Dunkle Wolken am italienischen Bankenhimmel
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Dunkle Wolken am italienischen Bankenhimmel

Seit dem Brexit-Referendum hat sich die Aufmerksamkeit der Finanzmärkte nach Italien verlagert. Grund hierfür sind erhebliche Schwächen im italienischen Bankensektor und die damit verbundene Sorge vor einer Neuauflage der Rückkopplungsschleife zwischen Banken- und Staatsrisiko. Möglicherweise müssen die neuen EU-Regeln über staatliche Unterstützung bei der Abwicklung von Banken nachgebessert werden, um das Risiko erneuter finanzieller Turbulenzen in der Eurozone zu reduzieren.

Das Brexit-Referendum in Grossbritannien hat Befürchtungen aufkommen lassen, dass die Eurozone weiter wirtschaftlich aufgesplittert werden könnte. Angesichts des für Ende Oktober oder Anfang November geplanten Referendums über eine Verfassungsreform in Italien, von dessen Ausgang der Reformer Matteo Renzi seine politische Zukunft als Premierminister abhängig machen will, richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf Italien, da der Bankensektor dort aufgrund notleidender Kredite (NPLs) unter erheblichem Druck steht.

Kurzfristige Liquiditätshilfe nach dem Brexit – nicht die passende Lösung

Nach dem Brexit-Votum waren unter anderem italienische Banken am härtesten betroffen, ihre Aktienkurse sanken um durchschnittlich 40 Prozent. Die Europäische Kommission gestattete Italien und anderen Mitgliedstaaten, im Rahmen eines Liquiditätsunterstützungsprogramms Banken mit Liquiditätsgarantien in Höhe von EUR 150 Mia. zu stützen. Doch italienische Banken benötigen nicht Liquidität – sie benötigen Kapital, um die Verluste aus einer höheren Deckungssumme für notleidende Kredite auszugleichen.

Italienisches Bankensystem: gross, zu fragmentiert und schwach

Wie hoch ist das Risiko, dass sich diese Situation zu einer ernsteren Krise entwickelt? Nach Ansicht des Teams des International Wealth Management der Credit Suisse ist das Risiko nicht vernachlässigbar, kann jedoch vermieden werden, sofern die EU-Vorschriften zur Bankenabwicklung flexibel angewendet werden. Dennoch wirkt das italienische Bankensystem strukturschwach:

  • Mit rund 654 Banken ist das System stark fragmentiert. Die beiden grössten Bankengruppen Italiens, Unicredit und Intesa Sanpaolo, haben jeweils Marktanteile von lediglich rund zehn Prozent. Der Bankensektor wiederum ist gross, das Bilanzvolumen entspricht insgesamt rund 250 Prozent des italienischen BIP.
  • Die Brutto-NPLs sind sehr hoch: Ende des vierten Quartals 2015 betrugen sie EUR 360 Mia., das entspricht 18 Prozent aller Bankdarlehen. Der Grossteil dieser NPLs stammt aus Darlehen im Unternehmenssektor. Hier sind rund 30 Prozent der Darlehen ausfallgefährdet.
  • Die Rentabilität italienischer Banken verbesserte sich letztes Jahr dank der Konjunkturerholung leicht, doch sie liegt weiterhin unter dem europäischen Durchschnitt. Künftig dürfte die Rentabilität weiterhin eingeschränkt sein, bis eine endgültige Lösung für das Problem der notleidenden Kredite gefunden ist.

Auf der Suche nach einer Lösung

Grosse Sorge bereitet den Märkten unter anderem die mögliche Rückkopplungsschleife zwischen Banken- und Staatsrisiko, in der unterkapitalisierte Banken, die viele staatliche Schuldtitel halten, unter Druck geraten, während angesichts der Befürchtungen, dass eine Bankenrettung den Staat zu teuer kommt, ein Ausverkauf bei den Staatsanleihen stattfindet. In den Medien ist die Schätzung weitverbreitet, dass eine Kapitalspritze von rund EUR 40 Mia. erforderlich wäre, um die Bilanzen der italienischen Banken bereinigen zu können. Dies entspricht rund 2,5 Prozent des italienischen BIP. Trotz der relativ schwachen Wirtschaftsleistung Italiens gilt die Wirtschaft des Landes als ausreichend widerstandsfähig, um eine derartige Kapitalspritze abzufedern. Demnach ist eine Neuauflage der Staatskrise von 2011 als Folge relativ unwahrscheinlich.

Eine derartige Massnahme der italienischen Regierung würde jedoch der im Januar 2016 neu eingeführten Richtlinie zur Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten (Bank Recovery and Resolution Directive, BRRD) zuwiderlaufen, wonach ein Bail-out verboten ist, ohne zunächst Aktionäre und Anleihegläubiger an den Verlusten zu beteiligen (Grundsatz des sogenannten Bail-in). Das Problem bei einem Bail-in von Anlegern in Anleihen, das in der BRRD vorgesehen ist, besteht jedoch darin, dass dies vermutlich einem «politischen Selbstmord» des EU-freundlichen italienischen Premierministers Matteo Renzi gleichkäme, da Bankanleihen in Italien weitestgehend von Kleinanlegern gehalten werden.

Sollte keine endgültige Lösung für das Problem der notleidenden Kredite in Italien gefunden werden, könnte dies anhaltend schwache Wirtschaftsergebnisse in Italien nach sich ziehen. Gleichzeitig müsste sich der europäische Bankensektor insgesamt weiterhin mit Bedenken des Marktes in Bezug auf eine mögliche Ansteckungsgefahr auseinandersetzen.

Nachbesserung der Vorschriften zur EU-Bankenunion

Als Ausweg aus diesem Dilemma wird derzeit die Einrichtung eines zweiten Bankenrekapitalisierungsfonds aus privaten Mitteln in Erwägung gezogen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch sehr gross, dass dies das Problem nur vertagen würde. Andere Lösungsansätze sehen eine Entschädigung der Kleinanleger für Verluste durch den italienischen Staat oder sogar nur ein teilweises Bail-in institutioneller Anleger vor. Damit würden institutionelle Anleger nachrangig behandelt und Kleinanleger geschützt werden, doch diese Lösungen könnten auch erhebliche rechtliche Fragen aufwerfen.

Laut dem Team des International Wealth Management der Credit Suisse dürfte bei den laufenden Verhandlungen zwischen der italienischen Regierung und der Europäischen Kommission eine Lösung angestrebt werden, in der eine Finanzkrise vermieden wird und die im Einklang mit den EU-Vorschriften steht. Diesbezüglich gewährt die BRRD einen gewissen Spielraum, da eine ausserordentliche Unterstützung aus öffentlichen Mitteln zulässig ist.

Initiativen zur Stärkung des Bankensystems werden vermutlich nur langfristig wirken

Seit Mitte 2015 hat die Regierung unter Matteo Renzi zahlreiche Initiativen zur Stärkung der Banken eingeleitet, doch deren Auswirkungen werden sich vermutlich nur in moderater Form und langfristig zeigen:

  • Erleichterung von Insolvenzverfahren: Im August 2015 änderte die italienische Regierung das Insolvenzgesetz und die Zivilprozessordnung, um Insolvenzverfahren und Zwangsvollstreckungen zu vereinfachen. Schätzungen der Banca d’Italia zufolge könnte dank diesen Änderungen die Verfahrensdauer auf die Hälfte verkürzt werden. Derzeit beträgt die Verfahrensdauer bei Insolvenzverfahren über sechs Jahre und bei Zwangsvollstreckungen über sieben Jahre. Darüber hinaus sollte diese Reform höhere Erlösquoten für Gläubiger und eine Wertsteigerung von notleidenden Krediten ermöglichen und die Entwicklung eines privaten Marktes für notleidende Kredite ankurbeln.
  • Neue Staatsgarantien zur Verbriefung notleidender Kredite könnten möglicherweise den Banken bei der Bereinigung ihrer Bilanzen helfen, doch es bestehen erhebliche Zweifel, ob diese Lösung wirklich funktioniert. Letzten Endes müssten die Banken erhebliche Verluste bei der Verbriefung notleidender Kredite ausweisen, da ihr Buchwert weiterhin den potenziellen Marktwert deutlich übersteigt.
  • Auflegung eines privat finanzierten Bankenrekapitalisierungsfonds («Atlante»): Im April gaben der italienische Staat und Finanzunternehmen die Einrichtung eines Fonds mit einem Volumen von EUR 4,25 Mia. unter dem Namen Atlante bekannt, der im Mai und Juni als Käufer in letzter Instanz für zwei kleinere italienische Banken fungierte, die Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung auf den Kapitalmärkten hatten. Nach diesen beiden Aktionen verfügt der Fonds noch über rund EUR 1,75 Mia., die für den Kauf von Juniortranchen von verbrieften notleidenden Krediten eingesetzt werden. Auch wenn damit einige italienische Banken kurzfristig unter einem geringeren Finanzierungsdruck stehen, ist der Fonds nicht in der Lage, das italienische Bankensystem erheblich zu verbessern. Erstens ist der Fonds verglichen mit der Höhe der notleidenden Kredite klein. Zweitens wird auf diese Weise das Risiko im Wesentlichen nur innerhalb des Systems verlagert – weg von schwächeren hin zu stärkeren Banken.