfinanzierung. Laut des Berichts müssen sich drei wesentliche Paradigmenwechsel vollziehen, um einige der grössten Hindernisse für den Ausbau von Naturschutzfinanzierung aus dem Weg zu schaffen, nämlich: Inkubation, Skalierung und Mainstreaming. Inkubation konzentriert sich auf Lösungen, um ein Projekt von einer konzeptionellen Idee zu einem kommerziellen Geschäftsmodell zu machen. Skalierung hat die Aufgabe, klein angelegte Projekte schrittweise auszubauen. Während der Phase Mainstreaming erfolgt der nächste Schritt. Auf der Grundlage bewährter, mittelgrosser Projekte werden hier gross angelegte und etablierte Finanzprodukte im Bereich Naturschutz entwickelt, die sich an Mainstream-Anleger richten. Der Fokus auf diese Paradigmenwechsel könnte zu einem erheblichen Finanzierungszuwachs führen. Insgesamt haben sie das Potenzial, aus der Naturschutzfinanzierung bis 2020 einen Anlagemarkt mit einem Volumen von 200 bis 400 Milliarden US-Dollar zu machen. Gerade im derzeitigen Niedrigzinsumfeld suchen Anleger nach neuen Anlagemöglichkeiten. Sie wünschen sich zunehmend nicht nur finanzielle Renditen, sondern auch eine nichtfinanzielle Wirkung von ihrem Kapital über direkte oder indirekte Anlagen in ökologisch nachhaltige Projekte – auch «Environmental Impact Investing» genannt.

Anlagepotenzial von Mainstream-Finanzinstrumenten im Bereich Naturschutz

Anlagepotenzial von Mainstream-Finanzinstrumenten im Bereich Naturschutz

Quelle: Credit Suisse, McKinsey & Company

Bestehende Finanzprodukte im Bereich Naturschutz und neue Möglichkeiten

Die momentan vorherrschenden Finanzvehikel im Markt für Naturschutzfinanzierung sind Anleihen- und Aktienfonds sowie die Erlöse aus Anleihen und Notes. Da Anleger neuen Anlagemöglichkeiten mit vernünftigen Risiko-Rendite-Profilen und keiner oder geringer Korrelation gegenüber den Aktienmärkten zunehmend positiv gegenüberstehen, steigt die Nachfrage nach Impact Investing rasant. Naturschutzanlagen haben im Allgemeinen eine geringere Korrelation gegenüber den Finanzmärkten als andere Anlagen, da natürliche Ressourcen wie Wälder von makroökonomischen Entwicklungen unabhängig sind. Zudem ergeben sich immer mehr neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Anlegern, NGOs und öffentlich-rechtlichen Körperschaften, sodass Anleger ihre Portfolios weiter diversifizieren können. Die Zahl der verfügbaren «Value-Projekte» im Bereich Naturschutz steigt rapide, während die Nachfrage nach nachhaltigen landwirtschaftlichen oder FSC-zertifizierten forstwirtschaftlichen Produkten nun bereits stärker ist als in den traditionellen Nicht-Naturschutz-Segmenten ihrer Märkte. Neue Technologien und Tools sind ein weiterer Faktor zugunsten von Naturschutzfinanzierung, da sie die Transparenz und Messbarkeit der Auswirkungen von Naturschutzprojekten massiv erhöhen, was wiederum die Glaubwürdigkeit des Marktes verbessert.

Aktuelle Finanzprodukte im Bereich Naturschutz

Aktuelle Finanzprodukte im Bereich Naturschutz

Quelle: Credit Suisse, McKinsey & Company

Bestehende Herausforderungen

Eine starke Nachfrage nach Naturschutzfinanzierung schliesst aber nicht aus, dass der Markt nicht auch mit Herausforderungen konfrontiert ist. Fünf Hürden sind in der Studie hervorgehoben. Erstens sind die Kosten bei der Ermittlung von Umweltschutzprojekten mit guten Risiko-Rendite-Profilen weiterhin hoch. Zweitens gibt es nur wenige Projektentwickler mit einem Track Record beim Aufbau von Naturschutzprojekten, die Cashflow generieren. Drittens fehlen oftmals Sicherheiten, die genutzt werden können, um Finanzierungskosten und das finanzielle Risiko zu reduzieren, da viele Projektentwickler unsicher sind, was als Sicherheit verwendet werden könnte. Viertens bleibt die Skalierbarkeit ein Problem, da die meisten Projekte über einen Schwellenwert von 5 Millionen US-Dollar hinaus noch nicht replizierbar sind. Dies führt zu hohen Transaktionskosten. Und schliesslich stellt auch die Überwachung der Ergebnisse ein Problem dar, da es an bewährten und standardisierten Rahmenkonzepten zur Überwachung der Auswirkungen von Naturschutzprojekten fehlt.

Produktstrukturen, die als Katalysatoren dienen könnten

Der Bereich Naturschutzfinanzierung könnte von einem systematischeren Ansatz bei der Skalierung und Replikation von Projekten zur drastischen Reduzierung der hohen Transaktions- und Strukturierungskosten erheblich profitieren. Die Replikation homogener Projekttypen und ihre Finanzierung durch Aktien und/oder Anleihen oder die Strukturierung mehrerer heterogener Projekte mit anschliessender Bündelung in einem einzigen Finanzprodukt dürfte das Wachstum im Markt für Naturschutzfinanzierung weiter steigern. Eine Minimierung der Transaktionskosten durch einen standardisierten, wie in der Studie beschriebenen Prozess könnte die Situation ebenfalls deutlich verbessern. Schliesslich muss auch eine Lösung zur Risikominderung gefunden werden, beispielsweise durch operationelle Unterstützung oder Garantien (siehe Abbildung). Unabhängig von dem gewählten Ansatz wird es entscheidend sein, Anlagevorschläge zu entwickeln und zusammenzustellen, die marktübliche Renditen bieten und verschiedene Finanzierungsquellen nutzen, um Risiken zu mindern und die grösstmögliche Wirkung zu erzielen. «Die Natur darf nicht zu einem Rohstoff gemacht werden, sondern vielmehr zu einem Vermögenswert, der vom Mainstream-Markt geschätzt wird», so Thiam abschliessend.

Übliche Strategien zu Risikominderung

Übliche Strategien zu Risikominderung

Quelle: Credit Suisse, McKinsey & Company