Rohstoffhandel – eine Frage der Verantwortung

Der Rohstoffsektor wird in der Schweiz kontrovers diskutiert. Menschenrechtsverletzungen, Umweltschäden und Korruption sind Vorwürfe, mit denen sich die Branche konfrontiert sieht. Der Ruf nach einem nachhaltigeren Ansatz ist jedoch immer auch eine Frage der Verantwortung. Dieser Frage widmete sich das 19. Lifefair-Forum in Zürich.

Im Januar 2015 begaben sich sieben Bürger und Bürgerinnen aus der Region Zürich auf den Weg nach Kolumbien. Ihr Ziel: Glencores Kohleminen zu besuchen – und damit auf allfällige Missstände hinzuweisen, die es zu beheben gilt. Auslöser für diese Aktion war der Umstand, dass Ivan Glasenberg, CEO des Rohstoffriesen, 2012 dem Kanton Zürich Nachsteuern im Wert von 360 Millionen Franken entrichten musste. Daraufhin forderten einige Stimmbürger mehrerer Gemeinden, dass ein Anteil dieses Geldes an verschiedene Hilfswerke, die in rohstoffproduzierenden Ländern tätig sind, zugute kommt.

Die Forderung legte den Grundstein für die Reisegruppe, um sich mit Umsiedlungen, Umweltverschmutzung und Arbeiterausbeutung zu befassen. Das Ergebnis dieser Erkundungsreise war ein 50-seitiger kritischer Bericht, gerichtet an Glencore. Die Reaktion des CEO darauf war überraschend, denn es folgte eine Einladung an die Reisegruppe sowie NGO-Vertreter, ihn auf eine zweite Reise nach Kolumbien zu begleiten. Einblicke in Form eines Videoausschnittes dieser zweiten Reise, die im März 2015 stattfand, bildeten dann auch den Auftakt des 19. Lifefair Forums am 8. Juni 2015 zum Thema «Rohstoffhandel im Gespräch» (siehe Box).

Die Schweiz als Drehscheibe im globalen Rohstoffgeschäft

Diese Bürgerinitiative zeigt nicht nur, dass ein einst als verschwiegen bezeichneter Sektor zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, sondern macht auch deutlich, dass eine gewisse Bereitschaft seitens Schweizer Rohstoffkonzerne – zumindest in Glencores Fall – vorhanden ist, die Herausforderungen in diesem Bereich öffentlich zu thematisieren. 

Es existieren verschiedene Herangehensweisen an dieses Thema, wie Bruno Bischoff von Sustainability Affairs Credit Suisse, erklärt. Zum einen sei der volkswirtschaftliche Zugang zu nennen: So wird gemäss einer Schätzung des Eidgenössischen Finanzdepartements von 2013, gegen ein Viertel bis ein Drittel des internationalen Rohstoffhandelsvolumens von Unternehmen aus der Schweiz getätigt, was das Land zu einem der wichtigsten Rohstoffhandelsplätze der Welt macht. Aber auch die persönliche Verantwortung darf nicht ausser Acht gelassen werden, denn wir sind alle – direkt oder indirekt – Konsumenten von Kaffee, Zucker, Kupfer, Nickel und vielem mehr. Dies wirft die Frage auf, ob nicht auch der Konsument ein gewisses Bewusstsein dafür entwickeln sollte, wie Rohstoffe vor Ort abgebaut werden.

Durch Druck zum Dialog?

Die Frage nach der Verantwortung wurde im Rahmen des Forums ausführlich diskutiert. So betonte Michael Fahrbach, Global Head Sustainability bei Glencore, in seinem einleitenden Referat, dass die Konzernverantwortung bei Glencore ein zentrales Thema darstelle: «Ohne den Konsens der Gesellschaft ist erfolgreiches Wirtschaften nicht möglich, deshalb verpflichten wir uns zu klaren und verbindlichen Standards, die Menschenrechte, Umweltschutz und Sicherheit für Mitarbeitende berücksichtigen». Doch die Konzernverantwortung werde der Rohstoffbranche in der öffentlichen Debatte leider allzu oft abgesprochen. Dies obwohl bei Glencore durchaus ein konkreter Nachhaltigkeitsplan vorhanden sei, wobei die Umsetzung von Massnahmen und die Erreichung von Lösungen auch Zeit brauche. Das Problem: die Debatte werde manchmal zu emotional geführt und dadurch würden die Fakten in den Hintergrund treten – «deshalb benötigt es mehr Dialog und weniger Anklage».

Chantal Peyer, von der NGO Brot für alle, unterstrich, dass es Veränderungen in der Unternehmenspolitik von einigen Grosskonzernen gegeben habe, das aber die konkreten Resultate dieser Politik, in den Entwicklungsländern, noch auf sich warten lasse: in Katanga beispielsweise würden Flüsse immer noch verschmutzt, unter anderem durch Schweizer Unternehmen. Hier sei oftmals Druck von aussen ausschlaggebend für mehr Transparenz. «Viele Unternehmen verfolgen meist erst dann einen nachhaltigeren Ansatz, wenn sie börsenkotiert sind, zu Medienberichten Stellung beziehen oder sie sich vor Aktionären rechtfertigen müssen». Deshalb bestehe gerade bei vielen privat gehaltenen Schweizer Rohstoffunternehmen noch immer das Problem, dass oftmals keine konkreten Informationen zu ihrer Nachhaltigkeits- und Menschenrechtspolitik vorhanden sind. «Hier stehen die meisten Rohstoffkonzerne noch ganz am Anfang. Auch bei Glencore ist die Veränderung erst seit dem Börsengang 2011 sichtbar», sagte Peyer.

Transparenz – Wandel im Gange?

Die Transparenz von Rohstofffirmen war in den letzten Monaten immer wieder Gegenstand der Schweizer Medienberichterstattung: Einerseits wurde der Schweizer Bundesrat verschiedentlich gelobt, dass im Rahmen der Aktienrechtsrevision Transparenzvorschriften für rohstofffördernde Unternehmen gelten sollen, jedoch auch kritisiert, weil dies nicht für den Rohstoffhandel gelte; andererseits hat mit Trafigura eine der grössten Rohstoffhändlerinnen im November 2014 bekannt gegeben, dass sie künftig freiwillig Zahlungen an Regierungen in 34 EITI-Ländern (Extractive Industries Transparency Initiative) offenlegen wird.

Welche Rolle sollte dem Staat dabei zukommen? Bruno Sauter, Generaldirektor für das Amt für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zürich, sieht hier eine klare Aufgabenteilung: Während die Öffentlichkeit kritische Fragen stellen solle, fungiere der Staat erst dann als Regulator, wenn etwas schief gelaufen sei, denn «der Staat kann und soll nicht alles präventiv regeln».

Dazu nahm auch der Präsident der Zug Commodity Association, Martin Fasser, Stellung: «Es wird in dieser Debatte um Transparenz seitens Öffentlichkeit und Kritiker zu viel erwartet. Vieles, was in der Schweiz gehandelt wird, stammt von integrierten Gesellschaften – das heisst Unternehmen, die sowohl Handel, als auch Abbau und Produktion betreiben und dadurch regelmässig ihre eigenen Produkte einkaufen». Für den firmeninternen Handel gälten aber andere Offenlegungspflichten, erläuterte er.

Ausblick: Verbesserungen im Nachhaltigkeitsbereich

Dass die komplexe Rohstoffbranche noch viele Hürden im Nachhaltigkeitsbereich zu nehmen hat, war in der Diskussion unbestritten. Doch wie können Fortschritte in diesem Bereich in den nächsten fünf bis zehn Jahren angestrebt werden? Für Thomas Hentschel, Direktor der Swiss Better Gold Initiative, ist klar, dass die Konsumenten mehr in die Pflicht genommen werden sollten. «Die Konsumenten müssen bereit sein, höhere Preise für nachhaltigere und verantwortungsvollere Produkte zu bezahlen».

Hier knüpfte Fahrbach an, und betonte, dass Unternehmen nicht in der Lage seien, die Probleme alleine anzugehen. Daher seien Partnerschaften entscheidend. Korruption oder andere Formen der Misswirtschaft könnten nur gemeinschaftlich gelöst werden. Für bedeutende Fortschritte seien jedoch Regulierungen und eine dringende Sorgfaltspflicht für Menschenrechte und Umweltschutz unumgänglich, wie Peyer festhielt, und deshalb bestehe für den Staat eine Handlungspflicht.