Mode und Nachhaltigkeit durch Innovation vereinbaren
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Mode und Nachhaltigkeit durch Innovation vereinbaren

Immer mehr und immer günstiger: Der Kleiderkonsum in der Schweiz hat sich seit 1950 verfünffacht. Der steigende Lebensstandard und die schnellen Kollektionswechsel haben dazu beigetragen, dass Kleidung zum modischen Wegwerfartikel verkommen ist. Wie können wir den ökologischen und sozialen Fussabdruck von Textilien über die gesamte Wertschöpfungskette reduzieren? Diese Frage stand im Zentrum des 21. Lifefair Forums.

Die 1874 erschienene Novelle «Kleider machen Leute» des Schweizer Dichters Gottfried Keller gehört zu den bekanntesten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur. Sie handelt von einem jungen Schneidergesellen, der es durch Kleider zu grossem Wohlstand und Ansehen bringt. Wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme der Kleiderproduktion werden darin nicht erwähnt, denn wer hätte damals schon gedacht, dass Herr und Frau Schweizer nur rund 140 Jahre später so wohlhabend sein werden, dass sie nur drei Prozent ihres Einkommens für Kleider ausgeben und es sich leisten können, jährlich rund 15 Kilogramm Kleidung zu kaufen und eben so viel wegzuwerfen?

Kleider als global produzierte Wegwerfartikel

Mit dieser literaturhistorischen Referenz eröffnete Kuno Spirig, CEO Lifefair, das 21. Lifefair Forum (siehe Box), an dem am 14. Dezember im Forum St. Peter in Zürich rund 250 Führungskräfte und Meinungsmacher das Thema «Kleider machen Leute – Mode und Nachhaltigkeit: Ein Widerspruch?» diskutierten. Der Blick zurück macht deutlich: Kleider haben sich seit Gottfried Kellers Zeit zu global hergestellten Wegwerfartikeln entwickelt – mit entsprechenden Folgen: Schwerwiegende Umweltbelastungen und prekäre Arbeitsbedingungen stellen in vielen Zulieferländern eine grosse Herausforderung dar. Neben der Schutzfunktion dienen Kleider heute in erster Linie der Selbstdarstellung; Für die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Textilproduktion scheinen sich indes nicht alle Konsumentinnen und Konsumenten zu interessieren, da diese aufgrund der globalen Produktion für den Konsumenten nicht sichtbar sind. Hinweise darauf finden sich auch im aktuellen Sorgenbarometer der Credit Suisse: Nur gerade 15 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sehen die Umweltthematik als wichtigste Sorge.

Innovatives Geschäftsmodell

Helmut Hälker, CEO der Remei AG, einer Schweizer Pionierfirma für nachhaltige Textilproduktion, eröffnete die Diskussion mit einem Input-Referat. Im Zentrum der innovativen Tätigkeit der Remei AG steht die Produktion von Textilien aus fairer Bio-Baumwolle in einer transparenten Prozesskette: Von der Ausbildung und Beratung der Bauern im Rahmen des kontrolliert biologischen Anbaus der Baumwolle in Indien und Tansania über die Verarbeitung bis zum fertigen Produkt: Sämtliche Produktionsstufen erfüllen strenge ökologische und soziale Anforderungen, die von unabhängigen Institutionen kontrolliert werden. Dieses Geschäftsmodell bringt wirtschaftliche, gesundheitliche und landwirtschaftliche Vorteile mit sich: Die Auszahlung von Bio-Prämien sichert die Existenz der produzierenden Bauern und da im Bio-Anbau keine teuren Chemikalien zum Einsatz kommen, entstehen keine Schuldenkreisläufe. Gleichzeitig wird die Gesundheit der Bauern nicht durch Pestizide beeinträchtigt und die langfristige Bodenfruchtbarkeit – die wichtigste Lebensgrundlage für Kleinbauern – kann sichergestellt werden. Den Hauptgrund für den Erfolg dieses nachhaltigen Geschäftsmodells sieht Helmut Hälker in der Zusammenarbeit mit den Partnern: «Von den produzierenden Bauern über sämtliche in der Produktionskette involvierten Firmen bis hin zu unseren Kunden: Überall bauen wir auf langfristige Partnerschaften auf Augenhöhe».

Nachhaltige Textilproduktion fördern

Über die Frage, wie der soziale und ökologische Fussabdruck von Textilien trotz nutzenmaximierenden Konsumenten verkleinert und eine nachhaltige Kleiderproduktion gefördert werden kann, diskutierte anschliessend an das Referat von Helmut Hälker ein Panel mit Führungspersönlichkeiten und Fachexperten.

Gleich zu Beginn der Diskussion wurde die Frage nach der Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für nachhaltige Mode gestellt. Aus eigener Erfahrung sieht Emanuel Büchlin, Leiter Einkauf Textilien bei Coop, den Preiszuschlag, den die Konsumenten gegenüber konventionell produzierter Mode zu zahlen bereit sind, bei rund 10 bis 15 Prozent des Verkaufspreises. Heute sei es – im Gegensatz zu vor 20 Jahren – möglich, ein Bioprodukt zu einem Preis zu verkaufen, der das Preis-Leistungsverhältnis stimmig macht. Stilexperte Jeroen van Rooijen, Design Director im Studio van Rooijen, macht dann auch in der Gesellschaft einen Richtungswechsel weg von modischen Trends hin zum Individualismus aus. Nachhaltigkeit werde dabei ein immer wichtigeres Kaufkriterium. Sein Ziel ist es, die Leute dazu zu bewegen, weniger, dafür aber qualitativ bessere Kleider zu kaufen: «Wir besitzen zu viel vom Gleichen und darum haben wir die Schränke voll. Es ist an der Zeit, dass wir uns darüber klar werden, wieviel ein Hemd eigentlich wert ist». Auch Helmut Hälker ist der Meinung, dass Textilien teurer und besser werden müssen, und dass wir weniger davon konsumieren müssen – denn «wer Mode trägt, trägt auch Verantwortung».

Für Dr. Alfred J. Beerli, CEO workfashion.com AG, ist jedoch klar, dass die Nachhaltigkeit als Beschaffungskriterium heute noch nicht denselben Stellenwert hat, wie der Preis oder die Qualität von Textilien. Um eine Kongruenz dieser Bewertungskriterien zu erreichen, appelliert er insbesondere an die öffentliche Hand. Diese sollte mit einer nachhaltigen Beschaffungspolitik – beispielsweise bei Berufsbekleidung – als Vorbild vorangehen. Und Christa Luginbühl, Leiterin der Clean Clothes Campaign, Erklärung von Bern, sieht vor allem in den viel zu tiefen Löhne im Textil-Produktionsbereich ein riesiges Problem: «Nur 0,5 bis 3 Prozent der Verkaufspreise gehen an die Lohnkosten für die Menschen, die die Kleider nähen». Dieser tiefe Lohn decke meist nur 20 bis 50 Prozent von dem ab, was die Arbeiter für ihr Leben brauchen. Positiv stimmt sie, dass verschiedene einflussreiche Organisationen dieses Thema auf der Agenda haben – beispielsweise die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die OECD.

Handlungsmöglichkeiten für die Schweiz

Wie also können wir Mode und Nachhaltigkeit vereinbaren und welche Handlungsmöglichkeiten und Chancen ergeben sich für die Schweiz und ihre Wirtschaft?

Eine zentrale Erkenntnis aus der Diskussion war, dass der Einfluss von Schweizer Firmen auf ökologische und soziale Standards bei der Textilproduktion nur dann gegeben ist, wenn sie einen hohen Anteil an der Produktion ihrer Zulieferer haben. Schweizer Firmen sollten sich deshalb auf möglichst wenige ausländische Zulieferer konzentrieren, um eine nachhaltige Produktion sicherstellen zu können. Darüber hinaus sollte in der Schweiz die öffentliche Hand stärker als Vorbild agieren und vermehrt ökologische und soziale Kriterien in ihrer Beschaffungspolitik berücksichtigen. Dass einige Panelteilnehmer zum Ende der Diskussion «Slow Fashion» mit qualitativ hochwertigen und hochpreisigen Produkten als neuen Trend und Alternative zur Wegwerfmode ausmachten, ist ein positives Zeichen für die Zukunft.